[Rezension] Irène Némirovsky – Die Familie Hardelot

[lightgrey_box]Satt, selbstzufrieden und in der wohligen Gewissheit, dass sich nie etwas ändern wird: Die Fabrikantenfamilie Hardelot aus der französischen Provinz wiegt sich vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in trügerischem Glück. Doch innerhalb einer Generation wird ihre bürgerliche Welt für immer hinweggefegt.[/lightgrey_box]

Die Familie Hardelot

Das Leben von Pierre Hardelot ist eigentlich bereits fest von seinen Eltern und besonders von seinem Großvater durchgeplant. Er heiratet die aus gutem Hause stammende Simone, arbeitet in der familieneigenen Papierfabrik und wird diese irgendwann, nach dem Tod von Großvater und Vater, leiten. Seine Erziehung sagt ihm, dass er sich in dieses vorbestimmte Leben einzufügen hat, damit alles weiter seinen gewohnten Gang nimmt. Doch er liebt Agnès Florent, die Tochter des örtlichen Bierbrauers (in den Augen seiner Familie ein unstandesgemäße Partie) und gegen den Willen seiner Familie heiratet er sie. Als Folge wird er von seinem Großvater, dem Patriarchen der Familie verstoßen. Doch als der erste Weltkrieg Frankreich und das beschauliche Örtchen Saint-Elme erreicht, verändert sich alles.

Némirovskys Werk zeichnet ein Bild dessen, was die Autorin in Frankreich selbst gesehen hat und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Das aufstrebende Bürgertum ruht sich auf seinen Erfolgen aus und will immer höher hinaus. Sie scheinen sich sicher zu sein, dass sich nie etwas ändern wird und weigern sich, die Zeichen der Zeit zu deuten und entsprechend zu handeln. Doch die seit Jahrzehnten bestehende Ordnung der bürgerlichen Welt geht in den Kriegswirren unter. Der erste Weltkrieg zerstört alle Sicherheiten der gutbürgerlichen Familien, alles mühsam erarbeitete muss wieder aufgebaut werden. Die Hardelots bilden da keine Ausnahme. Doch nach dem Ende des Krieges geht es nicht mehr nur um das Ansehen der Familie, es geht um die Sicherung des Lebenserhaltes. Und selbst als erste Erfolge verzeichnet werden können bleibt das Glück trügerisch, denn auch der zweite Weltkrieg wird Frankreich treffen.

Irene Nemirovski

Irène Némirovsky schrieb diesen Roman 1940/1941 auf der Flucht. Die Schriftstellerin mit russisch-jüdischen Wurzeln wurde 1942 in einem Konzentrationslager ermordet, ihr Nachlass jedoch ist erhalten. Seit einigen Jahren werden immer wieder einzelne Romane oder Erzählungen von ihr veröffentlicht. Mit „Die Familie Hardelot“ ist ein Familienporträt erschienen, dass wahnsinnig gut durchdacht ist und die Besonderheiten der Zeit einfängt. Es ist der Autorin nicht nur gelungen, die Selbstgefälligkeit des Bürgertums in der französischen Provinz wiederzugeben, sondern sie fängt auch sehr gut die stetig wachsende Bedrohung und die damit einhergehenden Ängste der Protagonisten ein. Dabei gibt die Autorin die Geschehnisse immer nur in knappen Episoden wieder, zwischen denen auch mal etwas Zeit vergangen sein kann. Diese Episoden sind vom Stil her sehr nüchtern und prägnant, auf die Wiedergabe von Details oder ausschweifende Beschreibungen verzichtet die Autorin. Dadurch wirkt die Geschichte aber keineswegs verknappt, Némirovsky ist es gelungen, alle wichtigen Punkte mit wenigen Worten in den Text einzuflechten.

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Irène Némirovsky – Die Familie Hardelot
Verlag: Knaus
256 Seiten, Taschenbuch, 9,99€
Leseprobe

Eure Maike

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1 Kommentar

  • Antworten Irène Némirovsky - Das Mißverständnis - Herzpotenzial 20. Januar 2016 um 16:36

    […] ich „Die Familie Hardelot“ gelesen hatte, stand fest, dass ich definitiv noch weitere Bücher von Irène Némirovsky […]

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