Nancy Mitford – Englische Liebschaften

[lightgrey_box]Nancy Mitfords schönster Roman, mit dem sie ein paar unvergessliche Prototypen der britischen Upper-Class schuf: Allen voran den exzentrischen Onkel Matthew, dessen reales Vorbild niemand anderes als Nancys eigener Vater war. Im Mittelpunkt der Geschichte steht jedoch die junge, unkonventionelle Linda Radlett, die in politisch bewegter Zeit von Liebe und Abenteuer, kurz: dem wahren Leben träumt – jenseits von Fuchstreibjagden und Five-O’Clock-Tea.[/lightgrey_box]Ihre eigene Mutter, genannt die Hopse (weil sie von einem Mann zum nächsten hopst), hat eigentlich keine Zeit für sie, darum wächst Fanny bei ihrer Tante Emily und deren Mann Davey auf. Doch ihre Ferien verbringt sie immer auf dem Landgut Alconleigh ihrer Tante Sadie und ihres Onkels Matthew Radlett. Dadurch wächst sie mit ihren Cousins und Cousinen auf, als wären es ihre Geschwister und erlebt so auch deren Werdegänge in den turbulenten 1920er und 1930er Jahren mit. Im Mittelpunkt steht dabei das Leben ihrer Cousine Linda, der sie selbst auch am nächsten steht. Lindas Leben ist bereits sehr früh von der Suche nach ihrer wahren großen Liebe geprägt. Nun ja, genau Englische Liebschaftengenommen ist sie ein wenig besessen davon. Und so kommt es wie es kommen muss – sie lässt sich vom erstbesten Mann, der ihr schöne Augen macht, verzaubern und um den Verstand bringen. Vor Liebe oder Verliebtheit völlig blind heiratet sie ihn, nur um dann festzustellen, dass er ein Langweiler ist und gar nicht der tolle Hecht, der er zu sein schien. Aber Linda wäre nicht Linda, wenn sie an dieser Stelle aufgeben und sich arrangieren würde. Denn irgendwo muss sie doch sein, ihre wahre große Liebe!
Daneben berichtet Fanny aber auch von den Geschicken der anderen Mitglieder der Familie, denn die Wege der einzelnen Personen kreuzen sich immer wieder und auf durchaus unvorhergesehene Art und Weise. Dabei kommt vor allen Dingen Onkel Davey nicht zu kurz, der einen Narren an Linda gefressen hat und ihr des Öfteren auf die Sprünge hilft.

Ich habe selten eine Familie erlebt, die so unterschiedlich und so exzentrisch ist wie die Radletts. Nancy Mitford hat zum Teil ihre eigene Familie als Vorbild genommen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen beschreibt sie ihre Charaktere geradezu schonungslos. Besonderes Merkmal der Radletts scheint dabei ein gewisser Starrsinn zu sein, der besonders bei Linda und bei Onkel Matthew mit einer überschäumenden Emotionalität gepaart ist. Glaubt mir, es ist eine wahre Freude, wenn die beiden mit unterschiedlichen Ansichten aufeinander treffen. Das die Geschichte aus Fannys Perspektive erzählt wird, ist hierbei ein großer Vorteil. Ihre eigene sachliche Art (mit der sie wohl zeigen will, dass sie anders als ihre Mutter ist) gibt die Situationen immer sehr akkurat wieder und bevorzugt niemanden, schafft es aber immer, in einem lockeren Plauderton zu bleiben. Außerdem überzeugt sie mit einer Vielzahl ironischer Bemerkungen, an denen sich zeigt, wie viel Zeit sie im Endeffekt mit den Radletts verbracht hat und welchen Einfluss sie auf sie hatten.

Fazit


Nancy Mitfords „Englische Liebschaften“ sind ein unglaublich ehrliches und witziges Porträt einer englischen Familie. Trotz aller Ehrlichkeit kann man es als liebevolle Verbeugung vor ihrer eigenen Familie sehen, der sie mit diesem Buch definitiv ein wundervolles Denkmal gesetzt hat. Ein Buch für alle Freunde des englischen Humors und des lockeren Plaudertons, mit dem Klatsch und Tratsch beim Fünf-Uhr-Tee verbreitet wird.

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Nancy Mitford – Englische Liebschaften
Verlag: List
336 Seiten, Taschenbuch; 9,99 €

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2 Kommentare

  • Antworten ClauDia 18. Mai 2015 um 19:21

    na suuuuuuper… und wieder eins mehr auf der WuLi :( :)
    Danke für die Rezi und liebe Grüße
    ClauDia

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick im Mai | Herzpotenzial 1. Juni 2015 um 19:15

    […] das mich ins Istanbul des 16. Jahrhunderts versetzt hat und Nancy Mitfords bissiger Roman “Englische Liebschaften”. Beide Bücher haben mich begeistert und mir diverse vergnügte und wunderschöne Lesestunden […]

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