Rezension: Andrew Miller – Friedhof der Unschuldigen

Friedhof der Unschuldigen ist der aktuelle Roman von Andrea Miller.

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„Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts: Im Schloss von Versailles wird dem jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte von höchster Stelle ein Auftrag erteilt.

Er soll den Friedhof der Unschuldigen demolieren, der, mitten in Paris gelegen, Hunderttausende von Toten beherbergt und dessen Ausdünstungen die Stadt langsam vergiften, so dass der Wein in den Kellern zu Essig wird, Fleisch binnen Minuten verfault. Aber es soll möglichst unauffällig geschehen, der Pöbel ist abergläubisch und will die Totenruhe nicht gestört sehen. Miller erzählt diese Geschichte vom Vorabend der Revolution und den widerstreitenden Kräften des Alten und des Neuen in einer kühnen, eleganten Prosa.“

Zum Inhalt lässt sich eigentlich nicht viel mehr sagen. Und auch zur Handlung nicht, denn genau DAS ist sie. Der Ingenieur Jean-Baptiste ist ein junger recht unerfahrener Brückenbauer, der nun überraschend den Auftrag bekommt, einen Friedhof auszuheben. Die Gräber sind randvoll und brechen gelegentlich in einen Keller der umstehenden Häuser ein. Alles ist marode, die Kirche seit Jahren geschlossen. Die Handlung umfasst etwa ein Jahr, beginnt in einem Zimmer im Schloss von Versailles und endet dort. Löcher werden ausgehoben und wieder geschlossen. Alles unterliegt einem ruhigen und doch irgendwie unterschwellig brodelndem Rhythmus. Jean-Baptiste lernt sowohl die Bewohner des Friedhofs als auch die der umliegenden Häuser kennen. Er wird selbst ein Teil dieses eigentümlichen Viertels und kann doch die durch den Friedhofsabriss ausgelösten Kräfte weder kontrollieren noch vorausahnen.

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Stil: Ich habe das Buch nur auf deutsch gelesen, doch erscheint mir die Übersetzung von Nikolaus Stingl sehr gelungen. Jedes Wort wirkt überlegt und ausbalanciert. Die Sprache fließt ruhig dahin und findet sich in Bildern und Leitmotiven immer wieder zusammen. Die Art, wie Dinge und Erlebnisse beschrieben werden machen den größten Reiz dieses Buches aus. Denn es sind die Anspielungen zur Revolution, die symbolträchtigen Beobachtungen wie zum Beispiel vom gewaltvoll einbrechenden Licht und der Auflösung von bestehenden Formen, die auf jeder Buchseite mitschwingen wie das erste Grollen eines nahenden Gewitters. Das Freilegen der Gebeine wird ebenso plastisch beschrieben, wie das Zwischenmenschliche verschwommen und vage bleibt. Zum Einen wird hier unbarmherzig offenbart, der menschliche Körper in all seinen Facetten – auch nach seinem Tod – beschrieben. Nichts bleibt hier verborgen. Zum Anderen bleiben viele Leerstellen im Handeln der Akteure, die auch am Ende des Buches nicht aufgelöst werden. Ich sage nur latent homosexuelle Schwingungen?

Layout: Bevor der eigentliche Handlung beginnt, stimmen eine Rezension aus dem Guadian und ein Interview mit dem Autor auf das Thema und das Setting ein. Mir hat das sehr geholfen, schonmal die Verbindung zur Französischen Revolution zu kennen. Es wird auch deutlich, wie viel historische Genauigkeit in der fiktionale in vier Teile gegliedert mit einem Zitat als Motto. Zum Titel: Im Original übrigens „Pure“ – auch schön, aber der deutsche Titel ist diesmal sogar irgendwo passender. Eine Seltenheit.

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Cover: Ich finde das Bild der ohnmächtigen/schlafenden Mannes im pistaziengrünen Anzug, der von Vögeln angegriffen wird so verstörend wie passend. Es löst doch direkt ein Unbehagen aus, dass einen perfekt auf die Stimmung des Buches vorbereitet. Die Kupferstich-Optik verweist gleich auf den historischen HandlungsortGut finde ich, dass hier im Gegensatz zum Originalcover der Mantel in der Farbe grün eingefärbt wurde, was auf den „modernen“ Mantel des Protagonisten anspielt. Warum ist man da nicht schon im Englischen drauf gekommen?

Fazit: Dieses Buch hat eine wirklich ein ungewöhnliches Setting. Ich weiß nicht, ob ich es mir bei einem gemütlichen Bummel durch die Buchläden gekauft hätte. Doch es hat sich jede einzelne Seite gelohnt. Ein historischer Roman mit einer leisen, ruhigen Erzählart, ohne Helden oder Schurken, sondern mit Menschen. Figuren, die mit unglaublich viel Liebe zum Detail und Verständnis für die menschlichen (oft auch schmutzigen) Seiten hat. Es wird der Einblick in eine Zeit des Umbruchs vermittelt, der Friedhof ist das zentrale Symbol für das alte, marode und stinkende System, dem mit Wissenschaftlichkeit und nüchterner Arbeitsweise zu Leibe gerückt wird. Andrew Miller ist für mich persönlich eine wirkliche Entdeckung. Ich habe schonmal in ein zwei weitere Werke von ihm reingeblättert und bin sehr fasziniert von diesen besonderen Geschichten. Und hey, es geht auf Weihnachten zu! (- Noch zwei Wochen bis zum Weihnachtsgebäck -) Ich weiß, wessen Bücher auf meinem Wunschzettel stehen werden :)

Eure Mareike

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