[Rezension] Mary Shelley – Frankenstein

„Frankenstein“ – auch so ein Buch, dass ich schon Ewigkeiten vor mir herschiebe. Anfangs erschien es mir absurd, eine Gothic Novel bei Temperaturen um die 30°C zu lesen (wie soll denn da die passende Stimmung aufkommen), aber dann erreichten uns Nordlichter erste Ausläufer des Herbstes! Und bei diesen gemäßigten Temperaturen fiel es mir eindeutig leichter, das Buch zur Hand zu nehmen.

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Der Roman beginnt mit einem Brief Robert Waltons an seine Schwester Mary. Er befindet sich als Expeditionsleiter auf dem Weg in die Arktis. Dabei lesen er und die Crew seines Schiffs den Schweizer Viktor Frankenstein auf, der eine unglaubliche Geschichte erzählt. An dieser Stelle übernimmt Frankenstein das Erzählen in der Ich-Form. Er beginnt bei seiner Kindheit und Jugend, berichtet von seinem Studium an der Universität Ingolstadt und seiner Entdeckung des Geheimnisses, wie man Stoffen Leben einhaucht. Dieses Wissen macht der junge Mann sich zu Nutze, um aus totem Material ein lebendes Wesen zu schaffen. Doch obwohl ihn bereits während der Arbeit erste Zweifel kommen, bringt er sie zu Ende. Das Ergebnis seines Experiments – im Buch als der Unhold bezeichnet – erschreckt ihn so sehr, dass er aus seinem Labor flieht. Bei seiner Rückkehr muss er dann feststellen, dass der Unhold entkommen ist. Der Schock darüber streckt Frankenstein nieder, er ahnt noch nicht, welche schwerwiegenden Folgen sein Tun haben wird. Denn der Unhold kommt mit seiner Existenz nicht zurecht und will seinen Schöpfer zur Verantwortung ziehen.

Mary Shelleys „Frankenstein“ ist zweifelsohne ein Klassiker. Besonders aufgrund der Anwendung technischer Neuerungen wie der Elektrizität und deren zweifelhafter Anwendungsmöglichkeiten, erschreckte das Buch viele seiner damaligen Leser. Ihre Beschreibungen der Gegebenheiten sind sehr prägnant. Ihre Landschaftsbeschreibungen sind ausgesprochen detailreich ausgearbeitet, aber besonders fallen einem die Umschreibungen von Frankensteins Gefühlslagen ins Auge. Man kann seine Selbstzweifel und vor allen Dingen auch sein Selbstmitleid fast am eigenen Körper spüren. Und gerade hier zeigt sich die Intention der Autorin, denn sie lässt Frankenstein seine Geschichte hauptsächlich aus einem Grund erzählen: Als Warnung an den Leser, die Grenzen der Vernunft nicht zu überschreiten.
Frankenstein hat sich selbst zu einer Art Herrscher über Leben und Tod erhoben, ohne zu ahnen, welche Folgen sein Schaffen haben könnte. Der geschaffene Unhold hingegen wird aus dem Nichts in einen fertigen Körper transportiert und muss sich zurecht finden. Ausgestattet mit beträchtlicher Intelligenz und ungezügelten Gefühlen sieht er sich allein einer rauen und ihn nicht akzeptierenden Welt gegenüber. Er fordert von seinem Schöpfer Gerechtigkeit und will ihn zur Rechenschaft ziehen. Mich erinnerte diese Idee beim Lesen von Anfang an sehr an John Miltons „Das verlorene Paradies“, einem Werk, das auch in „Frankenstein“ genannt wird (da fühlte ich mich in meiner Annahme bestätigt).
Trotzdem hatte ich mir von dem Roman etwas mehr erhofft. Ich hatte, auch durch mein Bild vom Unhold, mit einem Schauerroman gerechnet, etwas, bei dem ich mich etwas gruseln kann. Der moralische Schwerpunkt war eher unerwartet und ist mir aufgrund der Ausführlichkeit eher auf die Nerven gegangen. Gleiches gilt auch für Frankensteins Selbstmitleid, von dem ich über große Strecken das Gefühl hatte, dass es ihn einfach nur lähmt.

Fazit: Shelleys großer Schauerroman ist in meinen Augen eher ein großer Moralroman. Das Ausreizen der menschlichen Vernunft und der moralischen Grenzen gehören in Zeiten der Gentechnik fast schon zum Alltag und wirken nicht mehr per Definition schaurig auf uns. Bei Erscheinen hatte der Roman da garantiert eine andere Wirkung auf Leser. Ich persönlich konnte mich leider gar nicht für die Geschichte erwärmen.

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Eure Maike

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1 Kommentar

  • Antworten Nicole Wagner 22. Juni 2015 um 18:28

    Hallo Maike,

    mir ist es bei Frankenstein ähnlich ergangen, aber damals muss es schon recht gruselig gewesen sein, dieses Buch zu lesen. Trotzdem hat’s bei mir besser abgeschnitten, allerdings war es mein erster Hörbuchversuch und ich glaube, dass es mir aufgrund der Medienwahl besser gefallen hat.

    Schöne Rezension!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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