Margaret Atwood – Hexensaat

Der Sturm 

Typus: Komödie
Erschienen: 1611
Inhalt: PROSPERO, Zauberer und ehemaliger Herzog von Mailand, lebt seit 12 Jahren mit seiner Tochter MIRANDA im Exil auf einer paradiesischen Insel. Hier befreite er den Luftgeist ARIEL und versklavt CALIBAN, einen missgebildeten Sohn einer Hexe (Hexensaat!!). Eines Tages segelt PROSPEOs Bruder und neuer Herzog ANTONIO samt ALONSO, dem König von Neapel, dessen Bruder SEBASTIAN und dem hübschen Sohn FERDINAND an der Insel vorbei. Der Zauberer beschwört einen Sturm herauf und die Insassen stranden auf der Insel. Alle irren auf der Insel herum. FERDINAND trifft auf MIRANDA und die beiden verlieben sich, was CALIBAN gar nicht gut findet und PROSPEROs Ermordung plant, um endlich frei zu sein. ANTONIO intrigiert gegen ALONSO und will SEBASTIAN dazu bringen, ALONSO zu töten. Am Ende werden alle Intrigen aufgelöst, PROSPERO verzichtet auf Rache, seine Ehre ist wiederhergestellt und er lässt ARIEL und CALIBAN frei. Alle kehren froh nach Mailand zurück.

Vier Titel des Shakespeare Projekts von Knaus
Bekannte Zeile: O brave new world, that has such people in’t! O schöne neue Welt, die solche Einwohner hat. Dieses Zitat erlangte besondere Berühmtheit in Aldus Huxleys Dystopie Schöne neue Welt.
Gut zu wissen: Das ist vermutlich das letzte Stück, das Shakespeare selbst geschrieben hat. Vermutlich ist PROSPERO der Meister selbst, der seinen bevorstehenden Ruhestand ankündigen soll.

Die großartige Margaret Atwood hat sich nun diesem komödiantischen Stoff Shakespeares angenommen. Die Autorin düsterer Dystopien ist aktuell wieder in aller Munde. Schließlich ist ihr mit wichtigstes Werk „Der Report der Magd“ gerade als Fernsehserie adaptiert worden und wird immer wieder für die neu erstarkende, moderne Frauenbewegung als Symbolquelle herangezogen. 
Kein Wunder also, dass Shakespeares Kommödie nach Atwoods Bearbeitung düsterer und weniger paradiesisch ausfällt. Sie verlegt die Handlung von einer hübschen, entlegenen Insel mitten in ein amerikanisches Gefängnis. Ein Ort, an dem man wirklich noch vollkommen von der Außenwelt abgeschottet sein kann. Außerdem hat sie sich von der Theorie beeinflussen lassen, dass sich Shakespeare mit PROSPERO selbst ein Denkmal gesetzt hat: Prospero wird zu Felix, einem der talentiertesten und radikalsten Theatermacher unserer Zeit. Durch eine Intrige wird er von seinem jahrelangen Freund Tony (=Antonio) abgesetzt und seine fulminante Inszenierung von „Der Sturm“ kommt nie zur Aufführung. Felix flieht wütend und vor Rachefantasien rasend aus der Stadt. Er bricht allen Kontakt ab und zieht in eine Hütte bei seltsamen Hinterwäldlern ein (die Hexe und ihr Sohn). Seine einzige Begleitung ist der Geist/die Wahnvorstellung seiner verstorbenen Tochter. Miranda ist im Alter von drei Jahren verstorben und Felix seitdem nicht mehr ganz bei sich.  
Durch eine zufällige Begegnung wird Felix zum Leiter eines Theaterprojekts im staatlichen Gefängnis. Er sieht seine Chance gekommen, „Der Sturm“ doch noch aufzuführen und sich gleichzeitig an all seinen alten Feinden zu rächen. Denn wer bietet sich besser für eine finstere Intrige mit unklarem Ausgang an, als ein Haufen Schwerverbrecher?

Atwood sagt selbst zu ihrem Roman:

Shakespeares Sturm ist eigentlich ein frühes Multi-Media-Stück. Ich bin sicher. Würde der Barde heute leben, so würde er alle special effects nutzen, welche die Technologie inzwischen zu bieten hat. Außerdem war dieses Stück für mich besonders verlockend, weil S. hier so viele Fragen einfach offen lässt. Was für ein  – anstrengendes! – Vergnügen es doch war, sich damit auseinanderzusetzen.

Hinteransicht der Bucher des Shakespeare Projekts, hier stehen die Originaltitel der Dramen

Ja, auch das Lesen dieses Romans ist nicht immer leicht: Regieanweisungen und Beschreibungen von Bühnenbildern, Special Effects und das Springen zwischen Wahn und Wirklichkeit machen es einem nicht immer leicht. Doch ist es ein klassischer Atwood: Perfide, faszinierend, düster und voller Sogkraft. 
Sie bleibt nah an dem Originalstück und hat dank verschiedenster Metaebenen die Figur des Ariel mit Miranda und modernster Überwachungstechnik verbunden. Sie beleuchtet Prosperos Rachewahn, die Missstände in amerikanischen Gefängnissen und und und. 
Für mich bisher die gelungenste Umsetzung des ganzen Shakespeare-Projekts: Eine Mischung aus Orange is the new Black, Ocean’s Eleven und Shakespeare. Auch wenn ich eine der letzten Komödien Shakespeares vorher nicht kannte, habe ich bei dieser Umsetzung das Gefühl, dem Theatermeister wirklich näher gekommen zu sein. Hexensaat ist definitiv eine Empfehlung.

Eure Mareike

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3 Kommentare

  • Antworten Die Vorleser 7. August 2017 um 20:47

    Liebe Mareike,
    ich war ein großer Atwood Fan, aber ihre Romane wurden mir dann zu düster. Was sie nun mit Shakespeare macht, muss ich aber doch wieder lesen. Vielen Dank für den Tipp.
    Liebe Grüße von den Vorlesern

  • Antworten Leselaunen 8. August 2017 um 15:31

    Davon habe ich noch nie gehört. Klingt nach einem interessanten Buch.

    Neri, Leselaunen

  • Antworten Saskia 8. August 2017 um 21:56

    Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich „Der Sturm“ nicht kannte. Bei der Inhaltsbeschreibung wusste ich aber sofort, dass es sich um einen Shakespeare handeln muss… :)
    Der Report der Magd war Schullektüre aber ich habe aus diesem Buch sehr viel mitgenommen und fand den düsteren Schreibstil von Atwood fesselnd.
    Ich bin deshalb sehr gespannt auf dieses Buch, auch wenn ich Adaptionen sonst nicht so positiv gestimmt gegenüber stehe.

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