Sarah E. Bischof – Panthertage

Über Krankheiten spricht niemand gern. Schon gar nicht, wenn diese chronisch sind oder wenn sie –  auf welche Art und Weise auch immer – nicht direkt von außen kommen. Denn dann scheinen sie nicht nur wie ein Makel in unserer perfekten Welt, die Betroffenen haben auch keinen Einfluss darauf. Wie bei vielen Erkrankungen schweigen die Betroffenen, sei es nun aus Scham, Angst, Überforderung oder was auch immer. Leider ist eine Folge dieses Schweigens das Fehlen einer Lobby, mangelnde Aufklärung und somit auch eine Form der Stigmatisierung – ein reiner Teufelskreis. Vielleicht fand Sarah Bischof genau da die Motivation, ihre eigene Erkankung zu thematisieren und „Panthertage“ zu schreiben.

[lightgrey_box]Sarah ist zwanzig, hat gerade die Schule hinter sich und will mit Vollgas ins Leben starten – doch dann erleidet sie einen epileptischen Anfall. Und noch einen und noch einen. Plötzlich sieht die lebenslustige Sarah sich mit einer Krankheit konfrontiert, die ihr Leben mit einem Schlag komplett verändert. Was folgt, sind eine Zeit voller Anfälle und Medikamente, viele Momente der Einsamkeit, Wut und Scham und die Konfrontation mit zahllosen Vorurteilen. Aber Sarah gibt sich und ihre Träume nicht auf. Heute, zehn Jahre, sieben Antiepileptika und unzählige Arztbesuche und Klinikaufenthalte später, ist Sarah eine junge, selbstbewusste Frau und steht mit beiden Beinen im Leben. In Panthertage blickt sie auf ihre Geschichte zurück: eine Geschichte über das Leben mit Epilepsie, das nicht immer einfach, dafür aber jederzeit lebenswert ist.[/lightgrey_box]

PanthertageWas tut man, wenn man als junger Erwachsener mit einer Diagnose wie Epilepsie konfrontiert ist. Eine Krankheit, die in ihren Erscheinungsformen und Ursachen so vielfältig ist, dass die endgültige Diagnostik sich über Jahre zieht. Schon darum kann man sagen, dass jede Epilepsie für sich steht und quasi ein „Einzelschicksal“ ist: Wer hier versucht zu verallgemeinern oder zusammen zu fassen, der steht innerhalb kürzester Zeit vor einem ernsten Definitionsproblem. Und gerade aufgrund dieser Verschiedenheit stelle ich mir vor, dass bei vielen Betroffenen die Frage nach dem Warum steht. Sarah Bischof schildert das in ihrer Autobiografie sehr schön mit ihrer Suche nach der Ursache. Auch wenn sie weiß, dass sich dadurch nichts ändert, dieser eine Fakt ist ihr wahnsinnig wichtig. Er macht für sie die Diagnose greifbarer. Doch bis dahin vergehen fünf Jahre voller Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Gespräche mit Therapeuten und dem Versuch, sich mit der eigenen Unberechenbarkeit zu arrangieren. Für sie heißt es jeden Tag: Du gegen dich selbst. Ganz besonders an den Titel gebenden Panthertagen, den tiefschwarzen Tagen, die auf einen Anfall folgen.

An und für sich denkt man da: Klar, das geht doch alles, sie hat doch Familie und Freunde, ein geregeltes Umfeld. Aber wie bei vielen Menschen, die schwer erkranken, dünnt sich auch das Umfeld der Autorin immer weiter aus. Und da Epilepsie nicht nur eine unberechenbare Krankheit, sondern auch eine unauffällige Krankheit ist, wird sie nicht als „krank“ wahrgenommen und mehr als einmal als Spinnerin abgetan. Auch das ist ein Schicksal, dass sie mit vielen chronisch Kranken teilt.
So steht Bischof mehr als einmal allein da und muss sich immer wieder rechtfertigen – was sie scheinbar geradezu zwanghaft tut. Immer wieder betont sie gegensätzliche Aspekte ihres Lebens und ich habe mich mehr als einmal gefragt, worauf sie jetzt eigentlich hinaus will. Dadurch erscheint sie im Buch immer wieder als wahnsinnig zerrissen, als wisse sie selbst nicht, was sie eigentlich wolle. Erst gegen Ende geht sie auch für den Leser merklich in sich, reflektiert ihren eigenen Möglichkeitenhorizont und findet eine Art von Gleichgewicht, das völlig neu ist. Davor empfand ich sie immer als verkopft und nicht bereit, Zugeständnisse zu machen – weder an sich noch an ihre Umwelt. Daran wird aber auch deutlich, wie schwer es für einen Erwachsenen ist, sich mit einer so endgültigen Diagnose abzufinden. Während meines Studiums habe ich Freizeiten für Jugendliche mit Behinderungen betreut, auf denen auch immer Menschen mit Epilepsie dabei waren. Bei denen bestand die Diagnose aber seit Geburt bzw. frühester Kindheit, sie sind damit groß geworden. Sie sind allesamt wesentlich entspannter gewesen und gerade dadurch ist für mich der Kontrast zu Bischof so stark.

Sehr schade fand ich, dass die Facts zu Epilepsie erst am Ende des Buches zu finden waren. Da ich das Thema Epilepsie bereits ausgiebig in der Schule behandelt habe (theoretisch hätte ich meine Facharbeit darüber schreiben können, hab mich dann aber für Schizophrenie als Oberthema entschieden), war ich als Leser hier im Vorteil. Doch gerade weil die Autorin in ihrer Erzählung immer das fehlende Wissen über die Krankheit beklagt, hätte ich hier mehr erwartet. So werden die meisten Leser in der Regel wohl mit gefährlichem Halbwissen das Buch beginnen. Doch gerade dieses Halb- oder Unwissen beklagt die Autorin selbst an diversen Stellen im Buch – da habe ich mich schon gefragt, warum sie diese Chance einfach verstreichen lässt und den Leser nicht direkt zu Beginn in ihr Thema holt. 

Fazit


Wem es noch nicht aufgefallen ist – mich hat das Buch nicht mitreißen können. Vielleicht habe ich einfach zu viele Parallelen zu anderen Menschen gezogen, vielleicht liegt es auch daran, dass auch ich zu denen gehöre, die nicht gern über Krankheiten lesen. Auf jeden Fall hatte ich mehr von diesem Buch erwartet, vor allem Wissensvermittlung. Dennoch rate ich jedem, der sich für das Thema interessiert, das Buch zu lesen, denn es vermittelt immerhin einen Einblick in ein so schwierig zu fassendes Krankheitsbild. 
Und wer doch noch Hilfe bei der Entscheidung braucht – Petzi hat das Buch sehr gut gefallen.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Maike


Sarah E. Bischof – Panthertage
Verlag: Eden Books
208 Seiten, Broschiert, 14,95€

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3 Kommentare

  • Antworten Lotta 11. Mai 2015 um 21:12

    Hallöchen Liebes,
    ach ja.. ich lese eigentlich wirklich gerne so Bücher die verschiedene Krankheiten behandeln, aber ich weiß nicht ob dieses hier etwas für mich wäre. Eine reine Wissensvermittlung habe ich irgendwie nicht nötig, durch meine Ausbildung, aber ich erfahren gerne etwas von den Menschen, die mit dieser Krankheit leben müssen. Wie sich der Alltag gestaltet und so weiter. Ich bin noch unschlüssig, ob ich das Buch lesen werde oder nicht. Was ich aber gestehen muss, ist, dass ich das Cover eigentlich so gar nicht mag. D:

    Liebst, Lotta

    • Antworten Maike 12. Mai 2015 um 19:49

      Liebe Lotta,
      das Cover ist wirklich Geschmackssache. Aber es passt schon zum Tenor des Buches. Die Autorin berichtet halt von ihrem Alltag und das ist verständlicherweise ausschließlich subjektiv und stellt sie selbst ins Zentrum. Von daher ist das Motiv durchaus passend gewählt. Der Text ist rein subjektiv, sie berichtet von ihrem Alltag. Vielleicht musst du einfach mal in die Leseprobe schauen?
      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten primeballerina 20. Mai 2015 um 00:03

    Liebe Maike,

    weil es mir gerade auffällt – bei den Buchangaben unten sollte es wahrscheinlich „Sarah E. Bischof“ statt „Fischer“ heißen…? ;-)

    Liebe Grüße,
    Jess

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