Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

[lightgrey_box]Ein verblüffender Roman über Winston Churchill und Charlie Chaplin: Von zwei Herren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die – jeder auf seine Art – gegen das Böse kämpfen.

Winston Churchill und Charlie Chaplin – zwei Giganten der Weltgeschichte, so unterschiedlich wie nur möglich und doch enge Freunde. Der eine schuf als weltberühmter Komiker das Meisterwerk „Der große Diktator“, der andere führte mit seinem Widerstandswillen eine ganze Nation durch den Krieg gegen Adolf Hitler. Michael Köhlmeier hat mit dem Blick des großen, phantasievollen Erzählers erkannt, was in diesem unglaublichen Paar steckt: die Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst und Politik, Komik und Ernst. Der arme Tramp und der große Staatsmann, in diesem verblüffenden Roman des berühmten Autors aus Österreich erleben sie die Geschichte des Jahrhunderts.[/lightgrey_box]

Koehlmeier_ZweiHerrenamStrandWas für eine Vorstellung: Charlie Chaplin spaziert gemütlich mit Winston Churchill am Strand entlang. Sie erzählen sich intime Dinge, abseits von Politik und Showbiz. Sie sprechen über ihre Ängste und ihre immer wieder auftretenden Depressionen. Churchill spricht von einem großen schwarzen Hund, der ihn angreift und sich festbeißt – und keiner versteht dieses Bild für eine niederschmetternde Depression besser als Chaplin. Auch er hat seit seiner Kindheit immer wieder mit Selbstmordgedanken zu kämpfen, muss sich mit seinem filmischen Schaffen immer wieder der brutalen Kritik der Öffentlichkeit stellen und zerbricht fast daran. Churchill trägt die Last eines großen Namens und eines ganzen Landes auf seinen Schultern. Der Zweite Weltkrieg deutet sich bereits bei ihrem ersten gemeinsamen Gespräch an. Zwei Männer mit großer öffentlicher Präsenz, die in ihren Karrieren immer wieder – mal überraschend, mal lange angedeutet – mit Depressionen und Selbstmordgedanken kämpfen.
Mit einer zufälligen Begegnung auf einer Party in Hollywood beginnen die gemeinsamen Spaziergänge und die gegenseitigen Offenbarungen. Die beiden Männer erkennen sofort das ähnliche Gemüt im anderen, dass der Schwarze Hund sie beide besucht und sie ihr Leben lang begleitet.

Michael Kohlmeier hat ein spannendes Setting gewählt. Ich musste dieses Buch einfach lesen, denn beide Männer sind in meiner Vorstellung so verschieden, dass ich mir nicht recht vorstellen konnte, wie ein Treffen der beiden ohne politische Gespräche auskommen sollte. Ich wurde überrascht, denn die Depression und der Todesgedanke verbindet die beiden so tief, dass sie über viele Jahre miteinander in Kontakt bleiben und sofort zur Stelle sind, wenn der eine den anderen braucht.
Die Gespräche sind ruhig und behutsam. Man spürt die Kreativität und Kraft, die die beiden Männer aus den Austausch schöpfen. So entstehen einige wichtige Szenen von Chaplins Filmen aus Denkanstößen dieser Unterhaltungen. Dass Churchill ein sehr kreativer Mensch war, wird an vielen Stellen deutlich – nicht zuletzt weil die Staffelei seine letzte Bastion vor dem Schwarzen Hund zu sein scheint. Hier findet ihn Chaplin, fast manisch konzentriert auf seine Farben. Das Gegenstück ist Chaplins Schneideraum, in dem er verzweifelt versucht seinen Filmen neue Bedeutungen zu geben, Entscheidungen zurückzunehmen und der Künstler zu werden, der vom Publikum und der Kritik gefeiert wird.
Kunst, Komik, Weltsicht und Respekt sind wichtige Themen, die
Die eigentliche Handlung wird nach und nach aus den Dokumenten und Erzählungen rekonstruiert, die der Vater des Erzählers gesammelt hat, aus bekannten Interviews und Biografien. Man meint, ein weiteres Zeitdokument in den Händen zu halten, so geschickt werden Fiktion und Fakten hier verwoben. Der Erzähler selbst tritt immer mal wieder mit seiner eigenen Biografie in Erscheinung, besonders gegen Ende, wenn über eine Clownschule berichtet wird – ein Abschnitt, der meiner Meinung nach nicht die abrundende Wirkung hat, die er vermutlich haben soll. Insgesamt hat mich die etwas wirre Konstruktion um den Erzähler und seine Verbindung zu Chaplin/Churchill durchgängig gestört. Der neutrale, faktenorientierte Erzählton wird durch emotionalisierende persönliche Erinnerungen an die eigene Vater-Sohn-Beziehung durchbrochen. Die Verbindung der beiden Erzählebenen gelingt nicht vollständig, der Vater-Sohn-Vergleich hinkt und die Verbindungen bemüht. Die Geschichte hätte auch ohne diese Ebene funktioniert. Sie wäre auch ohne diese Extraportion Rührigkeit ein berührendes, elegantes und gelungenes Werk über zwei besondere Männer gewesen.

Fazit: Eine ungewöhnliche Geschichte über zwei Männer, die ihre Dekade geprägt haben. Verbunden durch eine sensible Freundschaft und den Kampf gegen die eigenen Geister findet der Autor nicht den richtigen Ton für ein vollends stimmiges Leseerlebnis.

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Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand
Verlag: Hanser Literatur
Gebunden, 256 Seiten, 17,90€

Eure Mareike

Rezensionsexemplar, vielen Dank!
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4 Kommentare

  • Antworten skyaboveoldblueplace 19. Oktober 2014 um 00:39

    Liebe Mareike,
    vieen Dank für die gelungene Besprechung. Mal wieder eine völlig andere Sichtweise auf dieses Buch, und endlich mal eine etwas kritischere.
    Das finde ich richtig gut, weil man dadurch die Gelegenheit hat, seine Sichtweise auf das Buch noch einmal zu überprüfen – auch wenn ich das Buch persönlich nach wie vor ziemlich grossartig finde.

    Deine Einwände kann ich bis zu einem gewissen Punkt gut nachvollziehen, denn ich muss gestehen, dass ich am Anfang des Buches, nach dem für mich wirklich fulminanten Beginn, auch einen kleinen Anker gesucht habe, bis ich wirklich in der Geschichte drin war und die Erzähl(er)-Konstruktion verstanden habe.

    Am Ende fand ich es aber einfach sehr raffiniert konstruiert – und die Vater-Sohn-Geschichte empfand ich nicht als rührselig, sondern einfach als einen interessanten Nebenstrang (allerdings, da hast Du absolut recht, nicht ganz so smoothy erzählt, wie den Rest des Textes), aus dem heraus man vielleicht auch eine ganz andere Geschichte hätte erzählen können.

    Ob die Geschichte anders , also ohne diesen changierenden Erzähler auch funktioniert hätte, weiss ich nicht. Vermutlich schon. Aber dann hätte Köhlmeier die Geschichte anders erzählen müssen und es wäre ein anderes Buch geworden. Und man kann vielleicht vermuten – und schlägt damit vielleicht sogar einen Bogen zu seiner Novelle ‚Idylle mit ertrinkendem Hund‘ – dass der Autor selbst aus Gründen, die in seiner persönlichen Geschichte liegen mögen, ein wenig Abstand zur Geschichte und zum Schwarzen Hund gebraucht hat, um sie schreiben zu können.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Antworten Mareike 19. Oktober 2014 um 09:59

      Lieber Kai,
      vielen Dank für deinen ausführlichen und differenzierten Kommentar. Ich kenne seine vorherige Novelle nicht, habe aber bereits an einigen Stellen darüber gelesen, dass man sie in Beziehung zu diesem Buch setzen kann. Vielleicht sollte ich die Lektüre nachholen und danach erneut über dieses Buch nachdenken.
      Natürlich würde das Wegfallen der Rahmenerzählung auch die Binnenerzählung verändern, doch eine angestrengte Erzählerfigurenkontruktion tut einem Werk wie diesem wirklich nicht gut. Ich kann nicht einmal genau benennen, was für mich die Rührigkeit ausmacht, aber irgendwie schwingt für mich sehr viel Alt-Herren-Melancholie in der Geschichte mit.
      Gerade habe ich Isherwoods „A Single Man“ ausgelesen und damit mich einem anderen alten Herren zugewandt, der es schafft mit einem Hauch Selbstironie und bitterem Zynismus weit mehr bei mir zu rühren als es Köhlmeier wohl je schaffen wird. ;)
      Aber die Geschmäcker und Biographien sind zum Glück verschieden. :D
      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten skyaboveoldblueplace 19. Oktober 2014 um 15:28

        Liebe Mareike,
        da hast Du recht, die Geschmäcker sind verschieden, glücklicherweise. Mit dem Isherwood kann ich allerdings auch eine Menge anfangen. Es muss wohl so sein, dass ich einer bin, der mit Alt-Herren-Melancholie genau so viel anzufangen weiss, wie mit (Selbst-)Ironie und Zynismus an der richtigen Stelle. Liegt vielleicht am Alter…
        Jedenfalls denke ich vor allem, dass unterschiedliche Meinungen über Bücher sein dürfen müssen und im besten Falle durchaus befruchtend wirken können. Drum habe ich auch Deine Besprechung, Dein Einverständnis vorausgesetzt, unter meinem Beitrag grade verlinkt.
        Liebe Grüsse
        Kai

  • Antworten Michael Köhlmeier | Die Methode des Clowns hat verloren oder Deutscher Buchpreis – LLL 2014 | skyaboveoldblueplace 17. Januar 2016 um 22:32

    […] auf dem schönen Blog Herzpotenzial am 17. Oktober 2014 >>> http://herzpotenzial.com/michael-koehlmeier-zwei-herren-am-strand/   Übrigens eine der wenigen (für mich die erste) kritischeren Besprechungen. Gerade deshalb sehr […]

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