[Rezension] Juli Zeh – Nullzeit

Eigentlich ist die Schauspielerin Jola mit ihrem Lebensgefährten Theo auf die Insel gekommen, um sich auf die nächste Rolle vorzubereiten. Als sie Sven kennenlernt, entwickelt sich aus einem harmlosen Flirt eine fatale Dreiecksbeziehung, die alle bisherigen Regeln außer Kraft setzt. Wahrheit und Lüge, Täter und Opfer tauschen die Plätze. Sven hat Deutschland verlassen und sich auf der Insel eine Existenz als Tauchlehrer aufgebaut. Keine Einmischung in fremde Probleme – das ist sein Lebensmotto. Jetzt muss Sven erleben, wie er vom Zeugen zum Mitschuldigen wird. Bis er endlich begreift, dass er nur Teil eines mörderischen Spiels ist, in dem er von Anfang an keine Chance hatte.

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Das sage ich

Inhaltlich möchte ich dem Klappentext gar nichts weiter hinzufügen, denn das würde an dieser Stelle zu viel verraten. Juli Zeh schreibt einen düsteren Psychothriller und verbindet ihn mit sonnigen Urlaubsfeeling. Eine Insel mit Strand, Meer und wundervollen Korallenriffen bilden einen scharfen Kontrast zu der langsam steigenden Spannung zwischen den drei Protagonisten. Die junge Schauspielerin Jola bucht mit ihrem Partner Theo, ein verschlossener Schriftsteller, die Komplettbetreuung des Tauchlehrers Sven. Aus dessen Perspektive wird die Geschichte erzählt. Die Handlung ist eindeutig von seinen Gefühlen und Eindrücken geprägt ist. An einigen Stellen macht er Andeutungen auf das kommende Unglück, dass sich in der ein oder anderen Bemerkung von Theo oder Jola abzeichnet, die er aber damals noch nicht deuten konnte. Richtig bedrückend wird es, als ab und zu am Ende eines Kapitels ein Tagebucheintrag von Jola eingefügt wird, in dem sie die vorangegangenen Ereignisse aus ihrer Sicht schildert. Dabei ergänzen diese Einträge zunächst das bereits Erzählte um einige Nuancen. Doch mit der Zeit beschreiben sie Ereignisse und Gespräche abweichend, ja vollkommen anders.
Die große Frage ist, welche Realität ist nun die Richtige? Gibt es überhaupt die eine Wahrheit? Die Grenzen von Wirklichkeit und düsterer Ahnung verschwimmen zusehens und ich muss zugeben, dass mir dieses Buch zeitweise ganz schön zugesetzt hat. Die beklemmende Atmosphäre habe ich noch Stunden nach dem Lesen gespürt. Man fühlt sich selbst wie ein Taucher, der in ein anderes Bewusstsein eindringt, den Druck der gespannten Atmosphäre presst einen auf den Grund, freies Atmen ist nicht möglich. Man wird gelenkt, ist abhängig von den spärlichen Informationen und Fixpunkten, die einem Glaubhaft erscheinen. Doch nichts ist gewiss, man hat keine Sicherheiten.

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Das Cover: Thematisch exzellent gewählt! Das Cover mit den blauen Händen, die wie ein Riff wirken und zugleich nach den Fischen zu greifen scheinen, gibt für mich genau die bedrückende Stimmung des Buches wieder. Dabei ist es schlicht und arbeitet mit intensiven Farbkontrasten. Ein ganz dickes Plus für dieses sehr stimmige Bild.

Fazit: Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Faszination für dieses wirklich gelungene Buch und meiner persönlichen Abneigung gegenüber den Figuren, ihren Motiven und ihrem Umgang miteinander. Juli Zeh hat ein zurecht hochgelobtes Meisterwerk geschaffen, das in seiner Intensität manchmal einen zu erdrücken droht. Dieses Buch hat mich bewegt. Mit jeder Seite intensiv mit seiner Sprachgewalt und sehr anspruchsvollen Psychologie fasziniert und zugleich abgestoßen. Literatur muss nicht immer gefallen, um in einem eine Spur zu hinterlassen.

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Juli Zeh – Nullzeit
Verlag: btb
256 Seiten, Taschenbuch, 9,99€
Zur Leseprobe geht es hier lang.

 

Eure Mareike

Ein Rezensionsexemplar vom btb, vielen Dank

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