Stefan Moster – Neringa oder die andere Art der Heimkehr

Woran erinnert man sich als erstes, wenn man an seine Kindheit denkt? An die guten Momente? Alltag und kleine Dramen? Oder an die Begegnungen, die Geschichten, die einen nachhaltig geprägt haben? Wer waren die Menschen, die uns wirklich beeinflusst haben? Und was ist von ihren übrig geblieben, wenn sie gestorben sind?

Dieser Roman um einen fünfzigjährigen Mann, der in London in einer Computerfirma arbeitet, beschäftigt sich mit der Frage, was uns prägt. Aber auch was übrig bleibt, wenn jemand stirbt. Es geht um Familienlegenden und wie sie die Basis, das Fundament für das bilden, was unsere eigene Persönlichkeit ausmacht.
Das Buch um den namenlosen Ich-Erzähler beginnt mit einer der zentralen Familienlegenden, die ihn und sein Bild von seiner Familie geprägt haben: Sein Großvater Jakob war in einem kleinen deutschen Dorf ein Pflasterer, versiert im Umgang mit Steinen, aber auch mit Holzpflasterungen, einer alten, seltenen Kunst. Dieser Mann war geduldig und ging systematisch bei seiner Arbeit vor. Doch eines Tages, als er gerade einen neuen Schornstein auf seinem Haus mauerte, brachte ihn seine Frau so zur Weißglut, dass es fast zu einem tödlichen Unfall gekommen wäre. Diese Geschichte hört der Ich-Erzähler nach dem Tod seines Großvaters, irgendwann auf einer Familienfeier. Sie wird als heitere Anekdote erzählt und doch bleibt sie tief im Gedächtnis des Erzählers hängen. Er versucht das Gehörte mit dem eigenen Bild des gütigen, immer geduldigen Großvaters in Verbindung zu bringen. Nun, inzwischen ein gestandener Mann von fünfzig, einsam und seltsam verloren in seiner ständig moderner werdenden Arbeitsumgebung, beginnt die Geschichten, die er über das Leben seiner Eltern und Großeltern im Laufe seines Lebens gehört hat zu verbinden, aber auch zu hinterfragen.
Neringa_Heimkehr_Moster_Mare_Instagram01Für ihn ist dieser Pflasterer, der eine beeindruckende Kunststraße aus Holzpflöcken geschaffen hat, ein Mysterium voller spannender Geheimnisse: Von den künstlerischen Ambitionen mit Mosaikpflastermustern bis hin zur spektakulären Desertion während des zweiten Weltkriegs scheint das Leben des bodenständigen Jakobs in sich klar und ohne Selbstzweifel. Ganz im Gegenteil zur ambivalenten Gegenwart des Erzählers.
Doch hat es sich tatsächlich so verhalten? Ist das Leben des Großvaters so viel klarer und schillernder gewesen? Wie genau sind die Erinnerungen eines naiven Kindes, das vielleicht halb im Spiel vertieft den anspielungsreichen Geschichten der Erwachsenen gelauscht hat? Er fragt sich, ob seine Erinnerungen überhaupt verlässlich sind, ob er nicht selbst beschönigt, verändert oder zu viel Bedeutung beigemessen hat.

Das erste Drittel des Buches erzählt eher schleppend von diesen Anekdoten und zur historischen Wahrheit erstarrten Ausschnitten aus dem Leben des Großvaters und der Verbindung zur Gegenwart des Protagonisten. An diesem Punkt fühlte ich mich ebenfalls in diesen Geschichten gefangen, etwas perpektivlos plätscherte die Erzählung bis hierhin. Doch dann begegnen wir Neringa, der Putzfrau, die auch bei ihm aufräumt, mit seltsamer Anmut und Eleganz durch die Wohnung wirbelt. Er verliebt sich in sie und spürt plötzlich, dass er dem Hier und Jetzt eigentlich weniger zugewandt ist als der Vergangenheit, die ihn vermeintlich so tief geprägt hat.
So begeben sie sich gemeinsam auf Spurensuche und stellen sich immer wieder der Gegenwart, der täglichen Wahrheiten, die der Mann so gründlich von sich geschoben hat.
Mit jeder Begegnung mit der ungewöhnlichen Neringa, die aus einem lettischen Dorf nach England gezogen ist, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Reichtum und Entfaltung, nimmt der eher nachdenkliche Roman an Fahrt auf. Diese beiden so unterschiedlichen Figuren helfen einander mutiger auf das eigene Leben zu blicken. Der Namenlose stellt sich erstmals den eigenen Legenden, erforscht sie, sucht in Dokumenten nach realen Spuren, die sein Großvater hinterlassen hat. Er muss immer wieder feststellen, dass Wirklichkeit und Fiktion nicht immer deckungsgleich sind. Das Leben seines Großvaters verlief nicht in den Bahnen, die er sich selbst zusammengereimt hat aus den wenigen Fakten, die er hatte.
Doch mit Neringa beginnt er sich zunehmend von seiner Vergangenheitsobsession zu lösen, entwickelt einen versöhnlicheren Blick auf die eigene Familie und seine eigene Situation. Sie hilft ihm, einen neuen Blickwinkel einzunehmen.

Fazit


Stefan Moster erzählt mit viel Ruhe und Weitsicht von der Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln. Von dem Drang sich selbst über die Vergangenheit zu erklären. Sein Protagonist ist auf der Suche nach Antworten über seine Familie und findet schließlich etwas völlig anderes: Einen verlässlichen Partner, mit dem er in eine Zukunft blicken kann. Ein leiser Roman für Geduldige.

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Eure Mareike

Weitere Stimmen zu „Neringa“ findet ihr bei Leseschatz und Literaturen.


Stefan Moster: Neringa oder die andere Art der Heimkehr
Verlag: mare
Gebunden, 288 Seiten, 20,00 €

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2 Kommentare

  • Antworten Silvia 25. April 2016 um 21:37

    Ich mag die Bücher dieses Autors. Bei diesem haben mich vor allem die Geschichten in der Geschichte fasziniert.

  • Antworten Hauke 26. April 2016 um 09:07

    Moin!
    Für mich ein Highlight in diesem Frühjahr. Siehe bei mir im „Leseschatz“
    Herzliche Grüße,
    Hauke

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