Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

[lightgrey_box]Paris in den 60er Jahren: Schon als junges Mädchen ist Louki aus der Wohnung der Mutter, einer Platzanweiserin im Moulin Rouge, immer wieder weglaufen. Den Vater hat sie nie gesehen. Ihren Mann, einen wohlsituierten Immobilienmarkt, verließ sie ein Jahr nach der Heirat wieder. Mit ihrem Geliebten, dem angehenden Schriftsteller Roland, streift sie tagelang durch die große Stadt. Im Café Le Condé, dem „Café der verlorenen Jugend“ in Saint-Germain-des-Prés, glaubt Louki Zuflucht zu finden, während der Detektiv ihres Mannes schon ihre Spur aufgenommen hat.[/lightgrey_box]

Wer den Literaturnobelpreis gewinnt, bekommt eine ganze Menge Aufmerksamkeit. Das bedeutet aber nicht, dass die Geehrten von den Lesern dadurch ausnahmslos Lob erhalten oder wie Popstars gefeiert werden würden. Natürlich gehen die Verkaufszahlen hoch, es werden ältere Werke des Autors hervorgekramt und mit hübschen roten Aufklebern versehen: „Hier schreibt ein Nobelpreisträger“. Mich lockte der Aufkleber, weil ich vorher nur am Rande von Modiano gehört hatte und bisher eher Zwiespältiges über ihn gehört habe. Das alljährliche Phänomen des „Was ist denn nun so gut an dem?“-Gedankens hatte mich erwischt und ließ mich nicht mehr los.
Modiano_Cafe_JugendDer Titel von „Das Café der verlorenen Jugend“ sprach mich direkt an, deshalb nahm ich es kürzlich spontan in der Buchhandlung mit und begann in der Bahn nach Hause direkt zu lesen. Dieses dünne Bändchen von knappen 150 Seiten ließ sich überraschend leicht lesen. Der Stil, lyrisch und fast ein wenig verschnörkelt, erinnerte mich in seiner unaufgeregten, melancholischen Weise an die späteren Werke von Colette (für mich DIE Autorin der Belle Epoque und immer eine Empfehlung wert).
Im Zentrum der Handlung steht Louki, eine von einer geheimnisvollen Aura umgebene Schönheit. Zunächst erfahren wir von ihr und ihren Besuchen im Café Le Condé von einem schüchternen, jungen Studenten, der sie und ihren Freundeskreis der Bohème bewundert, ihm aber nie wirklich angehört. Durch ihn und seine sporadischen Gespräche und Begegnungen mit der jungen Frau, bekommt man langsam ein Gespür für sie. Auch sie steht etwas abseits, obwohl sie mitten im Gesehen ist, obwohl sie strahlend und glamourös ist, bemerkt der stille Student an ihr Zeichen von Unsicherheit, er beobachtet die kleinen Verstellungen durch die sie sich der intellektuellen Gruppe anzupassen versucht.
Dass sie viele Facetten hat, die sie nicht offenbart, wird deutlich, als die nächste Figur von ihr zu erzählen beginnt: Ein Privatdetektiv, von ihrem Ehemann angeheuert, den sie nach einem Jahr plötzlich verließ. Spätestens hier fühlt man sich an DIE glamouröse wie legendäre Holly Golightly von Truman Capote erinnert. Ebenfalls eine junge Kindfrau, früh von Zuhause geflohen, dann vor ihrem Ehemann geflohen und eigentlich immer auch auf der Flucht vor sich selbst, ist Holly das dauerplappernde amerikanische Chamäleon, während Louki eindeutig eine französische, also elegantere und melancholischere Ausgabe darstellt.
Stück für Stück nähert man sich Louki und ihrer Vergangenheit an, erfährt von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Mutter, die als Platzanweiserin im Moulin Rouge arbeitete, von ihrer großen Liebe und ihrer Zuflucht im Café der verlorenen Jugend.
Leider sind das alles nur Annäherungen, alles bleibt vage, natürlich bewusst vage, das das Lyrische des Romans ausmacht. Es sind die stillen Zwischentöne, die hier das Buch so schön machen. Doch trotz allem, bleibt es mir etwas zu vage, der Schluss kommt mir einen Hauch zu plötzlich und Louki bleibt doch nur ein Schemen, der sich nie greifen lässt.

Fazit: Zwar hat Modiano nicht für dieses Werk den Literaturnobelpreis erhalten, doch konnte mich dieses Buch überzeugen. Es ist ein Roman ganz nach meinem Geschmack, eine starke und doch gebrochene Frauenfigur, die ein Staunen hinterlässt, wenn sie geht, ein verregnetes und romantisches Paris und eine ausgesucht schöne Sprache. Doch 50 Seiten mehr hätten mir geholfen, die Figuren besser zu verstehen.

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Eure Mareike

Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend
Verlag: dtv
Taschenbuch, 158 Seiten, 8,90 €

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4 Kommentare

  • Antworten flattersatz 13. Dezember 2014 um 06:06

    Ich las deine besprechung mit interesse, denn mich selbst hat der modiano´sche roman vom place de l´etoile (den ich für meinen lesekreis lesen muss) ziemlich ratlos zurückgelassen und mir noch keinen zugang zum autoren verschafft. dieses büchlein ließ sich ja anscheinend etwas einfacher lesen, nicht so sehr wie eine ansammlung französischer namen und personen…. na ja, ich werde bzw. muss es noch einmal versuchen!
    herzlichen dank für deine buchvorstellung!
    lg
    fs

  • Antworten Lotta 13. Dezember 2014 um 12:18

    Hallöchen meine Liebe,
    schon als ich das Buch auf Instagram gesehen habe bei dir, war ich total neugierig. :D Jetzt ist die Rezension online und irgendwie bin ich immer noch neugierig auf das Buch. Ich weiß, dass das eigentlich nicht so mein Stil ist und bestimmt würde ich den Schreibstil auch schwieriger finden, aber ein bisschen lockt mich dieses Buch. Vielleicht wandert es ja doch mal irgendwann in mein Bücherregal, wenn ich mal wieder etwas neues ausprobieren will. :)
    Danke für diese schöne Rezension.

    Liebst, Lotta

  • Antworten Anna 14. Dezember 2014 um 06:43

    Herzlichen Dank für die interessante Rezension, Mareike! Mir hat besonders gefallen, wie Du die Frauenfigur von Modiano begriffen und dementsprechend beschrieben hast. Ich höre diese Woche „Gräser in der Nacht“ von Modiano und der geheimnisvolle, verwirrende und gedankenvolle Frauntyp ist auch dort zu treffen. Damit sind für mich beide Romane irgendwie als einen zu begriffen. „Im Cafe der verlorenen Jugend“ ist für mich ähnlich zum Roman „Das böse Mädchen“ von Mario Vargas Llosa. Die Atmosphäre von beiden Büchern ist sehr geheimnisvoll und, gleichzeitig, öffnet viele Wege zu Interpretation. Der Stil von Modiano ist fließend und demzufolge leicht zu lesen.

  • Antworten Raya Mann 24. September 2017 um 18:48

    Ich finde diese Rezension sehr treffend. Das Hörbuch von Im Café der verlorenen Jugend ist noch besser. Beim zweiten Anhören habe ich die Geschichte dann verstanden. Damit du dich im Viertel nicht verlierst, ist noch geheimnisvoller und spannender.

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