Sara Baume – Die kleinsten, stillsten Dinge

„Er rennt, rennt, rennt.“ So beginnt dieser außergewöhnliche Roman von Sara Baume „Die kleinsten, stillsten Dinge“. Und so endet er auch. Denn Anfang und Endpunkt sind hier die unendliche Freiheit eines Hundes. Das unbändige Glück und zugleich das eigentliche Lebensziel: Laufen, Bewegung, Frei-Sein, Unterwegs-Sein.
Die junge britische Schriftstellerin Sara Baume hat einen berührenden, leisen und doch sehr kraftvollen Roman über die Beziehung eines Hundes und eines Mannes geschrieben, die sich gegenseitig erretten.

Der Ich-Erzähler des Romans ist ein älterer, etwas sonderbarer Mann, der als Einsiedler im Haus seines verstorbenen Vaters lebt. Eines Tages entdeckt er einen Aushang des Tierheims über einen räudigen, einäugigen Hund. Er weiß selbst nicht, was ihn dazu bewegt, deswegen von seinen Gewohnheiten abzuweichen und das Tier zu sich zu holen. Vielleicht erkennt er sich selbst in diesem etwas verlotterten Wesen wieder. Eine ähnliche einsame Seele.

Sara Baume erzählt von der zarten, etwas unbeholfenen Annäherung dieser beiden gequälten Seelen. Dabei wird nicht enthüllt, warum Einauge – so der neue Name des Tieres – von seinem Heimathof weglief. Es bleibt unklar, ob wirklich ein Tierangriff für sein fehlendes Auge verantwortlich war. Doch wir erfahren nach und nach von den unsichtbaren Verletzungen des Mannes. Von den Misshandlungen und tiefen seelischen Wunden, die dessen Vater ihm sein ganzes Leben zugefügt hat. Man beginnt zu begreifen, dass er sich sein Einsiedlerleben nicht ausgesucht hat. Dass er sich sein Leben lang nach einem Freund sehnte.

Nach einigen ungünstigen Vorfällen müssen Einauge und sein Herrchen überstürzt das beschauliche Dorf verlassen, in dem sie lebten. Im klapprigen Kombi befahren die beiden von nun an die kleinen Dörfer und Seitenstraßen Irlands. Der wohl seltsamste Road-Trip der Literaturgeschichte folgt. Und ein herzzerreißendes Finale, das einem den Atem stocken lässt.

Eindringlich, mit einer poetischen, an Poetry Slams erinnernde Sprache erzählt Sara Baume eine ungewöhnliche Geschichte voller Zartheit und Wärme. Ihr Stil ist wohl das Faszinierendste an diesem Debüt: Mit kurzen Sätzen, spannenden Perspektivwechseln und ungewöhnlichen Bildern erzählt sie so frisch und lebendig von zwei gesellschaftlich Abgehängten, dass man das Gefühl hat, nie etwas Spannenderes gelesen zu haben.

Ein Roman, der nachhallt; eine Autorin, die man sich merken muss.

Eure Mareike


Sara Baume – Die kleinsten, stillsten Dinge
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 288 Seiten, ca. 19,95€

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4 Kommentare

  • Antworten Marcus vom Bücherkaffee 30. Mai 2017 um 14:20

    Liebe Mareike,
    toll, wie du deine Begeisterung für das Buch rüberbringst! Mir ging es genauso: die ungewöhnliche direkte Sprache und die traurig-schöne Geschichte haben mich in ihren Bann gezogen. Ein kleines, stilles Highlight :-)

    Herzliche Grüße,
    Marcus

  • Antworten -Leselust- 3. Juni 2017 um 09:15

    Oh, das klingt so guuuut! Also wenn man nach dieser Rezension das Buch nicht sofort auf seine Wunschliste setzt, dann weiß ich auch nicht. Danke für diesen Buchtipp. Hatte bisher weder vom Titel, noch der Autorin was gehört. Aber bei so viel Begeisterung deinerseits, sollte ich das wohl schnellstens ändern.
    Liebe Grüße, Julia

  • Antworten [Die Sonntagsleserin] Mai 2017 | Phantásienreisen 4. Juni 2017 um 08:32

    […] poetisch erzählte, besondere Freundschaft zwischen zwei Außenseitern steht im Mittelpunkt von „Die kleinsten, stillsten Dinge“, das Mareike uns auf Herzpotenzial […]

  • Antworten leipziglauscht 4. Juni 2017 um 19:07

    Hey Mareike,

    das klingt ja wirklich wirklich schön! Wird gleich auf die Leseliste gesetzt … aktuell sind Hunde bei mir ja ein sehr präsentes Thema weil ich mir selber nach über 14 Jahren endlich diesen Traum erfüllen will … was passt da also besser als ein solches Buch zu lesen? Zumal ich außerdem noch großer PoetrySlam-Fan bin … das scheint mir eine verheißungsvolle Kombination ;)

    Liebe Grüße

    Melanie vom LeipzigLauscht-Team

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