Dorthe Nors – Rechts blinken, links abbiegen

Der Buchmarkt ist riesig und das Werbebudget leider nicht unerschöpflich. Kein Wunder also, dass sehr, sehr viele Bücher erscheinen und man kaum bis gar nichts von ihnen mitbekommt. Neben all den Harry Potters dieser Welt sind viele Bücher zu einem Schattendasein verdammt. Kleine, wertvolle Büchlein, amüsante, feinsinnige Geschichten von ungewöhnlichen Figuren. Gut, sind wir ehrlich: Da liegt auch eine Menge Schrott, in die berechtigterweise kein Cent Werbebudget investiert wird (warum sie dann herausgegeben werden, entzieht sich meinem Verständnis).
Was ich euch damit sagen möchte: Es ist keine Schande, dass ihr noch nie von Dorthe Nors oder ihrem neuen Roman „Rechts blinken, links abbiegen“ gehört habt. In der Masse gehen diese kleinen, feinen Büchlein ohne Zweifel schnell einmal unter.
Warum ihr diesem Buch trotzdem ein paar Lesestunden widmen solltet, möchte ich euch heute erzählen.

Sonjas Leben verläuft seit Jahren in geordneten Bahnen. Aufregend sind eigentlich nur ihre Fahrstunden – denn trotz ihrer zweiundvierzig Jahre kann sie noch immer nicht schalten. Ihre Schwierigkeiten am Steuer sind jedoch nicht ihr einziges Problem: Von ihrer Masseuse bekommt sie zu hören, dass ihr Bindegewebe schwächer wird, und ihre Schwester, der einzige Kontakt zu ihrer Familie, geht ihr aus dem Weg. Aber Sonja ist eine Kämpferin, und so nimmt sie sich eines Tages fest vor, den richtigen Gang für ihr Leben zu finden.

fcb15390a1d169702669dfc11d75b488Sonja ist Übersetzerin von Kriminalromanen, sie führt ein sehr ruhiges Leben ohne viele Freunde oder Familie. Das ist auch meist besser so, denn wenn wir ehrlich sind: Sonja hat es nicht so mit Menschen. Sie schafft es nicht gut, sich durchzusetzen oder ihren Standpunkt klar zu äußern. Als sie nach zahllosen Fahrstunden mit der dauerquatschenden Jette immer noch kein Gespür für’s Autofahren hat, beschließt sie den Fahrlehrer zu wechseln. Allein diese Entscheidung entwickelt sich zu einem größeren Akt, sie hat Angst die Gefühle von Jette zu verletzen und gibt sich selbst die Schuld, dass sie nicht schon viel eher ihre Bedürfnisse (also richtiger Unterricht) eingefordert hat. Sie fühlt sich in der Sackgasse.
Diese unsichere, etwas selbstmitleidige Frau scheint ein Talent dafür zu haben, sich in Sackgassen zu manövrieren. Auch die Beziehung zu ihrer einzigen Schwester ist schon lange eher eine Einbahnstraße, denn Kate, die erfolgreiche, glücklich verheiratete Kate, ist stets zu beschäftigt, um mit der lästigen Schwester zu sprechen. Sie lässt sich lieber am Telefon verleugnen.

Nach und nach lernen wir Sonjas tristes, von Zurückweisung geprägtes Leben kennen und verstehen, warum das Autofahren so wichtig für sie ist: Es ist ein Befreiungsschlag, ein emanzipatorischer Prozess, um endlich die Herrin über das eigene Leben und Bedürfnisse zu werden. Auf dem Weg dorthin trifft Sonja einige seltsame und nicht minder ungewöhnliche Figuren. Dorther Nors gelingt es mit wenigen Worten ganz besondere und facettenreiche Figuren zu schaffen, die einem im Gedächtnis bleiben.
Falls sich der ein oder andere an „Renate Hoffmann“ von Anne Freytag erinnert: Dieses Buch hat genau diese Wärme, genau diesen Charme, der auch bei „Renate Hoffmann“ zu spüren war.

Fazit


Ein Buch so klein und unscheinbar, dass man es schnell übersehen mag, ganz ähnlich wie seine Protagonistin. Doch das wäre ein Fehler, denn Sonjas Geschichte ist lustig, berührend und voller sprachlicher Schönheit.
Wenn ihr mal etwas abseits der lauten Masse lesen wollt: Blinkt rechts und biegt links ab Richtung Dorther Nors kleinem Schatz.

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Eure Mareike


Dorthe Nors – Rechts blinken, links abbiegen
Verlag: Kein und Aber
Gebunden, 192 Seiten, 20,00€

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3 Kommentare

  • Antworten -Leselust- 10. Oktober 2016 um 21:10

    Eine richtig schöne Rezension. Ich freue mich immer total doll, wenn andere Blogger mich auf kleine aber feine Bücher hinweisen. Ich würde eigentlich gern viel mehr abseits der Bestsellerlisten lesen, traue mich aber zu selten, wegen des ganzen Schrotts, den du ja auch erwähnt hast. Da ist mir meine (Lese-) Zeit zu schade für. Aber dafür verpasst man dann auch solche kleinen Juwelen. Außer natürlich nette Blogger machen darauf aufmerksam.
    Also danke dafür :)

    • Antworten Mareike 11. Oktober 2016 um 09:50

      Ach wie schön! Danke für deine Worte! Genau dafür gibt es uns Blogs doch, oder? Dass wir auf kleine Schätze aufmerksam machen :)

      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten -Leselust- 20. Oktober 2016 um 20:29

        Ja, das stimmt. Aber dafür muss man dann als Blogger auch den Mut haben, sich in Nischen hineinzuwagen und nicht nur die Bestseller zu rezensieren und dann eventuell auch mal weniger Klicks zu bekommen. Also ich finde, es wird insgesamt in der Blogger- Szene ein bisschen wenig gemacht.
        Also Danke für dein Engagement und weiter so! ;)

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