[Rezension] Anna Hope – Abgesang

 „LONDON, HERBST 1920: Eine Neuigkeit bewegt die Gemüter. Die englische Regierung lässt –– zum ersten Mal in der Geschichte –– die Überreste eines unbekannten Soldaten exhumieren. In fünf Tagen soll er mit allen militärischen Ehren in der Westminster Abbey bestattet werden. Feierlich wird der Leichnam von den Schlachtfeldern an der Somme nach London gebracht. In den fünf Tagen der Überführung versuchen drei Frauen, mit ihrem Verlust fertigzuwerden. Adas achtzehnjähriger Sohn gilt als verschollen. Nie hat sie erfahren, ob und wie er gestorben ist. Sie kann nicht von der Vorstellung lassen, er sei noch am Leben, und gefährdet damit ihre Ehe. Die beinahe dreißigjährige Lady Evelyn müsste nicht arbeiten. Doch seit dem Tod ihres Geliebten hat sie dem Leben den Rücken ugewandt und erträgt stoisch die Arbeit in der Behörde, die Kriegsversehrten Renten zuteilt. Die neunzehnjährige Hettie ist in einem glamourösen Tanzpalast für einen Sixpence als Tanzpartnerin zu mieten. Sie muss damit seit der Traumatisierung ihres Bruders im Krieg einen Teil des Familienunterhalts verdienen. Als sie einen reichen Mann kennenlernt, hofft sie, der Tristesse ihres Lebens zu entfliehen. Doch ein Geheimnis verbindet die Schicksale der drei Frauen und hindert sie am Weiterleben. Eine von ihnen folgt der Spur zurück zu einem Tag im Krieg – und einem schrecklichen Ereignis im Schlamm des Schützengrabens. Ein Roman, dessen emotionale Wucht von Seite zu Seite zunimmt.“

2014-03-07 15.53.12Das sage ich:

Ada, Hettie und Evelin könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie entstammen verschiedenen Stadtteilen Londons, entstammen drei unterschiedlichen Generationen und gesellschaftlichen Schichten. Doch durch den Erste Weltkrieg sind sie  – wie alle Londoner Frauen – miteinander verbunden: Sie haben alle einen Verlust erlitten. Ada verlor ihren Sohn, Evelin ihren Ehemann und Hettie – indirekt – ihren großen Bruder. Hetties Bruder kehrt als gebrochener und stark traumarisierter Mann zurück, der nicht in der Lage ist, arbeiten zu gehen. Somit muss sich das junge Mädchen als Tanzpartnerin im Tanzpalast vermieten. Die adelige Evelyn kehrt nach dem Tod ihres Verlobten nicht in das herrschaftliche Anwesen ihrer Familie zurück, sondern arbeitet bei den Behörden für Kriegsrente. Ein undankbarer und deprimierender Job, in dem sie zusehends verbittert. Verbittert ist auch der Ehemann von Ada, der ihn der wahnhaften Sehnsucht seiner Frau nach ihrem toten Sohn keinen Platz mehr für sich und ihre gemeinsame Ehe sieht. Ada sieht ihren verschollenen Sohn in jedem jungen Mann auf Londons Straßen und schreckt auch vor einer Séance nicht zurück.

Alle drei Frauen verbindet zudem ein Ereignis in der Somme während des Kriegs, über das ich nicht zu viel verraten möchte. Die Handlung erstreckt sich über 5 Tage, genau den Zeitraum von der Exhumierung bis zur Bestattung des sogenannten „unbekannten Soldaten“. Dabei handelt es sich um eine wahllos ausgebuddelte Leiche eines Schlachtfeldes, die stellvertretend und symbolträchtig mit allen Ehren in Westminster Abbey erneut beerdigt werden soll. Es soll den Engländern die Möglichkeit der abschließenden Trauer geben und einen Neuanfang einleiten. Wie tief aber die Wunden und Traumata des Krieges sitzen wird perfekt an diesen drei Frauenschicksalen beleuchtet.

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Ich finde, dass es ein ungewöhnlicher und mutiger Schritt ist, aus der Sicht von drei Frauen über Kriegstraumata zu erzählen. Natürlich sind es auch hier die Männer, die am stärksten an den Kriegserfahrungen zu leiden haben. Aber der Blick der Frauen auf diese Männer und Jungen, die sie geliebt und bewundert haben, die verzweifelt versuchen Zugang zu ihren Heimgekehrten zu finden. Oder eine neue Form von Normalität für sich gemeinsam zu erschaffen, war sehr berührend. Ich kann mich tatsächlich in sowas besser hineinversetzen als in einen der Soldaten. Der Wunsch nach Normalität und Glück ist so simpel wie unmöglich nach einer solchen Erfahrung. Und doch zeigt das Buch auch, dass das Leben weitergeht und man die Wahl hat, ob man das akzeptiert oder zurück bleibt.

Fazit: Ein Buch über das Über- und Weiterleben nach dem Krieg aus der Sicht von drei Frauen, die eine düstere Kriegsepisode miteinander verbindet. Dieses Buch ist für mich eine absolute Entdeckung gewesen, was für ein Stil! Handwerklich sauber ineinander verschlungene Lebenswege, die sich gekonnt und nie gekünstelt kreuzen. Das alles wird eingerahmt in die eventisierte Beerdigung des „unbekannten Soldaten“. Ich hatte Gänsehaut, ich habe den Jazz gehört, ich habe den matschigen Boden Frankreichs unter mir gespürt. Leseempfehlung mit Ausrufezeichen!

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

 

Anna Hope – Abgesang
Verlag: Kindler
416 Seiten, Hardcover, 19,95 €
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Rezensionsexemplar, vielen Dank.

Eure Mareike

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