[Rezension] Silke Schütze – Henny Walden. Memoiren einer vergessenen Soubrette

Das Buch beginnt mit einem Fund. Auf dem Flohmarkt ersteht der Hobbyhistoriker Max Gerstenberg eine Ledermappe mit Fotos, Zeitungsausschnitten und Briefen von Henny Walden. Seine weiteren Recherchen fördern tatsächlich einen alten Koffer mit persönlichen Gegenständen der jungen Frau wieder, der jahrelang in einem Berliner Keller lagerte. Vor Gerstenberg breiten sich Fragmente aus dem Leben einer jungen Frau im Berlin der 1920er Jahre aus: Tagebuchseiten, Briefe, Theaterkarten und Programmhefte, alle aus der Zeit zwischen 1919-1929. In mühevoller Kleinarbeit beginnt er die Puzzleteile des Lebens der unbekannten Soubrette zusammenzufügen. Als er kurz vor der Fertigstellung seiner Arbeit verstirbt, übernimmt die Autorin Silke Schütze die Aufgabe, die Recherchen zu beenden und ein Buch über Henny Walden zu verfassen – quasi eine Biografie.

Henny Walden Cover

Aufgrund des bruchstückhaften Materials ist diese an vielen Stellen nur spekulativ, was Schütze auch an den meisten Stellen äußert. Dadurch erhält man nie ein vollständiges Bild von Henny Walden (aber so etwas halte ich persönlich sowieso für unmöglich), doch die gefundenen Momentaufnahmen ihres Lebens reichen aus, eine gut erkennbare Zeichnung anzufertigen. Dennoch empfand ich die häufige Betonung des Spekulativen in der Regel störend, da es wie ein zwanghaft biografischer Stil wirkte. Ich habe mehr als einmal gedacht, dass es dem Material auch gut getan hätte, einen klassischen Roman und nichts Biografisches zu verfassen. Henny Walden wird nach einem Intermezzo mit einem verheirateten Mann  von ihrem Vater nach Berlin geschickt. Der tut ihr damit eher einen Gefallen, als sie zu bestrafen. Denn sie selbst konnte sich nie als Hausfrau und Mutter in der Provinz sehen, sondern hatte andere Träume, die durch den Umzug in greifbare Nähe rücken. Und so begibt sich Henny, statt ins Lehrerinnenseminar, in die aufblühende Künstlerszene Berlins. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen (ihr Vater streicht ihr die Unterstützung, da er mit ihrem Lebenswandel nicht einverstanden ist) versucht sie sich in den unterschiedlichsten Berufen: Soubrette, Drehbuchautorin, Schauspielerin oder Journalistin.

Henny Waldens Geschichte kann exemplarisch für viele Biografien von jungen Frauen in den goldenen zwanziger Jahren in Berlin gesehen werden. Sie rebellierte bereits früh gegen die gesellschaftlichen Konventionen und weigerte sich, die ihr zugedachte Rolle als Ehefrau und Mutter anzunehmen. Viele Frauen dieser Zeit, begannen von der Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung zu träumen und mit der Zeit wagten immer mehr von ihnen diesen Schritt. Gleichzeitig zeigt die Autorin, welchen Problemen allein stehende Frauen sich damals gegenüber sahen. Denn der Erfolg war nur wenigen vergönnt, viele mussten sich wie die Protagonistin mit allen möglichen Jobs durchschlagen. Das zeichnet ein meiner Meinung nach authentisches Bild der Zeit.

Ich habe das Lesen sehr genossen. Die einzelnen Fragmente sind geschickt zu einem Gesamtwerk verwoben worden.  Es war wahnsinnig spannend einer jungen Frau durch die meiner Meinung nach unendlich aufregenden zwanziger Jahre zu folgen. Schütze ist es sehr gut gelungen, die aufgepeitschte Stimmung der Stadt einzufangen, das Bild, das sie zeichnet, wirkt sehr authentisch. Der Text ist durchzogen mit Zitaten aus Hennys Tagebuch, ihren Briefen und selbst getexteten Liedern und Gedichten. Diese geben Einblicke in das Wirken der jungen Frau und offenbaren die Realität der Zeit. Das unglaubliche Tempo der Stadt und die damit einhergehenden Veränderungen werden wahnsinnig gut eingefangen. Ich habe ständig mit Henny mitgefiebert, auch wenn das Ende des Buches quasi am Anfang des Buches schon feststeht (Biografie halt).

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Solltet ihr das Buch lesen, lest UNBEDINGT das Nachwort. Dort wird nämlich noch ein wichtiger Fakt geklärt!

Eure Maike

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

Keine Kommentare

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: