Meg Wolitzer – Die Stellung

Vermutlich kennt jeder ein paar Titel von irgendwelchen Sexratgebern. Titel wie „Der perfekte Liebhaber“ oder „100 Stellungen, die man kennen sollte“ machen ja bekanntlich neugierig. Wer hat nicht als Jugendlicher mit leicht geröteten Ohren in der Ratgeberecke der Buchhandlung verstohlen in einem Buch über Sexstellungen geblättert?
Die vier Geschwister der Familie Mellow haben dies auch getan – doch nicht verstohlen in einer Buchhandlung, sondern im eigenen Wohnzimmer und das Buch war auch nicht irgendein zufälliges, sondern der Sexratgeber, den ihre Eltern verfasst haben. Jede einzelne der detailreichen Zeichnungen zeigt das Ehepaar beim Liebesspiel. Man ahnt bereits, dass dieses gemeinsame Blättern im das Familienleben grundlegend verändert.
[lightgrey_box]Mitte der Siebziger erschüttert ein Buch die amerikanische Öffentlichkeit: Der Sex-Ratgeber ›Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung‹ ist in aller Munde. Ungünstig nur, dass die Autoren, das Ehepaar Mellow, vier minderjährige Kinder haben. Die müssen sich nun damit auseinandersetzen, dass Vater und Mutter in aller Öffentlichkeit ihr tabuloses
Liebesleben beschreiben. Und das Schlimmste: Das Buch zeigt sie auch noch in sehr detailreichen Zeichnungen – in jeder nur denkbaren Stellung. Während die Ehe der Eltern den Bach runtergeht, versuchen die Kinder irgendwie mit diesem Gipfel der Peinlichkeit klarzukommen. Denn ›Pleasuring‹ wird zu einem Buch, das jeder, wirklich jeder kennt und das die Mellow-Geschwister ihr Leben lang begleiten wird …[/lightgrey_box]

Die Grundkonstellation ist perfekt gewählt und wird mit einer logischen Konsequenz in all ihren Facetten ausgelotet. Jedes der Kinder befindet sich an einem anderen Entwicklungsstand, sie sind in sehr unterschiedlichen Altersstufen, als sie gemeinsam das Buch ihrer Eltern erkunden. Da sie zugleich sehr unterschiedliche Charaktere und Temperamente haben, zieht jedes Kind aus dieser Erfahrung andere Schlüsse und geht damit anders um. Von überschäumender Wut bis zur völligen Verdrängung sind alle Reaktionen zu finden.

Eine Gruppenerfahrung, die die Kinder jedoch auch auseinandertreibt.

11849397_1727540924140591_1361007101_nBesonders die älteste Tochter, ein rebellischer Teenager, der selbst gerade sexuell aktiv werden will, wendet sich durch diese Erfahrung nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Geschwistern ab. Sie kann nicht mehr zurück. Und genau diese Haltung spürt man das ganze Buch über: Jedes der Kindern nimmt eine gewisse Haltung zu dem Buch ein und kann diese auch nicht mehr richtig verlassen. Bei der Jüngsten ist es eine Form der Verdrängung, die sich schließlich auf ihr gesamtes Liebesleben überträgt und sie passiv und ängstlich macht. Oder war sie bereits vorher so? War sie nicht so immer ein verträumtes Mädchen, dass sich künstliche Welten mit ihren Trollfiguren erschaffen hat?
Es ist spannend und bewegend, die Geschwister in ihrer emotionalen und sexuellen Entwicklung zu begleiten, ihre Ängste und ihren Umgang mit dem Buch ihrer Eltern zu verfolgen.
Doch auch die Beziehung der Eltern wird intensiv beleuchtet, ihre Ehe und ihr Handeln gründlich und mit psychologischer Präzision beleuchtet. Ohne große Romantisierung werden Vater und Mutter in ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten beschrieben, wie sie aufeinander zutreiben und sich schließlich von einander entfernen, um doch wieder eine neue, vom gemeinsamen Buch beschleunigte Annäherung zu wagen.

Besser als „Die Interessanten“Wolitzer_Interessanten

Letzten Winter habe ich bereits „Die Interessanten“ gelesen und mich ein wenig schwer getan. Der Titel ist so ziemlich das Gegenteil von den tatsächlich agierenden Personen, die betont gewöhnlich sind und mich nie wirklich packen konnten. Außerdem hat mich der Umfang des Buches sehr überrascht, denn 600 Seiten fand ich durchaus straffenswert. ‚The Position‘ (endlich mal eine stimmige Titelübersetzung im Deutschen!) ist bereits 2005 im Original erschienen und konnte mich vollends überzeugen.

Kurzweilig und flüssig erzählt Wolitzer von dieser vielschichtigen und facettenreichen Familie, die fast an einem Buch zu zerbrechen droht. Wohlgemerkt: Für das Ehepaar ist es ein Buch der Liebe, ein Buch, dass die Achtung, den Respekt und die Liebe für einander ausdrücken soll. Doch für die Kinder löst es so unterschiedliche Prozesse aus, dass es für sie zum Mahnmal und Inbegriff der Scham wird.
Wie auch bei „Die Interessanten“ spürt man die feine Nuancierung der Figuren mit jedem Satz. Einfühlsam und mit psychologischem Hintergrundwissen wird jedem Familienmitglied viel Raum für seine eigene Geschichte und die eigene Rolle innerhalb der Familie eingeräumt. Dadurch bekommt man nach und nach ein Gespür für die Spannungen und typischen Verhaltensweisen – und auch für die Missverständnisse, die für die anderen Familienmitglieder daraus entwachsen. Denn typisch für wohl jede Familie ist wohl, dass man für die Fehler der Verwandtschaft weitaus weniger Verständnis hat, als für die von Freunden oder Bekannten. Hier sitzen Verletzungen tief, unbedachte Sätze prägen auf Jahre und trifft man aufeinander, so ist man plötzlich wieder Kind.

Fazit:


„Die Stellung“ ist ein tragikomisches Familienporträt über vier Geschwister, deren Jugend vom Sexleben der Eltern überschattet wurde und jeder auf eigene Weise daraus entwachsen ist. Mit Zartgefühl und leisem Humor zeigt Meg Wolitzer die komplizierten Verpflechtungen zwischen Kindern und ihren Eltern und dass man seiner eigenen Familie nicht entfliehen kann.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike


Meg Wolitzer – Die Stellung
Verlag: Dumont
Gebunden, 368 Seiten, 19,99€

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

7 Kommentare

  • Antworten Nanni 27. August 2015 um 17:03

    Hallo,

    deine Rezi gefällt mir sehr gut. So schön strukturiert (das fehlt meiner!) und auf den Punkt gebracht.

    Mich hat ebenfalls die Frage „Welche Charakterzüge wurden durch das Auffinden des Buches ausgelöst? Welche waren schon vorher vorhanden?“ beschäftigt. Ich mag solche Geschichten, in denen der Leser Menschen kennen lernt und ihre Eigenschaften aufdröselt, schaut woher sie kommen und warum sie möglicherweise so geworden sind, wie sie sind.

    „Die Interessanten“ steht noch ungelesen im Regal.

    Liebe Grüße
    Nanni

    • Antworten Mareike 29. August 2015 um 10:20

      Liebe Nanni,

      vielen Dank! Tatsächlich habe ich mich ganz schön schwer getan in diese Rezension eine Struktur zu bekommen. ;)
      Ich finde deine Rezensionen grundsätzlich intuitiv und flüssig!
      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Evy 2. September 2015 um 10:33

    Ich finde das Cover sehr schick, aber die Geschichte klingt ziemlich komplex….

    • Antworten Mareike 2. September 2015 um 17:57

      Es ist anspruchsvoll, aber nie kompliziert. Es stehen eigentlich immer die 4 Geschwister im Fokus, darum kommt man eigentlich gut klar.

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick August - Herzpotenzial 2. September 2015 um 18:28

    […] vergangenen Monat haben wir euch einige Bücher aus den Herbstprogrammen der Verlage vorgestellt: Meg Wolitzer – Die Stellung Patry Francis – Die Schatten von Race Point Lily King – […]

  • Antworten Das 7. Harbour Front Festival in Hamburg - Herzpotenzial 8. September 2015 um 10:34

    […] Die Rezension dazu findet ihr hier. […]

  • Antworten #Lesesommer2015: Ich weiß, was du letzten Sommer gelesen hast! 6. November 2015 um 16:57

    […] “Die Stellung” von Meg Wolitzer […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: