[Rezension] Valentina Pattavina – Die Buchhändlerin von Orvieto

„So was. Ein solch herber Empfang in der schönsten Stadt Umbriens: Schon am Tag ihrer Ankunft wird Matilda, Römerin, Single, Anfang Vierzig, von einem fiesen Wespenschwarm überfallen. Hoffentlich kein schlechtes Omen, denn eigentlich hatte sie vorgehabt, ihr Leben umzukrempeln und sich hier im beschaulichen Orvieto niederzulassen. Zum Glück wird sie dann von der ebenso skurrilen wie entspannten Nachbarschaft mit offenen Armen aufgenommen. Und dank ihrer Bekanntschaft mit Professor Paolini erfüllt sich sogar ihr Traum. Sie bekommt einen Job in der schönsten Buchhandlung am Platz und kann sich mit einem echten Kenner über ihre literarischen Leidenschaften austauschen. Aber Orvieto und vor allen die darum liegenden Pinienwälder beherbergen ein Geheimnis, und das harmonische Miteinander ist plötzlich in Frage gestellt…“

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Matilda beschließt, alle Brücken hinter sich einzureißen, verlässt von einem Tag auf den anderen Rom und zieht in das ruhige Touristenörtchen Orvieto. Sie nimmt nur das Nötigste mit und will ein völlig neues Leben in diesem kleinen Ort beginnen. Leider beginnt ihr neues Leben recht skurril, als sie von einem riesigen Wespenschwarm angegriffen wird und noch skurriler von ihrer Herbergsmutter mit Knoblauch dagegen behandelt wird. Nach diesem etwas unglücklichen Start findet sie jedoch schnell ihr neues Zuhause in der Wohnung einer esoterisch angehauchten räusper Witwe, die sie durch ihren neuen Arbeitgeber, den Buchladenbesitzer Professor Paolini, kennen lernt. Auch mit dessen Neffen macht sie Bekanntschaft. Dieser ist Journalist und möchte das große Geheimnis von Orvieto aufklären: Den vermeintlichen Selbstmord eines Unbekannten im Wäldchen der Umgebung. Mysteriöserweise schleiften die Füße des Erhängten auf dem Boden, als er gefunden wurde. Kann das wirklich ein Selbstmord gewesen sein? Und wer war dieser Mann?

Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass es sich hier um einen Kriminalroman handelt, eher um eine charmante Novelle mit Kriminalelementen. Denn dieser Mord steht keineswegs im Vordergrund der Handlung. Man folgt Matilda durch ihren doch etwas chaotischen und merkwürdigen Alltag. Nicht nur sie, sondern auch ihre neuen Freunde sind alle etwas eigen und haben einen Hang zur Exzentrik. Die Beimischung einer Prise Spannung durch den kleinen Kriminalfall lässt das Ganze jedoch nicht in den Klamauk abdriften, sondern verleiht dem ganzen genau die perfekte Dosis aus Humor, Spannung und Anspruch. Denn die Gespräche vom Professor, Mathilda und den Besuchern der Buchhandlung drehen sich nicht selten um wichtige literarische und philosophische Werke der antiken und italienischen Kultur. Ich muss zugeben, dass ich nicht sehr bewandert bin in diesem Gebiet und deshalb nicht jedes Zitat oder Gedicht zuordnen konnte. Das tut dem Lesegenuss aber keinen Abbruch!

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Cover: Mir gefällt die junge Frau auf dem Fahrrad ziemlich gut. Im Hintergrund die eindeutig italienische Umgebung ist ebenfalls stimmig. Da Mathilda ständig mit dem Rad unterwegs ist und die Handlung in einer eher ländlichen Gegend stattfindet, finde ich das Cover stimmig und stimmungsvoll.

Layout: Jedes Kapitel wird von einem (sehr) literarischen Zitat eingeleitet. Leider steht nicht dabei, aus welchem Werk diese zitiert wurden. Das finde ich wirklich sehr schade bis ärgerlich! Was bringt es mir, wenn ich sehr lyrische, stark aus dem Kontext gerissene Zitate als Motto für das kommende Kapitel bekomme? Ich hätte gern nachgeschaut, auf welche Werke die Autorin hier Bezug nimmt, um eine Verbindung zu den jeweiligen Kapiteln herstellen zu können. Und als Literaturwissenschaftlerin finde ich so eine Arbeitsweise auch unsauber…

Stil: Ich-Perspektive. Normalerweise bin ich wirklich kein Fan von Erzählungen aus der ersten Person. Meist nimmt das etwas… erzählerischen Charme. Vielleicht bin ich da auch nur ein wenig Schnitzler geschädigt, dass ich immer erwarte, dass die Figuren einzig ihren emotionalen Müll abladen und man nicht viel von der Umgebung erfährt. Eindeutig ein Vorurteil, denn der Roman ist erzählerisch präzise, literarisch charmant und man bekommt einen sehr liebevollen Einblick in diese etwas eigenwillige Protagonistin. Durch ihre manchmal sehr kritische Beurteilung ihrer Freunde entstehen einige lustige Momente. Eindeutiger Gewinn durch diese ungewohnte Erzählperspektive!

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Fazit: Ein kleines, feines Buch. Kurzweilig und für mich ein richtiger „Pageturner“. Ich habe es fast in einem Rutsch durchgelesen und war wirklich überrascht über die kleine Kriminalgeschichte, die sich in der zweiten Hälfte entwickelt. Die gemächliche Stimmung geht dadurch nicht verloren. Wer ein wenig Sommer-Italien-Stimmung an einem verregneten Herbstnachmittag aufleben lassen will, dem lege ich dieses Buch sehr ans Herz.

 

Eure Mareike

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