Pascale Hugues – Ruhige Straße in guter Wohnlage

Kurz vor Jahreswechsel war ich in der örtlichen Buchhandlung – zum „Gucken“. Hat ganz gut geklappt, denn ich habe tatsächlich nur „Ruhige Straße in guter Wohnlage“ von Pascale Hugues mitgenommen. Ein von außen recht unscheinbares Buch mit einem recht langweiligen Klappentext, aber darauf verlasse ich mich ja schon lange nicht mehr bei der Buchauswahl. Die ersten Seiten klangen da schon vielversprechender. Und dann berichtete mir die Buchhändlerin auch noch, wie sehr ihr das Buch gefallen habe und das sie überhaupt nicht verstehe, warum es nicht für mehr Aufsehen gesorgt habe. Damit war ich endgültig überzeugt.

[lightgrey_box]Eine ruhige Straße in guter Wohngegend, wie es Hunderte gibt in Deutschland. 1904 für die Ewigkeit gebaut. Relikte einer großbürgerlichen Vergangenheit neben seelenlosen Wohnkästen, die in Eile nach dem letzten Krieg aus dem Boden gestampft wurden.
Die Französin Pascale Hugues entdeckt, was sich hinter den glatten Fassaden ihrer Straße verbirgt. Sie tauch ein in vergessene Archive, sammelt das Kiezgeflüster und die Legenden ihrer Straße, lässt sich von ihren ehemaligen und jetzigen Nachbarn deren Geschichten erzählen. Und plötzlich zieht ein ganzes Jahrhundert vor ihren Augen vorbei: die protzigen Bauherren der Kaiserzeit, die sorglose Hautevolee der Zwanziger, die jüdischen Anwälte und Ärzte, die in alle Welt emigrieren mussten, die Ausgebombten, die Kriegswaisen und -witwen, die hektischen Helden des Wirtschaftswunders, die 68er-Rebellen, die konservativen Kleinbürger, die Kultmusiker Tangerine Dream und David Bowie und die Gentrifizierungsbekämpfer von heute.[/lightgrey_box]

Ruhige StraßeAls die Autorin in den 1990er Jahren nach Berlin Schöneberg zieht, wählt sie ihre Wohnung nach recht objektiven Kriterien aus: Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, zentrale Lage, Supermärkte und so weiter. Die Straße, in der sie schließlich eine Wohnung mietet, ist eine eher unscheinbare und vielleicht auch weniger ansehnliche Straße im Vergleich zu anderen in Berlin. Und dennoch entwickelt sie schon bald eine ganz besondere Beziehung zu ihr und ihren Nachbarn. Sie begibt sich in Archive, sichtet alte Zeitungen und befragt aktuelle und ehemalige Bewohner der Straße. So gelingt es ihr nach und nach die Geschichte der Straße von ihrer Entstehung 1904 bis in die heutige Zeit zu rekonstruieren und entdeckt, wie viel dort im Laufe der Zeit passiert ist.
Dabei gräbt sie eine Reihe von schönen, traurigen und skurrilen Geschichten aus. Sie verfolgt die Geschichten der Juden ihrer Straße, die während des Nazi-Regimes aus ihren Wohnungen vertrieben oder verschleppt wurden. Auf eine Zeitungs-Annonce hin, melden sich zahlreiche ehemalige Bewohner ihrer Straße, die mittlerweile auf der ganzen Welt leben. Hugues macht sich auf, sie zu besuchen und sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Die vielen einzelnen Geschichten greifen immer mal wieder ineinander – man kannte sich, die Kinder spielten zusammen oder man hatte gemeinsame Freunde. Nach und nach schreitet die Autorin in der Zeit voran und findet immer wieder etwas neues, das erzählenswert ist. Eines meiner Highlights ist übrigens die Tatsache, dass Otto Waalkes während eines Filmdrehs in der Loge der Hauswartsfrau saß und dort seinen Kaffee trank. Den entsprechenden Fotobeweis gibt es ebenfalls im Buch, denn die Autorin hat diverse Bilder zu den Geschichten gefügt.

Neben diesen Geschichten berichtet die Autorin auch immer wieder aus den Akten, die es über die Straße gibt. Gleich zu Beginn gibt es ein Kapitel über den Bau der Häuser zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier hatte ich wirklich zu kämpfen, weil  ich es doch recht öde fand. Solche Berichte gibt es im Buch immer mal wieder, was das Lesen für mich doch etwas in die Länge gezogen hat. Doch da es nicht zu viele sind, konnte ich hier einfach „drüberlesen“.

Fazit


Pascale Hugues ist es gelungen, die große Geschichte anhand einer Straße zu erzählen. In den einzelnen Geschichten präsentiert sie viele Fakten, schafft es aber meistens, sie sehr lebendig zu präsentieren. Nicht nur für Berlin- oder Geschichts-Fans geeignet!

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Pascale Hugues – Ruhige Straße in guter Wohnlage
Verlag: rororo
315 Seiten, Taschenbuch, 9,99 €

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7 Kommentare

  • Antworten Reiner Wadel 11. Januar 2016 um 22:05

    „Patrice“ Hughes?

  • Antworten Lotta 12. Januar 2016 um 07:00

    Hallöchen liebe Maike,
    da ist ja das Kommentarfeld wieder. Ich musste gerade drei mal aktualisieren, damit ich kommentieren kann, komisch. :D
    Solche Geschichen sind ja eigentlich gar nichts für mich, aber das Cover und der Titel haben mich sofort angesprochen. Ich finde es immer wieder schön, dass ich bei euch Bücher entdecken kann, die mir sonst definitiv nicht auffallen würden. Deine schöne Rezension und das Buch werden mir im Kopf bleiben und vielleicht kann ich einem Kunden genau dank diesem Beitrag weiterhelfen.

    Danke.

    Liebst, Lotta

  • Antworten nettebuecherkiste 12. Januar 2016 um 11:18

    Das klingt echt interessant! Kommt auf meine Liste! Der Bezug zu David Bowie ist ja leider sehr aktuell :-(

    • Antworten Maike 12. Januar 2016 um 18:58

      Ich weine noch ganz leise um ihn. Und habe gestern die Teile über Bowie sicherheitshalber noch mal gelesen.

  • Antworten Reiner Wadel 12. Januar 2016 um 19:33

    Sie sollten das wirklich ändern: Das Buch ist von einer Autorin und sie heißt „Pascale“

  • Antworten Reiner Wadel 12. Januar 2016 um 19:38

    Sorry – die alte Seite war noch in meinem Cache

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