Mireille Zindel – Kreuzfahrt

Stell dir vor, du sitzt in einem kleinen, schattigen Café auf den Klippen einer italienischen Küste. Du bist geflohen vor deinem Alltag, deiner Familie, deinem Mann und deinen kleinen Kindern, dem Muttersein und den eigenen Zweifeln. Du bist müde und sehnst dich eigentlich nur nach einem Moment, in dem du dich wieder wie du selbst fühlst. Da betritt ein Mann das Café, eure Blicke treffen sich und kurz darauf sitzt er dir gegenüber.
Ein Jahr später sitzt du wieder an dieser italienischen Küste. Ich weiß, es tut weh, doch du musst dich an diese erste Begegnung mit Jan, so heißt der Mann von damals, zurückerinnern, in jeder Einzelheit. Und so beginnst du ihm zu schreiben, einen Brief, einen Roman. Du schreibst eure Geschichte auf und ziehst mich damit in den Bann.

Meret und Dres, Jan und Romy. Zwei Paare, bei denen sich Ernüchterung eingestellt hat – bis sich Meret und Jan ineinander verlieben. Ein scharfsinniges, raffiniertes Kaleidoskop über alle Facetten des Liebens, das durch seine sprachliche Finesse und sein unvergleichliches Einfühlungsvermögen besticht.

Die Verheißung einer Affäre

Mireille Zindel erzählt in ihrem Ehebruchsroman von den Facetten der Liebe. Sie lotet geschickt und mit ruhigen Worten die Dynamik der menschlichen Gefühle aus, wenn sie von ermüdeten Ehepaaren, Stress und Langeweile schreibt, Sehnsucht nach Romantik, aber auch von der Sicherheit einer jahrelangen Partnerschaft miteinander. Sie verwebt all dies und erschafft einen fesselnden Roman über zwei Ehepaare abseits von Schuld und Moral.
Im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin als Ehebruchsromane bezeichnet, bricht Zindels Werk mit den traditionellen Mustern von Schuld, Betrug und Selbstzerstörung. Die von Leidenschaft zerfressene Frau stirbt weder an einem Fieber noch stürzt sie sich vor einen Zug, nein – so viel sei verraten: Ihre Ehe zerbricht nicht an dem Betrug.
Die Autorin versucht völlig frei von moralischen Parametern die Gefühle ihrer Figuren zu beleuchten. Sie gibt der langsamen Annäherung von Jan und Meret viel Raum. Mal ist da Anziehung, dann Zweifel, Zögern. Wurden die Blicke, die Spannung in den Gesten falsch gedeutet? Sie begegnen sich fast ausschließlich als Familien, gehen gemeinsam auf Spielplätze und sind fest in ihren Rollen als Partner und Eltern, dass kaum eine verräterische Geste zwischen ihnen ausgetauscht wird. Man kennt die Partner des anderen und damit auch deren Probleme und deren Sorgen. Zu jedem Zeitpunkt ist ihnen bewusst, wen ein Betrug treffen würde. Schließlich ist Meret mit Jans Ehefrau Romy fast täglich zusammen, ihr Mann Dres steht ebenfalls ständig mit ihnen in Kontakt. Eine Affäre, allein schon verräterische Gespräche würden sehr schnell auffallen. Ein Spiel mit dem Feuer und zugleich eine gemeinsame Reise ins Ungewisse. Die vier sind wie die Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff: Ständig auf engstem Raum miteinander zusammen, die Atmosphäre ist angespannt, nur kurze Momente der Ruhe (Landgänge) sind den Figuren gewährt. Doch je länger man dieses Buch liest, so mehr stellt sich heraus, dass diese Freundschaften nicht von Dauer sein werden. Es ist ein kurzes Intermezzo in Merit und Dres Leben, denn Romy und Dres hält es nie lange an einem Ort. So intensiv die kurze Zeit miteinander auch sein mag: Gerade die oberflächliche und esoterische Romy benötigt ständig ein neues Publikum.

Ein Briefroman?

Die du-Ansprache, die den Erzählstil stark prägt, ist zuweilen etwas anstrengend und sperrig. Hier hätte ich mir etwas mehr Mut zu einem mündlich-geprägten Stil gewünscht. Die Unmittelbarkeit der Ansprache an Jan hätten dadurch vermutlich an Lebendigkeit gewonnen. So wirkte es oft wie ein bemühtes Stilmittel, das nicht ganz stimmig eingesetzt wurde.

Elegant webt die Ich-Erzählerin in ihren Bericht vom Aufkeimen ihrer gemeinsamen Affäre eine weitere Erzählung von einer befreundeten Kreuzfahrerin ein. Dadurch wird noch eine weitere Beziehungsebene eingeflochten, weitere Farben und Auffassungen von Liebe finden ihren Platz. Der Fokus ist klar auf Beziehungen, Liebe und deren Grenzen gelegt.
Doch werden die anderen Bereiche so konsequent ausgeklammert, die Beziehungsprobleme, die Gefühle der Kinder, und vor allem: die der Partner scheinen völlig zu fehlen. Der subjektive Stil, die reine Gedankenwelt von Merit scheint einem einen entscheidenen Teil vorzuenthalten: Die andere Seite der Geschichte, die des Betrogenen. Vielleicht ist aber genau das das eigentlich moderne am Roman „Kreuzfahrt“: Mit jeder Zeile wird die Subjektivität der Liebe betont, die Gefühle sind fließend und von unendlich vielen Faktoren abhängig und allein deshalb nie eindeutig.

Fazit


Ein moderner Ehebruchsroman, der in seiner ruhigen, subjektiven Erzählweise auf den ersten Blick kühl wirkt – wer hier klassische Romantik erwartet, ist vermutlich schnell enttäuscht. Schreckt man jedoch nicht vor einem offenen Blick auf eine spannende Beziehungsdynamik zurück, kann man einen überraschenden Roman mit großer Erzählkunst genießen.

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Eure Mareike


Mireille Zindel – Kreuzfahrt
Verlag: Kein und Aber
Gebunden, 288 Seiten, 19,99€

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