Rose Tremain – Und damit fing es an

Rose Tremains „Und damit fing es an“ war ein Wackelkandidat auf meiner Wunschliste. Der Klappentext hat mich nicht zu 100% überzeugen können. Doch dann wurde mir das Buch noch einmal ans Herz gelegt, dieses Mal von einem netten Verlagsmitarbeiter. Also hab ich in die Leseprobe geschaut und musste feststellen – er hat Recht! Das ist ein Buch für mich.

Rose Tremain hat eine sehr leise und ernste Geschichte geschrieben, die mich beim Lesen traurig und zugleich hoffnungsvoll gemacht hat. Sie siedelt die Geschichte im schweizerischen Matzlingen an, zum Ende der 1940er Jahre. Ihr Hauptprotagonist ist Gustav Perle, der zu Beginn des Buches sechs Jahre alt ist und zu diesem Zeitpunkt bereits sehr erwachsen wirkt. Seine Mutter Emilie liebt er über alle Maßen und er tut alles für ein freundliches Wort von ihr oder ein Zeichen von Liebe und Anerkennung. Doch vor allem lernt er eines von ihr: Man muss sich beherrschen. UndUnd genau das versucht Gustav zu perfektionieren. In der Schule lernt er Anton Zwiebel kennen, der mit seiner Familie gerade in das beschauliche Örtchen gezogen ist. Anton stammt aus einer jüdischen Familie, hat liebevolle Eltern und lebt mit ihnen in einer großen Wohnung. Für Gustav eine völlig neue Welt. Schließlich lebt er mit seiner Mutter in einer Wohnung, in der es nicht einmal einen Tisch gibt, und seine Mutter arbeitet nicht nur in der Käsefabrik, sondern geht auch noch putzen, um genug für sich und den Sohn zu verdienen. Antons Welt mit all den schönen Dingen fasziniert ihn und weckt Sehnsüchte. Die beiden Jungen freunden sich an, doch Gustavs Mutter ist gegen die Freundschaft und versucht, den Kontakt zu unterbinden. Einen Grund äußert sie nie, dennoch merkt ihr Sohn, dass es irgendeinen Zusammenhang mit dem Tod seines Vaters gibt, der während der Nazi-Herrschaft jüdischen Flüchtlingen half. Über die Jahre gelingt es den beiden aber dennoch, ihre Freundschaft zu erhalten. Gustav wird Besitzer eines Hotels, Anton anerkannter Musiklehrer. Und erst als ihm eine Karriere als Pianist winkt, merkt Gustav, was ihm die Freundschaft eigentlich wirklich bedeutet.

Rose Tremains Geschichte ist leise und von Traurigkeit durchzogen. Schon auf den ersten Seiten erfasst sie einen beim Lesen, wenn man diesen ernsten kleinen Jungen kennenlernt, der kein Spielzeug hat und nur seiner Mutter gefallen will. Da ist es schon fast eine Erleichterung, als Anton in sein Leben tritt und er eine andere Welt, eine andere Realität kennenlernt. Er entdeckt das Schöne und die Kunst, er sieht Elternliebe und elterliche Unterstützung. Doch trotz allem bleibt er seiner Mutter treu, erhebt nie das Wort gegen sie und fügt sich ihren Anweisungen. Seine leisen Zweifel behält er für sich und fragt sie nie, warum sie der Freundschaft mit Anton so skeptisch gegenüber steht.
Im zweiten Teil des Buches gestattet Tremain dem Leser jedoch einen Blick in Emilies Vergangenheit und berichtet von ihrer Ehe mit Gustavs Vater, den sie immer als Helden beschreibt. Auch hier zeigt sich nach und nach eine Geschichte voller Traurigkeit, die Emilies harte Haltung gegenüber Gustav einzuordnen hilft. Gustav selbst ist sein ganzes Leben lang von der Beziehung zu seiner Mutter geprägt. Auch als Erwachsener buhlt er immer noch um ihre Anerkennung und stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück. Er ist bereit, alles für seine Mutter oder für Anton stehen zu lassen, um ihnen zu Hilfe zu eilen. Für sich selbst tut er nur selten etwas – er beherrscht sich.

Beeindruckend ist die Art und Weise, wie die Geschichte der Figuren beschrieben wird. Durch den leisen Erzählton bleibt die Autorin immer freundlich und einfühlend, sie verurteilt Gustavs Mutter nicht für ihre Haltung gegenüber ihrem Sohn oder schiebt sie in eine „schlechte Mutter“-Ecke. Die Schwächen der Charaktere sind einfach ein Teil von ihnen, der selbstverständlich zu ihrem Leben dazu gehört. So wirken die Figuren nicht langweilig und eindimensional, sondern aus dem Leben gegriffen und real.
Einzig Gustavs ewiger Versuch, seiner Umwelt zu gefallen, ging mir irgendwann auf die Nerven. Er erkennt zwar seine eigenen Bedürfnisse nach Glück und Zufriedenheit, stellt jedoch jegliche Maßnahmen um sie zu erreichen zurück und zieht das Glück der anderen vor. Er wird immer trauriger, während sein Leben an ihm vorbei zieht. Ich hätte ihn gern an den Schultern gepackt und gerufen, dass er damit aufhören muss.

Fazit


Ein so starkes und dabei so leises Buch habe ich lange nicht mehr gelesen. Das Leben ist nicht perfekt und voller Glück, aber Freundschaft und Hoffnung machen es leicht und lebenswert. Ich habe es fast in einem Rutsch beendet und war am Ende froh, es gelesen zu haben. Danke für den tollen Tipp!

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Eure Maike


Rose Tremain – Und damit fing es an
Verlag: Insel
333 Seiten, Hardcover, 22,00 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

2 Kommentare

  • Antworten Jen 20. September 2016 um 12:30

    Durch deine Rezi wandert das Buch direkt einmal auf den Wunschzettel.
    Das klingt nach einer passenden Geschichte für mich :)

  • Antworten Rose Tremain: Und Damit Fing Es An | Bücherwurmloch 16. Februar 2017 um 09:23

    […] Und damit fing es an von Rose Tremain ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-458-17684-8, 333 Seiten, 22 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr eine schöne Besprechung von Herzpotenzial. […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: