Mit einer Bibliothek quer durch Endland

[lightgrey_box]Bobby Nusku fristet seine Tage damit, Haare, Kleidungsstücke und weitere Spuren seiner verschwundenen Mutter zu sammeln und zu archivieren. Er fühlt sich im Haus seines grobschlächtigen Vaters und dessen wasserstoffblonder Freundin ziemlich einsam, besonders nachdem sein einziger Freund Sunny eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Freundschaft zum Nachbarsmädchen Rosa und ihrer Mutter Val, die Putzfrau in einem Bücherbus ist, gibt ihm Hoffnung und macht ihm Mut, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Als alles drunter und drüber geht, machen sich Val, Rosa und Bobby gemeinsam mit dem sympathischen Outlaw Joe auf eine verrückte Reise mit Vals Bücherbus quer durch England. Im Gepäck haben sie nur das Nötigste: ihre Freundschaft und eine Menge guter Bücher.[lightgrey_box]

Bobby ist ein ziemlich einsamer Junge. Seine Mutter ist verschwunden, sein gewalttätiger Vater und dessen Freundin geben sich alle Mühe ihn zu ignorieren und in der Schule wird er gemobbt. Einzig sein Freund Sunny ist für ihn da. Und um ihn beschützen zu können beschließt der, ein Cyborg zu werden. Insgesamt braucht es dafür drei Schritte und jedes Mal landet Sunny im Krankenhaus. Beim dritten Mal verletzt er sich so schwer, dass er fast stirbt. Während er im Krankenhaus ist, lernt Bobby Rosa und ihre Mutter Val kennen. Da aus seiner Sicht alles besser ist, als zuhause zu sein, besucht er die beiden häufig und freundet sich mit ihnen an. Val ist Putzfrau in einer fahrenden Bücherei und leiht ihm immer wieder einige der Bücher. Bobby eröffnet sich eine völlig neue Welt voller Geschichten, die er sich nie hätte vorstellen können.
Und dann ist eines Tages Sunny verschwunden, Bobby findet nur noch einen versteckten Zettel mit einer Botschaft. Er kann sich nicht vorstellen, ohne seinen besten Kumpel leben zu können und macht sich auf die Suche nach ihm. Aufgrund einer Verkettung von Zufällen begleiten ihn Rosa und Val – gemeinsam stehlen sie den Bücherbus. Es folgt eine Tour de Force durch England, immer auf der Flucht vor der Polizei und immer auf der Suche nach der eigenen Geschichte und dem Glück, dass es nicht nur in den Büchern geben kann.

1309_01_SU_Whitehouse_DieReise_47L.inddWas für eine irre Reise! Beim Lesen habe ich den Bus direkt vor mir gesehen, wie er in irgendeinem englischen Kaff an einer Ampel steht. Am Steuer Val, immer leicht nervös, neben sich Bobby, der Rosa aus einem der unzähligen Bücher vorliest. Gemeinsam entdecken sie die vielen spannenden Geschichten zwischen den Buchdeckeln und hoffen die ganze Zeit, dass auch ihr Leben eine so spannende Geschichte wäre. Das sie mitten in einer drin sind, merken sie erst, als die Reise fast zu Ende ist. Während der Reise wachsen die Hauptfiguren immer weiter zusammen und werden eine Art Familie. Jeder findet in den anderen etwas, wonach er sich immer irgendwie gesehnt hat. Sie sind füreinander da, beschützen einander und ihre Realität hellt sich nach und nach auf – was auch bitter nötig ist. Dabei kommt ihnen ihr Reisegefährt zu Hilfe, denn vor allen Dingen Bobby greift immer wieder zu Büchern, die ihnen auf ihrer Reise auf die ein oder andere Art weiterhelfen. Kaum ein Buch wird namentlich genannt, aber sie sind allgegenwärtig und spenden ein gewisses Maß an Geborgenheit. Das ist etwas, was die meisten Leser kennen, für Bobby ist es etwas völlig Neues. Vielleicht verliert er sich auch deshalb schlagartig so gerne zwischen den Seiten.

Denn vor allen Dingen ist Bobbys Leben grau, düster und von einer fast greifbaren Hoffnungslosigkeit geprägt. Das bringt David Whitehouse auch mit seinem Schreibstil  rüber. Die Sprache ist direkt, bildhaft und roh. Leider ist das an einigen Stellen etwas zu direkt und überhaupt nicht mein Fall, ich habe mich teilweise doch sehr geekelt. Und trotzdem gelingt es dem Autor immer wieder, dass da dieser Hoffnungsschimmer ist, an dem sich der Leser festhalten kann. Dafür sorgt auch Vals Tochter Rosa, die mit ihrer naiven und fröhlichen Art immer alle dazu bringt, weiter nach vorn zu blicken.
Leider sind die Handlungsstränge ein wenig konfus. So habe ich das Buch zwar fast in einem Rutsch gelesen, wusste aber irgendwann nicht mehr so genau, was jetzt das eigentliche Ziel der Reise ist. Das änderte sich auch nicht dadurch, dass der Autor einen Ausschnitt des Endes an den Anfang des Buches stellt. 

Fazit


Ein Buch, dass sich wie ein Roadmovie liest. Alles ist in Bewegung, es ist durchgehend spannend, wenn auch verwirrend. Und auch wenn die Bücher nicht namentlich auftauchen, sind sie doch immer da, begleiten die Figuren auf  Schritt und Tritt und zeigen ihnen den Weg, der abseits der Landkarten liegt.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Eure Maike

Eine weitere tolle Rezension findet ihr auf Sandras Blog Büchernische


David Whitehouse – Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
Verlag: Tropen
315 Seiten, gebunden, 19,99 €

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6 Kommentare

  • Antworten Büchernische 4. Mai 2015 um 16:41

    Liebe Maike,

    ach schön, ich freue mich sehr, dass es dir gut gefallen hat. Ich kann dir zustimmen, manche Stellen haben mich wirklich schockiert, andere auch etwas geekelt. Aber der Rest des Buches macht das locker wieder wett. Ich danke dir auch für’s Verlinken ♥ und freue mich, dass diese Reise auch für dich ein positives Erlebnis mit sich brachte :)

    Liebe Grüße
    Sandra

    • Antworten Maike 5. Mai 2015 um 22:00

      Liebe Sandra,
      es beruhigt mich sehr, dass es dir auch so ging! Ich war am Ende wirklich überrascht, dass mir das Buch SO gut gefallen hat, zwischendurch war ich doch recht skeptisch. Aber die Empfehlung ist es mir definitiv wert!
      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten Lotta 5. Mai 2015 um 16:07

    Hallöchen liebe Maike,
    ich freue mich, dass dir das Buch gefallen hat. :) Ich bin froh, dass ich dir damit eine kleine Freude machen konnte und dir Leselust und nicht Lesefrust beschert habe! :D
    Ganz tolle Rezension.

    Liebst, Lotta

    • Antworten Maike 5. Mai 2015 um 22:02

      Liebe Lotta,
      nichts anderes hatte ich erwartet, wo doch zwei erfahrene Bücherwürmer das Buch für mich ausgesucht haben :-) Und auch wenn das Buch und ich unsere kleinen Kämpfe hatten, war es am Ende doch ein tolles und rührendes Buch. Vielen Dank also noch einmal!
      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten Nanni 7. Mai 2015 um 10:09

    Liebe Maike,
    das Cover des Buches schreckt mich ja total ab. Das gefällt mir so überhaupt gar nicht. Der Inhalt hingegen wirkt eine gewisse Faszination auf mich aus. Rezis wie die von dir und Sandra, in denen ihr von kontroversen Gefühlen gegenüber der Geschichte redet, steigern meine Neugier so sehr, dass ich das Buch jetzt doch mal auf meinen Wunschzettel packe :)
    Liebe Grüße Nanni

    • Antworten Maike 12. Mai 2015 um 19:52

      Liebe Nanni,
      das Cover ist wirklich recht schwierig, ich habe deswegen auch sehr lange gezögert. Aber ich freue mich, dass du es trotzdem auf deinen Wunschzettel gesetzt hast :-) Es lohnt sich auf jeden Fall, wenigstens einen Blick in die Leseprobe zu riskieren.
      Liebe Grüße, Maike

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