Niña Weijers – Die Konsequenzen

Endlich habe ich es mal geschafft, ein Buch zu lesen, das stellvertretend für den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse steht, in 2016 also Flandern Niederlande. Dass ich mich aber mit „Die Konsequenzen“ so schwer tun würde und es dann plötzlich doch so leicht wird, das hat mich überrascht. Für mich war es ein „Flugbuch“ – gelesen habe ich es auf dem Hin- und Rückflug meines Urlaubs. Denn während es sich am Pool so völlig gegen meine Leseversuche wehrte, passte es hervorragend zum Geräusch der Turbinen (und lenkte mich ab).

Minnie Panis nennt sich Künstlerin, weil andere Menschen sie als solche bezeichnen. Sonderlich überzeugt ist sie davon nicht, sie selbst weiß nicht so recht, was sie ist. Mit Ende Zwanzig hat sie die Kunstszene mit ihren Projekten schon mehrmals in helle Begeisterung versetzt. Dabei kann sie selbst die Aufregung um ihre Person fast gar nicht nachvollziehen. Denn all ihre Projekte kamen aus ihr selbst heraus und entstanden in einem für sie völlig natürlichen Prozess. Das Besondere an ihnen ist ihr nicht so recht bewusst, waren es doch eher zufällige Entscheidungen, bestimmten Ideen nachzugehen und andere zu ignorieren.
die-konsequenzenSo ist es auch mit ihrem neuen Projekt. Sie beauftragt einen Fotografen, der eine Ex-Affäre ist, sie heimlich zu überwachen. Die Idee und die Chance kamen auch hier wieder per Zufall: Der Fotograf hatte sie für eine Modestrecke heimlich fotografiert und für die Bilder eine Menge Geld von der Vogue erhalten. Im Gegenzug verpflichtet Minnie ihn für ein Projekt, das nach ihren Regeln läuft. Er soll sie an einer bestimmten Anzahl von aufeinander folgenden Tagen heimlich verfolgen und fotografieren. Auch wenn Minnie noch nicht weiß, was das Ergebnis dieser Überwachung ihr bringt, es fühlt sich nach etwas Gutem an.
Doch in dem Buch geht es nicht nur um dieses Projekt. Weijers erzählt vielmehr die Geschichte ihrer Protagonistin. Sie berichtet von deren Kindheit und Jugend, von ihrer Zeit an der Kunstakademie und von all den Seltsamkeiten, die Minnie Panis in sich vereint. Schon als Säugling war sie ihrer Mutter ein Rätsel, denn sie wollte einfach nicht weinen. Es war, als kenne sie keine Unzufriedenheit und keinen Hunger. Völlig verzweifelt bringt ihre Mutter sie zu einem Spezialisten, der gerade die erste Station für Schreikinder in den Niederlanden eröffnet hat. Dort soll Minnie von anderen Kindern das Weinen lernen. Und genau von diesem Arzt erhält sie viele Jahre später einen Brief, gerade als sie ihr neues Projekt starten will.

Dieses Buch ist eindeutig eines, auf das man sich beim Lesen voll und ganz einlassen muss. Für mich war es eine echte Herausforderung, denn besonders zu Beginn hatte ich überhaupt keine Ahnung, worauf die Geschichte hinaus läuft. Und eigentlich ist mir das auch nach dem Beenden des Buches noch nicht so ganz klar. Doch irgendwann hat es einfach klick gemacht und ich musste wissen, wie die Story weiter verläuft. Denn Minnies Geschichte entwickelt eine unglaubliche Intensität und Sogkraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Allerdings muss ich anmerken, dass ich mich dadurch erst mühsam durch die ersten 150 Seiten lesen musste.
Weijers erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin nicht linear, immer wieder springt sie in der Zeit und erzählt einzelne, besonders hervorstechende Episoden aus Minnies Leben, die diese entscheidend geprägt haben. So setzt sich nach und nach ein Puzzle aus vielen kleinen Teilen zusammen. Es ergibt jedoch am Ende kein Gesamtbild über das man sagen kann „Das ist Minnie Panis“, sondern viele Facetten einer Person. Minnie selbst bleibt unbegreifbar und unpräzise – genau so, wie sie sich selbst sieht.

Fazit


Verwirrend und schön – so würde ich Niña Weijers „Die Konsequenzen“ am ehesten beschreiben. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich an den Stil der Autorin zu gewöhnen, bin aber froh, dass ich es nicht abgebrochen habe. Nicht nur Autoren sollten experimentierfreudig sein, auch als Leser muss man manchmal etwas wagen. Und sich genau wie Minnie einfach mal an etwas wagen, ohne zu wissen, was am Ende heraus kommt.

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Niña Weijers – Die Konsequenzen
Verlag: Suhrkamp
359 Seiten, Hardcover, 22 €

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2 Kommentare

  • Antworten Die Literatur-Beilage der ZEIT zur Frankfurter Buchmesse 2016 23. Oktober 2016 um 14:07

    […] Künstlerin und zugleich ein ironisches Werk über die moderne Kunstszene. 1001 Bücher und Herzpotenzial haben dieses Buch bereits gelesen. » zur […]

  • Antworten Niña Weijers: Die Konsequenzen | Bücherwurmloch 2. Januar 2017 um 09:15

    […] bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42558-9, 359 Seiten, 22 Euro). Und hier ist die Besprechung von Herzpotenzial […]

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