Melanie Sumner – Eine Therapie für Aristoteles

Aristoteles hat eine nicht ganz einfache Familie. Die Familie Thibodeau – die nur noch aus Mutter, Tochter Aris und Sohn Max besteht, hat eine schwere Zeit hinter sich. Mutter Diane gibt sich zwar seit dem Unfalltod ihres Mannes alle Mühe, die Familie zu ernähren, den Kindern ein stabiles und glückliches Leben zu ermöglichen und dabei selber nicht unterzugehen. Doch bereits nach wenigen Seiten dieses schwungvollen Romans ist klar: Das schafft sie nicht. Also muss ihre zwölfeinhalbjährige Tochter Aristoteles, genannt Aris, selbst aktiv werden. Und ihre Idee ist einfach wie genial: Mithilfe des Schreibratgebers „Romane schreiben in 30 Tagen!“ will sie zugleich sich selbst therapieren (auch Aris‘ Leben ist nicht problemlos und das weiß sie) und einen Bestseller schreiben. Mit einem erfolgreichen Debüt würde sie nicht nur ihrer Familie zu Geld und Ruhm verhelfen, sondern auch einen neuen Vater finden.
Der Clou bei diesem Buch? Man selbst hält es in diesem Moment in den Händen! „Eine Therapie für Aristoteles“ ist genau diese Therapie in Buchform. Ein interessanter, wenngleich manchmal etwas verwirrender Umstand. Dieses Buch ist also eine Art Meta-Roman über die Schwierigkeiten, einen Roman in 30 Tagen zu schreiben, während man selbst der etwas planlosen Heldin beim Schreiben zuschaut. Denn Aris hat natürlich noch viel mehr Probleme als nur ihre Familie.

Melanie_Sumner_Therapie_Aristoteles_Insta_Herzpotenzial01Zugegeben: Die ist eigentlich schon ungewöhnlich und chaotisch genug, um einige Romane zu füllen. Diane ist chaotisch, neigt zu radikalen Entscheidungen, wie das komplette Haus zu entrümpeln und alles der Wohlfahrt zu spenden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Sie arbeitet an einem christlichen College, ist aber nicht bereit, sich den konservativen Regeln zu unterwerfen. Gut, für sie ist es schon fast eine Unmöglichkeit, dass sie pünktlich zu ihren Kursen erscheinen soll. Sich dann auch noch den strengen Regeln einer sehr konservativen Einrichtung unterzuordnen wirkt wie eine Selbstgeißelung.
Wo wir schon bei Bestrafung sind: Der jüngere Bruder Max ist hypersensibel und muss wegen seinem Hang, sich selbst zu bestrafen, in Therapie. Er gibt sich an eigentlich allem die Schuld und beginnt sich selbst zu schlagen. Regelmäßig hört man ein dumpfes Knallen (seinen Kopf) am Türrahmen des Kinderzimmers. Deshalb geht er zu einer Therapeutin, was nicht nur das gesamte Familienvermögen auffrisst, sondern auch Aris mit leisem Neid erfüllt. Sie selbst sieht sich als die Große, Verantwortungsvolle. Ihre eigenen Probleme, wie auch die ihres gesamten Umfelds, versucht sie auf ihre eigene, meist eher unorthodoxe Weise zu lösen.

Dass sie dabei in Situationen gerät, in der sie sich selbst in große Gefahr begibt, zeigt, dass eine Zwölfjährige nunmal noch ein Kind ist. Spätestens als sie mit einer Machete bewaffnet zu einem methsüchtigen Fernfahrer steigt, zeigt dieses rasante wie lustige Buch, dass es Tiefe hat und voller Überraschungen steckt.
Hier stellt sich die Frage: Ist das ihre Form der Selbstzüchtigung, dass sie allen anderen helfen will und sich dabei in Gefahr begibt? Es ist spannend, diesen Roman zu lesen, der sich selbst quasi unter den Augen des Lesers entfaltet und immer wieder auf verschiedene Ebenen springt, über Spannungsbögen und Figurenkonstellationen philosophiert und dabei jede einzelne Regel zugleich erfüllt und doch bricht.
Die Autorin wagt ein Experiment, das vom Leser durchaus etwas abverlangt. So lustig und ungewöhnlich die Figuren und ihre Erlebnisse sind: Dieses Buch hat viele Ebenen und es ist nicht immer ganz deutlich, was nun wirklich passiert oder Teil der von Aris erfundenen Handlung ist. Gibt es Aris überhaupt? Das Buch schrammt durchgängig haarscharf an einem surrealistischen Experiment vorbei, bleibt doch bodenständig genug, um auch von einem jüngeren Publikum mit Freude gelesen zu werden.
Für meinen Geschmack leider zeitweise etwas zu chaotisch, oberflächlich und zu inkonsistent. Das dumpfe Gefühl bleibt, dass einige Einfälle nicht bis zu Ende gedacht wurden. Doch insgesamt hat Melanie Sumner einen unterhaltsamen YA-Roman geschrieben, der im Gedächtnis bleibt.

Fazit


Die Welt von Aris und ihrer Familie ist laut, bunt und schrill. Es ist nicht immer leicht, diesem Buch und seinen Meta-Reflexionen zu folgen. Vermutlich soll man das auch gar nicht. Doch die Geschichte berührt, zeigt, dass Kinder einfach nicht zu früh erwachsen werden dürfen und Familie mehr ist als Mutter-Vater-Kind. Dieses Buch erzählt viele Geschichten, reißt große Themen an und bleibt dabei doch leicht und amüsant.

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Eure Mareike


Melanie Sumner – Eine Therapie für Aristoteles
Verlag: Dumont
Gebunden, 352 Seiten, 19,99€

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3 Kommentare

  • Antworten Lotta 14. April 2016 um 10:23

    Hallöchen liebeste Mareike,
    ich habe das Buch ja auch bekommen gehabt, aber ich muss gestehen, dass es mich nicht so unbedingt angesprochen hat und auch deine Rezension überzeugt mich eher davon, dass es zwar sicherlich ein gutes Buch ist, aber nicht unbedingt etwas für mich. Schade aber wahr. :/

    Liebst, Lotta

  • Antworten Buchtipps zum Tag der Familie | Lovely Mix 15. Mai 2016 um 11:30

    […] dass manches im leben, ebenso wie in der großen Literatur, eben nicht läuft, wie geplant. Mareike sagt zu diesem Buch, das Aris Welt laut und bunt und schrill ist, dass sie aber dennoch berührt. Mehr dazu erfahrt ihr […]

  • Antworten [Rezension] Eine Therapie für Aristoteles - Der Bücherblog 31. Juli 2016 um 16:40

    […] Herzpotenzial mit 3 von 5 Herzen Vanessas Bücherecke mit 5 von 5 Punkten […]

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