[Rezension] Der Buch-Filmvergleich: José Saramago – Enemy. Der Doppelgänger

Der Hoffmann und Campe Verlag hat mir eine wirklich tolle Möglichkeit angeboten: Sie gaben mir das Buch des Nobelpreisträgers José Saramagos „Der Doppelgänger“ und eine Kinokarte für die aktuelle Verfilmung „Enemy“ des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve und mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle für einen Buch-Filmvergleich.

Ich bin grundsätzlich kein Fan von „Das Buch ist so viel besser“-Pauschalisierungen, die gern mal aus dem belesenen Volk zu hören sind. Ein Buch mag detaillierter sein und oft mehr Nebenhandlungen aufweisen, ob das unbedingt „besser“ ist sei mal dahingestellt.
Ich sehe es so: Filme sind ein eigenständiges Medium und unterliegen völlig anderen Regeln als Bücher. Punkt.
Ich werde also nicht darauf eingehen, was nun im Film alles fehlt und weggelassen und verändert wurde. Das würde ja bedeuten, dass es die Aufgabe des Films wäre dem Buch nachzueifern, es nachzuahmen.
Filme sind toll und nichts Defizitäres, sie setzen da an, wo die Literatur langsam aufhört und diese Schnittstelle zwischen Film und Buch ist ein toller Ort, an dem ich mich sehr wohl fühle.  Also habe ich das Buch gelesen und mich mit riesiger Vorfreude ins Kino begeben.
9783455812688

Zum Buch: Der Geschichtslehrer Tertulian bekommt von einem Kollegen einen Film empfohlen. Sonst eher kein Filmfreund, leiht er sich den Film doch aus und ist völlig gebannt von einem Nebendarsteller, der ihm bis auf’s Haar gleicht. Er zieht sich immer mehr in seine eigene Welt zurück, lässt Kontakte zu Freundin, Mutter und Kollegen einschlafen und konzentriert sich nur noch auf eines: Er muss den Namen dieses Schauspielers herausfinden. Man begleitet Tertulian auf seiner akribischen Recherche und seinen Gedankenspielen über Einmaligkeit und den gesunden Menschenverstand. Seine Suche gipfelt schließlich in einer wahnhaften Verfolgung, die das Leben beider Männer für immer verändert.
Die starke Fokussierung auf das Innere der Figur in Kombination mit einem belehrenden zuweilen distanzierten Erzähler ist ungewohnt. An manchen Stellen auch anstrengend. Ich hatte oft das Gefühl, dass man sich an Kleinigkeiten aufhält und das Interessante im Bereich der Andeutung lässt. Gleichzeitig löst es den Protagonisten völlig von seiner Umwelt, man merkt, dass er sich eine eigene Welt aufbaut, die nur bedingt mit der Realität zusammenpasst. Man spürt mehr als dass man es wirklich liest, dass sich da eine Katastrophe zusammenbraut, doch der Knall kommt dann sehr schnell und der Schluss ist abrupt. Nach der sehr langen Vorlaufzeit hat mich das letzte Drittel doch etwas überrumpelt, aber auch gefesselt.

Zum Film:
Der Film beginnt mit einer eher verstörenden Szene mit einer nackten Frau, die sich umringt von vielen Männer selbstbefriedigt. Danach kommt eine andere nackte Frau und macht Dinge mit einer großen Vogelspinne, die nur angedeutet werden. Spinne und nackte Frau ziehen sich leitmotivisch durch den Film und die Träume des Protagonisten. Der Geschichtsprofessor Adam ist gelangweilt von der Eintönigkeit des Alltags und seiner Liebesbeziehung zu Maria, seines Berufs, seiner Wohnung – eigentlich ist alles um ihn herum monoton und reizlos. Das wird durch wiederholende Sequenzen wie auch in den Filmfarben (sepia!) und der Hintergrundmusik deutlich.
Die schauspielerische Leistung von Jake Gyllenhaal war wirklich beeindruckend. Er schafft es durch minimale Haltungs- und Mimikveränderungen die beiden Figuren von einander zu unterscheiden.
Die Filmmusik war durchgängig drohend und dominant – zugleich ohne viel Variation, was alles sehr gut zur Grundstimmung und der Handlung passte. Ab und an fand ich das drohende Element nicht unbedingt passend. Nur weil ich von einer Person erfahre, die ähnlich aussieht wie ich, fühle ich mich nicht direkt bedroht. Im Buch entwickelt sich das langsam und organisch. Hier hätte man die bedrohliche Stimmung ruhig etwas sparsamer inszenieren können, dann hätte sie wohl auch authentischer und motivierter gewirkt.

Überschneidungen: Ich hatte tatsächlich eine stärkere Ähnlichkeit zwischen Buch und Film erwartet, bin aber durch eine starke Variation des Grundthemas im Film überrascht worden. Er ist wirklich völlig anders und schöpft die visuellen und akustischen filmischen Mittel voll aus. Als ich das Buch las, fiel die Erzählweise durch eine starke Konzentration auf die Gedanken und inneren Monologe des Protagonisten auf. Ein Großteil der Handlung, besonders die Überlegungen zur Recherche zur Identität des Doppelgängers nahmen viel Raum ein und ich fragte mich, wie dies im Film aufgegriffen werden würde. Durch einen sehr präsenten Erzähler? Monologe vor dem Spiegel? Die Antwort ist: Gar nicht :) Der Film benutzt Bilder und Musik, um die inneren Vorgänge der Figuren zu illustrieren. Es wird wenig gesprochen und Vieles wird nur in angefangenen Sätzen, Blicken und Gesten dargestellt.

Fazit:
Sowohl Buch als auch Film schaffen es, mich zu fesseln und auch zu verstören. Ich bin überrascht, wie intensiv ein recht kurzes Ereignis beschrieben und unterschiedlich dargestellt werden kann. Die beklemmende Situation ist bei beidem zu spüren. Jedoch enthält der Film für mich eine für die Handlung unnötig starke Sexualisierung und einige Symbole, die mir zuuu künstlerisch abgedreht ohne konkreten Bezug zur eigentlichen Geschichte waren (Stichwort: Vogelspinne). Die letzte Szene enthielt einen Schockmoment, der mich echt mit einem unschönen Gefühl aus dem Kino gehen ließ. Meinen beiden Begleiterinnen ging es genauso. Das zieht leider das eher ungewöhnliche Filmerlebnis etwas herunter.
Filmstarts.de sagt:
 „Die sehr freie Adaption des Romans „Der Doppelgänger“ von Nobelpreisträger José Saramago ist eine atmosphärisch dichte, surreale, nicht einfach durchdringbare, aber ungemein spannende Charakterstudie mit viel David Lynch, einer gehörigen Portion Franz Kafka und einer Prise David Cronenberg.“
Besser könnte ich dieses Filmerlebnis auch nicht beschreiben. Es war eindeutig surreal und teilweise verstörend. Da fühlte ich mich im Buch eindeutig wohler, auch wenn es durchaus seine Längen hat, wirkt es in sich stimmiger.

Josè Saramago – Enemy. Der Doppelgänger
Hoffmann und Campe
ebook ca. 385 Seiten, 9,99 €

Enemy, der Film
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gardon und Isabella Rossellini
Start: 22. Mai 2014

Eure Mareike

Ich bedanke mich für Buch und Kinokarte bei Hoffmann und Campe. Das war eine intensive Erfahrung!

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3 Kommentare

  • Antworten Grégoire Delacourt – Im ersten Augenblick | Herzpotenzial 13. März 2015 um 17:59

    […] Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, das der Autor hier durchspielt. Wie in “Enemy” ist der Doppelgänger zum Scheitern verurteilt, denn das eigene Leben und die Gefühle der […]

  • Antworten [Gewinnspiel] José Saramago – Enemy. Der Doppelgänger | Herzpotenzial 13. März 2015 um 18:16

    […] Mareike euch ja bereits Saramagos Buch vorgestellt hat, wollen wir die Gelegenheit nutzen und mal wieder ein Gewinnspiel veranstalten. Zu […]

  • Antworten Verlagsbesuch Hoffmann und Campe Hamburg | Herzpotenzial 14. März 2015 um 14:28

    […] sehr gefreut Ute Nöth vom Online-Marketing kennen lernen zu dürfen. Mit ihr habe ich während der Buch-Film-Aktion im Mai zusammen gearbeitet und es war nett, sie mal persönlich getroffen zu haben. Könnt ihr […]

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