Louise De Vilmorin – Der Brief im Taxi

Bei einigen Werken ist es aufschlussreich und spannend, sich näher mit dem Schriftsteller und/oder dem Entstehungsprozess des Buchs zu beschäftigen. In dem Fall von Louise De Vilmorin lohnt sich definitiv ein näherer Blick auf ihr bewegtes Leben (besonders in den 20ern bis hin in die 50er Jahre).
Die ehemalige Verlobte von Antoine de Saint-Exupéry (sie löste die Verlobung nach seinem Fliegerunfall) war sie zweimal verheiratet (amerikanischer Immobilienmagnat und österreichischer Playboy) und hatte zahlreiche Affären. Außerdem war sie eine glamouröse Gastgeberin, bei der sich die Künstlerszene Frankreichs regelmäßig versammelte. Kein Wunder also, dass ihre Gesellschaftsromane international erfolgreich waren – schließlich wusste hier eine, worüber sie schreibt. 

Umso schöner, dass sich der Dörlemann Verlag dieser etwas vergessenen Autorin annimmt und ihre Werke nach und nach in der bekannten, wunderschönen leinengebundenen Art und von Patricia Klobusiczky neu übersetzt veröffentlichen lässt und so vor dem Vergessen bewahrt.
Der Roman „Der Brief im Taxi“ erschien erstmals 1958 und war der letzte Roman von Louise De Vilmorin. Er ist mit knapp 200 Seiten und viel Abstand an den Rändern recht dünn, sodass ich diesen Roman eigentlich an einem Nachmittag hätte lesen können. Leider muss ich gestehen, dass ich zwischendurch ein wenig den Schwung verloren habe und deshalb mehrere Anläufe für das Buch benötigte.

Louise_DeVilmorin_Brief_Taxi_01Das liegt vermutlich daran, dass der Plot eine rasante und vor allem amüsante kleine Geschichte im Stil einer Billy-Wilder-Verfilmung versprach: Cécilie ist eine lebenslustige, etwas exzentrische Bankiersgattin, die die Zwanzig bereits eine Weile hinter sich gelassen, doch ihren jugendlichen Überschwang nie abgelegt hat. Ihr sprunghaftes Wesen bringt sie immer einmal in etwas peinliche Situationen. Doch eines Tages lässt sie einen geheimnisvollen Brief in einem Taxi liegen, als sie eine Bekannte zum Bahnhof bringt.
Da dieser Brief für sie etwas Hochbrisantes und sie Kompromittierendes enthält, versucht sie verzweifelt, ihn wieder in ihren Besitz zu bringen. Dumm nur, dass er ausgerechnet von einem jungen Mann namens Paul gefunden wird, der schon eine ganze Weile für die schöne, aber unerreichbare Cécilie schwärmt. Da sie sich außerdem in völlig anderen Kreisen bewegt, sieht Paul diesen Brief in doppelter Form als eine Chance.
So klingelt er einige Tage später an der Tür ihrer eleganten Villa und schlägt ihr einen Deal vor: Sie soll mit ihm ein gemeinsames Dinner haben und dafür erhält sie ihren (immer noch versiegelten) Brief zurück. Da Cécilie – wie bereits angedeutet – keine gewöhnliche Frau ist, reagiert sie vollkommen unerwartet und die Situation eskaliert: Schlussendlich flieht der junge Mann aus dem Haus und jeder hält ihn für den neuen Hausarzt von Cécilie.
Bis hierhin kann ich euch sagen, dass ich meine Freude am Aufbau dieser kleinen Verwechslunggeschichte hatte. Doch sorgten der Erzählstil und die wirren Ideen der Protagonistin immer wieder für einige Längen.
Es scheint mir nicht die beste Idee gewesen zu sein, den Roman über eine entfernte, nicht anwesende Jugendfreundin von Cécilie (und Ex-Verlobte ihres Ehemanns) erzählen zu lassen. Die umständlichen Erklärungen, woher und über welche Ecken sie welche Fakten dieser Geschichte erfahren hat, bremsen den Plot enorm aus.

 

Fazit


Ein netter, leider nicht völlig überzeugender Roman. Schade, denn mein persönliches Highlight ist eindeutig eine Taxiszene, die nicht von ungefähr an die berühmte Kutschenszene aus Madame Bovary erinnert hat und diese sehr charmant karikiert.
Dabei hat diese Geschichte sehr viel Potenzial und auch der beißende Zynismus, mit dem die Autorin die französische Adelsgesellschaft analysiert, hätte vermutlich unheimlich spannend sein können, wenn man den Beobachtungen nicht ihre Unmittelbarkeit genommen hätte.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

 

Eure Mareike


Louise De Vilmorin – Der Brief im Taxi
Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky
Verlag: Dörlemann
Gebunden, 208 Seiten, 12,99€

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2 Kommentare

  • Antworten Rebecca 5. Oktober 2016 um 21:58

    Schöne Rezension!
    Prinzipiell hätte ich gesagt, dass klingt sehr interessant und nach etwas für mich. Aber die erwähnten Längen und die wirre Erzählweise brauche ich dann doch nicht.

    Liebe Grüße
    Rebecca

    • Antworten Mareike 7. Oktober 2016 um 09:49

      Ja, das dachte ich damals auch. Habe mich so auf das Buch gefreut. Dann sieh mich in diesem Fall als deinen Vorkoster und greif lieber zu einem anderen guten Buch ;)

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