[Rezension] Sarah Butler – Alice, wie Daniel sie sah

Für den obdachlosen Daniel ist jeder Buchstabe mit einer Farbe verbunden. Seit Jahren streift er durch London und sammelt Papierschnitzel und andere achtlos weggeworfene Dinge in den Farben, die den Namen seiner Tochter bilden: Eisblau für A, Gold für L, Rosa für I, Dunkelblau für C, Grau für E – Alice. Daraus formt er kleine Kunstwerke, die er für sie in der Stadt verteilt. Daniel hat seine Tochter noch nie getroffen. Bis ihm der Zufall eines Tages ihre Adresse zuspielt.

2014-03-12 20.26.15

Leseeindruck: Das Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt. Auf der einen Seite ist da Alice, die nach London ans Sterbebett ihres Vaters zurückkehrt. Sie reiste zuvor recht ziellos durch die Mongolei und scheint grundsätzliche Probleme mit einem durchgeplanten, sesshaften Leben zu haben. Auf der anderen Seite ist da ihr leiblicher Vater, von dem sie nichts weiß. Daniel ist ein obdachloser Künstler mit Herzproblem und einer schweren Vergangenheit. Hier wird schon klar, was beide verbindet: Rastlosigkeit, das Bedürfnis umherzuziehen und einen etwas anderen Blick auf die Welt (sehr farborientiert). Alice muss mit der schweren Krankheit und dem Tod ihres Vater klar kommen. Außerdem nagt das Gefühl an ihr, nie richtig zu ihren Schwestern und ihrem Vater gepasst zu haben. Daniel sucht seit Jahren nach Alice und ausgerechnet die Todesanzeige ihres Ziehvaters gibt ihm endlich den entscheidenden Hinweis.
Jedes Kapitel beginnt mit einer 10 teiligen Liste aus persönlichen Eingeständnissen im Sinne von „10 Dinge, die ich dir sagen möchte“. An sich ist die Idee ganz nett und die ersten Listen habe ich mit viel Interesse gelesen, weil sie einem auch die Innensicht der Figuren näher bringt, aber da das ganze Buch sehr „innensichtig“ geschrieben ist und man ständig über jedes Gefühl reflektiert und ausführlich nachsinnt, empfand ich die Listen bald nur noch als Wiederholungen ohne Mehrwert.
Insgesamt ging mir das die Annäherung der Figuren und der sehr grüblerische Ton irgendwann etwas auf den Nerv. Denn normalerweise dient die Innensicht ja als intensiver Zugang zu den Figuren und ihrem Charakter. Leider erfährt man trotzdem nicht allzu viel über deren Beweggründe, ihre Kindheit oder die vorangegangenen Ereignisse. Besonders die Mutter und all die Erzählstränge um sie herum wirken lose, unfertig und wirr. Vermutlich ist das alles auch so gewollt, es soll vieles im Unklaren bleiben und die fehlende Zielstrebigkeit ist ein elementarer Charakterzug beider Hauptfiguren… aber nö! Mich hat es angestrengt und nicht angesprochen, was einfach eine Geschmackssache ist. Ein wenig mehr Tempo, ein paar glaubhaftere Figuren und ich hätte all die schönen Bilder und zarten Beobachtungen zu schätzen gewusst.

2014-03-12 20.25.53

Fazit: Ein Buch über das Suchen, Annähern und Ankommen zweier rastloser Menschen. Der stimmungsvolle und ungewöhnliche Erzählstil und die nette Idee von den Listen am Kapitelanfang können leider nicht die lahme Handlung und motivationslosen Figuren hinweghelfen. Für mich eine Enttäuschung.

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Eure Mareike

 Sarah Butler – Alice, wie Daniel sie sah
Verlag: Droemer-Knaur TB
320 Seiten, Taschenbuch 14,99 €
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