Lügen, Intrigen und ein Literaturpreis

[lightgrey_box]Wie immer steigt in den letzten Wochen vor der Verleihung des begehrten Elysischen Preises die Spannung ins Unermessliche. Und während jedes einzelne der überforderten Jurymitglieder seine ganz persönlichen Interessen verfolgt, bringen sich die Autoren in Stellung: Katherine Burns zum Beispiel, die begnadete Stilistin und Femme fatale, oder Sam Black, der liebestrunkene, vielversprechende Debütant, nicht zu vergessen der grenzenlos selbstgewisse Sonny, dessen Opus Magnum „Der Maulbeerbaum Elefant“ natürlich von großen Gnaden ist. Eine missliche Fügung des Schicksals sorgt für eine außerordentlich originelle Entscheidung. – „Der beste Roman des Jahres“ stellt mit seinem messerscharfen Humor und seinem pointensicheren Erzählen hintersinnige Fragen nach der Bedeutung der Literatur.[/lightgrey_box]

Edward St Aubyn widmet sich in seinem Buch dem Literaturbetrieb – und er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Die Erzählung beginnt, als die Jury für die Verleihung des Elysia-Preises berufen wird und begleitet den Prozess über die Bekanntmachung der Long- und Shortlist bis hin zur Preisverleihung. Der Autor berichtet nicht nur aus der Perspektive der Jurymitglieder, sondern auch aus der Perspektive von Nominierten und denen, die es nicht auf die Liste geschafft haben. Und dabei fördert er ganz unerwartet offene Rivalitäten und menschliche Abgründe zu Tage. Da ist zum Beispiel Vanessa Shaw, Jurymitglied und Professorin für Literaturgeschichte, die so von ihrem Job eingenommen ist, dass sie darüber ihre Familie vergisst. Als dann mit der Arbeit für den Elysia-Preis zusätzliche Aufgaben auf sie zukommen, wird diese Situation sogar noch verstärkt. So fragt sie sich z.B. an einer Stelle, ob sie ihre magersüchtige Tochter in der Klinik besuchen soll oder doch lieber eine Doktorarbeit oder ein Longlist-Buch lesen sollte. Oder der Autor Sonny, dessen „Opus Magnum“ aus für ihn unerfindlichen Gründen nicht auf der Longlist steht, und der sich stattdessen an Attentatsfantasien ergötzt.

„Der beste Roman des Jahres“ ist eine bissige Satire. St Aubyn überspitzt, soweit es nur geht, immer haarscharf an der Absurdität vorbei. Doch ihm gelingt das Kunststück: Als Leser habe ich mich immer wieder gefragt, ob es bei der Vergabe von Literaturpreisen wirklich so zugeht oder nur eine Übertreibung. Und ganz nebenbei ist das Buch gefüllt mit unglaublicher Boshaftigkeit, die man nicht erwartet und die einen die Fiktion immer wieder vor Augen führt. Doch zwischen all den abstrusen Überlegungen zur Preisverleihung mit den Intrigen, Machtspielen, Beziehungsgefügen und unglaublichen Zufällen, scheint immer irgendwie die Realität durch.
St Aubyns Sprache passt dabei sehr gut zum Buch. Die Dialoge sind sehr stimmig und wie aus der Realität gegriffen und transportieren sehr gut die Stimmung um die Vergabe des Elysia-Preises. Der Autor verkürzt nichts und schmückt nicht über das Mindestmaß hinaus aus. Auch das trägt enorm zum Realismus der Erzählung bei.

Fazit: Ein Buch, das einen ganz anderen Blickwinkel auf die Literaturszene eröffnet. Ich habe mich beim Lesen sehr gut amüsiert, frage mich aber, wie ernst ich den Text trotz allem nehmen sollte. Mir waren seine Ausführungen über weite Strecken jedoch einfach zu krass – selbst wenn mir einige seiner Ideen plausibel erscheinen, so schlimm kann es gar nicht sein.

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Edward St Aubyn – Der beste Roman des Jahres
Verlag: Piper
256 Seiten, Hardcover, 16,99€

Eure Maike

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1 Kommentar

  • Antworten Monatsrückblick November | Herzpotenzial 13. März 2015 um 17:24

    […] Solomonica de Winter – Die Geschichte von Blue John von Düffel – Wassererzählungen Edward St. Aubyn – Der beste Roman des Jahres Adnan Maral – Adnan für Anfänger Mercè Rodoreda – Der Garten über dem […]

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