Ruth Cerha – Bora. Eine Geschichte vom Wind

Stellt euch bitte Folgendes vor: Eine kleine, verschlafen wirkende kroatische Insel mit einer steilen Küstenlandschaft und einem Dorf, das sich in einen Hafenteil und ein Oberdorf auf der steilen Klippe verteilt. Verbunden werden beide Dorfteile durch einen steilen, beschwerlichen Aufstieg – gehauen in die schroffe Felswand. Das Leben hier ist rau und doch voller Idylle und schlichter Schönheit. Die Menschen leben vom Fischfang und dem Tourismus. Die Landschaft ist teilweise karg, doch robust, denn diese Insel wird von einer Naturgewalt geprägt, die es in der Form nur in dieser Region gibt: Die Bora.

[lightgrey_box]Bora: Winde vom Bora-Typ gehören mit ihrer Häufigkeit und ihren hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten, vor allem zwischen Triest und der Nordwest-Küste Kroatiens sowie in Teilen Süddalmatiens und Montenegros, zu den stärksten der Welt. Spitzengeschwindigkeiten einzelner Böen erreichen hier Werte von bis zu 250 km/h.Die Bora ist sehr stürmisch und böig, wobei die Böen in Einzelfällen bis zu 250 km/h erreichen. Die Bora bläst vorwiegend im Winter. Im Sommer dauert sie einen Tag oder einige Stunden, während sie im Winter bis zu 14 Tage wehen kann. Quelle: Wikipedia [/lightgrey_box]

Cerha_Bora_Cover_FVA In dieses Setting setzt die Autorin Ruth Cerha ihre Protagonistin Mara – eine nicht mehr ganz junge Schriftstellerin. Wie jeden Sommer verbringt Mara hier ihre Sommermonate, genießt das ruhige, abgeschiedene Leben, das einen ganz anderen Rhythmus zu haben scheint, als ihr Leben in Wien. Frisch getrennt von ihrer langjährigen und von Machtkämpfen geprägten Beziehung, sehnt sie sich vor allem nach einem freien Kopf und ein wenig Abstand von der Männerwelt. Schon länger fehlt ihr die Inspiration für neue Texte und hier, in dieser Abgeschiedenheit will sie nun in sich gehen.
Doch nach einigen Tagen auf der Insel dreht sich der Wind und weht Andrej, einen Fotografen und Weltenbummler, auf die Insel. Andrej ist der Sohn von kroatischen Exilanten, die sich in den 60ern für ein neues Leben in Amerika entschieden haben. Doch genau wie viele andere Familien, die damals diesen Schritt in die Fremde wagten, zieht es den Fotografen immer wieder in die alte Heimat zurück.
Diese beiden etwas ruhelosen und freiheitsliebenden Menschen treffen aufeinander und vom ersten Augenblick an ist da diese Anziehungskraft. Ein wenig irrational reagieren und unbeholfen reagieren sie aufeinander. So steht Andrej unvermittelt mit einem rohen Fisch vor Maras Tür, was sie völlig verwirrt. Doch auch er ist verwirrt von dem, was Mara in ihm auslöst.
Im Laufe der Sommertage finden sie sich, treiben aufeinander zu, gehen plötzlich wieder auf Abstand, suchen einander erneut. Immer begleitet von dem Aufwallen der Bora, die für einige Tage die flirrende Hitze des Sommers vertreibt und schneidende Polarwinde mit sich bringt, kühlen auch die Gefühle zwischen den beiden immer wieder ab. Doch kaum dreht der Wind, flammt Leidenschaft auf, die die beiden selbst überrascht.
Ruth Cerha erzählt die Geschichte eines Windes und seiner Auswirkung auf eine Insel und seine Bewohner. Sie erzählt sehr authentisch von missgedeutetem Zögern und Blicken, von der Anziehungskraft, die zwei Menschen für einander empfinden können, ohne sich selbst dabei völlig zu vergessen. Dabei wechselt sie sehr geschickt zwischen den beiden Protagonisten und deren Gedankenwelt. Der Leser erhält dadurch teilweise überraschende Einblicke, versteht plötzlich Zusammenhänge, die vorher undeutbar schienen. Neben dem Wind als zentrales Motiv dreht sich vieles um die Frage von Heimat und Sehnsucht und inwiefern diese beiden Pole entscheidend für die Kreativität sind. Freiheit und sich nach der Ferne sehnen sind in beiden Figuren so tief verwurzelt, dass sie sich nur zögerlich dem anderen öffnen können.

Ich fand es sehr erfrischend ein Buch zu lesen, das nicht von rückhaltloser Leidenschaft erzählt, sondern von zwei Menschen, die mitten im Leben stehen und sich selbst und die eigenen Bedürfnisse kennen und den gegenseitigen Freiraum des anderen respektieren. Freiheit und künstlerische Entfaltung sind zentrale Punkte dieses zarten und doch kraftvollen Romans.

Fazit


Wer ein Buch sucht, dass Sommer atmet und zugleich Tiefe und Sehnsucht enthält, der sollte unbedingt nach „Bora“ greifen und sich auf diese schöne Geschichte einlassen. Hier atmet jede Seite Fernweh.

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Eure Mareike

Ruth Cera – Bora. Eine Geschichte vom Wind
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Roman, gebunden, 256 Seiten, 19,90€

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4 Kommentare

  • Antworten Silvia 16. September 2015 um 20:32

    Den Sommer per Buch zurückholen: sehr verführerisch bei dem Wetter!

    • Antworten Mareike 16. September 2015 um 20:38

      Absolut! Und wenn es nebenbei noch anspruchsvoll und voller Charme ist, lohnt es sich doppelt!
      Der perfekte Moment für dieses Buch bei diesem Wetter ;)

  • Antworten Lina 16. September 2015 um 20:51

    Oh das klingt nach einem Buch nach meinem Geschmack – besonders das Spannungsfeld von Heimat und Sehnsucht und von Anziehungskraft und dem sich-nicht-verlieren-Wollen machen mich neugierig. Und wieder wird die Wunschliste länger :)

    • Antworten Mareike 16. September 2015 um 20:54

      Ja, bitte lies es unbedingt! Es ist so schön und bringt einen weit, weit weg. Es ist wie Miniurlaub!

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