Yoko Ogawa – Der Herr der kleinen Vögel

Yoko Ogawa ist eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Ihre Romane „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ oder „Schwimmen mit Elefanten“ sind mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden. „Der Herr der kleinen Vögel“ ist bereits ihr zehnter Roman. In Deutschland sind die Hardcover in dem kleinen, liebevoll kurarierten Verlag Liebeskind erschienen. Deren Ausgaben sind auf ihre Weise genauso wunderschön und zart gestaltet wie die Taschenbuchausgaben, die im Aufbau Verlag erschienen sind. Vielleicht noch schöner. 
Gleich zu Beginn des Buches erfährt man das Ende des namenlosen Protagonisten, der nur „Der Herr der kleinen Vögel“ genannt wurde: Einsam und unbemerkt ist er in seinem kleinen Haus gestorben – neben einem Vogelkäfig mit einem besonders schönen Vogel darin.
Ogawa_Herr_kleinen_Voegel_CoverDoch der Mann war nicht immer allein. Rückblickend wird von der Kindheit und Jugend des Mannes und seinem älteren Bruder erzählt. Gemeinsam mit ihren Eltern leben sie in einer ruhigen Gegend. Der ältere hört eines Tages auf zu sprechen – zumindest in einer allgemein verständlichen Sprache. Seine eigene, hochkomplexe Sprache ist dem Gesang der Vögel nicht unähnlich und nur sein jüngerer Bruder versteht ihn. Der Protagonist ist seinem Bruder so nah wie sonst kein zweiter Mensch. Sie teilen eine unbändige Leidenschaft für Vögel, ihren Gesang und ihre individuellen Eigenarten. Nach dem Tod der Eltern ist der jüngere das letzte Verbindungsglied zur Welt außerhalb des selbsterschaffenen Universums. „Der Herr der kleinen Vögel“ macht es sich zur Lebensaufgabe, dem Bruder die gleichförmige Struktur und Routine zu schaffen, die er benötigt. So formt sich das Leben und auch der Charakter des jungen Mannes durch seine Aufopferung für seinen sonderbaren Bruder. Daraus entsteht eine Einsamkeit, die überraschenderweise völlig frei von Groll oder Frustration ist. Im Gegenteil: Das Leben der beiden wirkt fast spirituell und meditativ. Mit wachsender Faszination verfolgte ich den Verlauf der Jahre und das konstante, gleichförmige Leben dieser beiden genügsamen Männer und ihrer besonderen Begabung im Umgang mit Vögeln.
Immer wieder tauchen Figuren im Leben des kleinen Herrn auf, begleiten ihn ein Stück, doch gelingt es ihnen nicht, wirklich Fuß zu fassen. Jeder von ihnen scheint wie eine abgeschlossene Episode oder eine unbedeutende Randfigur kurz im Leben des einsamen Mannes aufzuflackern. Man hofft und wünscht sich, dass es jemandem gelingt, ihn aus seiner selbstgewählten Einsamkeit zu befreien. Es ist nicht verwunderlich, dass es aber eigentlich die Vögel sind, die diese Funktion der bedingungslosen Zuwendung erfüllen können.

Fazit


Feinsinnig, voller Gefühl und Mitgefühl für ihre Figuren entspinnt Ogawa eine Geschichte über die Liebe zur eigenen Familie und verpasste Chancen. Selten ist mir eine Figur begegnet, die so passiv und schicksalsergeben und zugleich so Herr seiner Selbst war. Die Figur des „Herrn der kleinen Vögel“ ist hochkomplex und tragisch. Die Autorin gelingt es, in diesem dünnen Büchlein eine ganze Welt zu beschreiben und mit ihrem hochkarätigen und zarten Schreibstil einem tief zu berühren.

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Eure Mareike


Yoko Ogawa – Der Herr der kleinen Vögel
Verlag: Liebeskind
Gebunden, 272 Seiten, 18,90€

Weitere Besprechungen findet ihr bei Ein eigenes Zimmer und Literae Artesque.

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