Richard Yates – Cold Spring Harbor

Richard Yates ist ein Autor, der sich in den 50er und 60er Jahren als ein ausgezeichneter und schonungsloser Chronist seiner Zeit hervortat. Sein Werk „Revolutionary Road“/ „Zeiten des Aufruhrs“ ist einer der beeindruckendsten Gesellschaftsromane, die ich gelesen habe. 2007 hat Sam Mendes diesen Roman dann auch noch nach meinem Geschmack perfekt mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio für die Leinwand adaptiert. Buch wie Film kann ich uneingeschränkt empfehlen. 
Doch wie kommt es, dass ein Autor wie Richard Yates, der mit Salinger und Updike verglichen wird, fast in Vergessenheit geraten ist? „Cold Spring Harbor“ ist 1986 erschienen, als Yates schon kaum noch literarisch wahrgenommen wurde. Zu schade, wenn man bedenkt, mit welcher erzählerischer Kraft und präziser Analyse er seine Geschichten verfasst hat.
Yates_Cold_Spring_Harbor_Instagram02Auch dieser Roman bildet da keine Ausnahme: Im Zentrum des Romans stehen Charles Shepard, ehemaliger Soldat, der nie so recht überwunden hat, dass er erst im Feld ankam, als der Krieg quasi gewonnen war und sein Sohn Evan. Die Sorge um den Spross ist nicht ganz unberechtigt. Sein einziges Talent und Interesse scheinen Autos zu sein – welch Ironie, dass er auf der Rückbank seines geliebten Autos ein junges Mädchen schwängert. Schnell wird geheiratet, ein kleines Mädchen wird geboren und fast genauso schnell wird die Teenagerehe auch wieder geschieden.
Wir begleiten Evan nun durch seine kommenden Jahre, sehen ihn immer wieder vorstoßen, einen Neuanfang wagen. Er versucht doch noch ein Studium zu beginnen, träumt vom sozialen und finanziellen Aufstieg. Doch scheitert er immer wieder an seinen eigenen Entscheidungen, an seiner Wahl von Partnerinnen und letztlich an seiner eigenen beschränkten Voraussicht.
Seine Mutter, die nervlich stark angegriffen ist und ihre Nervenzusammenbrüche immer wieder als Druckmittel gegen ihren sanftmütigen Ehemann einsetzt, schaut hilflos den ab und an aufflammenden Ambitionen von Vater und Sohn zu, nimmt selbst daran aber nicht teil. Sie ist eigentlich die sonderbarste Figur in dieser Familie, denn sie verlässt nur ein, zwei Mal im Jahr das Haus und selbst dann nur heimlich. Die Nachbarn sollen schließlich denken, dass sie ans Bett gefesselt sei. Ihr Verhalten erinnert an all die kränkelnden Adelsdamen aus der viktorianischen Literatur – hier natürlich denkbar fehlplatziert in der amerikanischen Provinz. Herrlich beißt sich dieses affektierte Verhalten mit der stumpfen Sorglosigkeit ihres Sohnes, mit der platten Naivität verschiedenster White-Trash-Figuren, die sich nach und nach in dem Leben der Shepards einnisten.

Yates_Cold_Spring_Harbor_Instagram03Die klare Sprache von Yates ist unverwechselbar. Dies ist keine leichte Geschichte über einen jungen Mann, der sein Glück sucht. Es ist viel mehr eine messerscharfe voller unterschwelliger Sozialkritik Analyse des amerikanischen unteren Mittelstandes und des Militärs. Man spürt im ganzen Roman das verheißungsvolle Versprechen des amerikanischen Traums, die Möglichkeit des Aufstiegs, wenn man nur hart genug arbeitet. Doch dass dies nur eine Illusion ist, macht Yates an vielen kleinen Bemerkungen und nur flüchtig auftretenden Nebenfiguren deutlich. Er reißt nie das Bild der heilen Welt völlig ein, sondern macht mit klaren, fast unterkühlten Worten die Risse in der mittelständischen Fassade der Shepards sichtbar.

Fazit


Ein kluger, gut beobachteter Roman über den unteren Rand der Mittelschicht in der amerikanischen Provinz. Leider ist der Ton nicht nur kühl, sondern teilweise schon unterkühlt. Dadurch macht es einem der Autor nicht unbedingt leicht – doch das macht er seinen Figuren auch nicht. Man fragt sich, ob hier ein wenig die Bitterkeit über seinen zunehmenden literarischen Misserfolg deutlich wird. Frühere Werke haben mehr Biss – aber auch mehr Hoffnung und Perspektive.

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Eure Mareike

Bei Sounds and Books findet ihr eine weitere, sehr begeisterte Besprechung zu diesem Buch.


Richard Yates – Cold Harbor Spring 
Verlag: DVA
Gebunden, 235 Seiten, 19,99€
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

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5 Kommentare

  • Antworten Marion 18. Februar 2016 um 10:05

    Ich hatte das Buch schon ein paar mal in der Hand, aber der Klappentext konnte mich nie so richtig überzeugen. Aber da hab ich es wohl unterschätzt – ich guck auf jeden Fall mal rein. Danke für den Tipp!
    Toller Nagellack übrigens.

    • Antworten Mareike 18. Februar 2016 um 16:36

      Liebe Marion,

      ja, der Klappentext gibt wirklich nicht viel her. Und ich muss auch gestehen, dass ich mich zunächst mit einer eigenen Inhaltsangabe sehr schwer getan habe. Ein Buch, das manchmal nicht ganz leicht zu greifen ist.
      Danke, ist einer meiner Lieblingslacke. ;)
      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Evy 18. Februar 2016 um 10:16

    Die Story klingt interessant. Ich hab von Yates schon Easter Parade gelesen und das fand ich nicht gut. Der traurige Grundtenor mit den stets kämpfenden, aber scheiternden Figuren war mir zu pessimistisch.

    • Antworten Mareike 18. Februar 2016 um 16:38

      Dann ist dieses Buch vermutlich auch eher nichts für dich. Sehr fröhlich wird es ebenfalls nicht ;)

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten [Die Sonntagsleserin] Februar 2016 | Phantásienreisen 6. März 2016 um 07:35

    […] durch die Verfilmung seines Romans „Zeiten des Aufruhrs“ ein Begriff. Doch auch sein „Cold Spring Harbor“ ist die Lektüre wert, wie Mareike auf Herzpotenzial […]

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