Rezension zu Samuel Selvon Die Taugenichtse

Samuel Selvon – Die Taugenichtse

Als mich der Roman „Die Taugenichtse“ von Samuel Selvon erreichte, war ich erst einmal skeptisch. Dieses Buch wird breit beworben als ein moderner Klassiker der britischen Literatur. Wer sich ein wenig mit Verlagsvorschauen beschäftigt, ist des Wortes „moderner Klassiker“ irgendwann überdrüssig. Zu großzügig wird dieses Wort auf alle möglichen Werke angewandt. Doch bereits nach den ersten Seiten, wenn der Erzähler und Protagonist Moses im winterlichen Nebel Richtung Waterloo Station zieht, verschwindet die Skepsis schnell.

Man wird in einer eigentümlichen Sprache in eine eigentlich vertraute Welt geholt, die einem plötzlich fremd und wunderlich erscheint. London ist eine meiner absoluten Lieblingsstädte. Doch durch die Augen und vor allem durch die farbenprächtige Sprache der karibischen Einwanderer habe ich sie neu entdeckt.
In Episoden erzählt Moses von seinem Leben im London der Nachkriegszeit. Wie er wurden viele junge Männer aus den Kolonien mit großen Arbeitsaussichten nach London gelockt. Man benötigte ihre Arbeitskraft nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch nach einigen Jahren wurden es mehr und mehr Einwanderer, immer mehr holten ihre ganzen Familien nach und die Stimmung beginnt sich zu ändern. Es wird schwerer, eine anständige Arbeit und eine gute Wohnung zu finden. Und doch werden täglich neue hoffnungsvolle Gestalten, Glücksritter und Träumer vom Hafen direkt an den Bahnhof Waterloo gespült.
Hier empfängt Moses regelmäßig welche von ihnen – weil ihn ein Freund oder entfernter Verwandter darum gebeten hat, diesem Neuankömmling zu helfen, in der großen, kalten Stadt Fuß zu fassen. Moses selbst lebt schon viele Jahre in London, selbst nach wie vor in einem kleinen, schäbigen Zimmer, mit einer alten Gasheizung mit Münzeinwurf. Heute ist es Henry, der schnell den Spitznamen Galahad erhält, und in einem viel zu dünnen Sommeranzug vor ihm steht. Voller Vorfreude auf das nun Kommende und der festen Überzeugung, dass ihn Großes in London erwartet. Moses, nach Jahren des Scheiterns eher desillusioniert, versucht Galahad auf den Boden der Tatsachen zu holen. Er erzählt von der schwierigen Wohn- und Arbeitssituation, dem aufkeimenden Rassismus und den Strömen an Einwanderern. Doch weder Galahad noch einer der anderen Freunde von Moses, die uns nach und nach begegnen, lassen sich von ihren Träumen und ihrer Fröhlichkeit abbringen.

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In einzelnen Episoden, die teilweise Anleihen an James Joyce‘ „Ulysses“ oder Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ haben, begleiten wir Moses und seine sehr unterschiedlichen Freunde Tolroy, Big City, Fünf-nach-Zwölf und den jungen Galahad auf jedem Alltag durch London. Wir erleben ihre Liebesabenteuer, ihre Schrullen und auch seltsame Verzweiflungstaten. So ist es schon mal notwendig, dass man sich ein paar Tauben vom Dach fängt, wenn der Hunger zu arg wird.

Lustig, lebendig und mit einer perfekten Mischung aus Melancholie und Komik erzählt Samuel Selvon in diesem Episodenroman vom Lebenskampf der karibischen Einwanderer im Nachkriegslondon. Doch eigentlich erzählt er sehr viel mehr: Es ist die Geschichte eines jeden Einwanderers, jedes Fremden und Neuankömmlings, der zwischen Heimweh und Hoffnung versucht Wurzeln zu schlagen. Dabei verwendet er eine geniale Kunstsprache, die an den karibischen Slang erinnern soll und sehr organisch von der Übersetzerin Miriam Mandelkow in farbenfrohen, fast tänzelnden Zeilen ins Deutsche übersetzt wurde.

Hier kann man mit Überzeugung sagen, dass die Werbeversprechen NICHT übertrieben haben. Dieser Klassiker der Migrationsliteratur ist umwerfend und doch voller Leichtigkeit und Witz – deshalb: #ichbineintaugenichts!

Eure Mareike


Samuel Selvon – Die Taugenichtse
Verlag: dtv
Gebunden, 176 Seiten, ca. 18 Euro

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