Lotta Lundberg – Sternstunde

Alle Menschen sehnen sich nach Erfüllung in ihrem Leben. So geht es auch den Protgonisten in Lotta Lundbergs Buch „Sternstunde“. Doch in den Dreißigerjahren ist dies nicht für alle so einfach, egal ob in Amerika oder Europa.

Der kleinwüchsige Werner Glauer lebt in einem Vergnügungspark in Amerika, ist dort „Zwergenvorsteher“ und kümmert sich um die Belange seiner ebenfalls kleinwüchsigen Schaustellerkollegen. Daneben ist es seine Aufgabe, die Besucher des Parks in ein Zelt zu locken, in dem Frühgeborene in Brutkästen ausgestellt werden. Eigentlich hat er sich in seiner Existenz gut eingerichtet: Er verdient etwas Geld, lebt sein Leben eigenständig, liest in seiner Freizeit viel die großen Philosophen und schreibt. Darüber hinaus fühlt er sich vom Direktor des Parks als ebenbürtigen Gesprächspartner akzeptiert. Doch genau dieser Mann führt an seiner Gefährtin Ka fragwürdige Experimente durch. Und die hat vom Leben in Amerika genug, es zieht sie nach Europa, genauer gesagt nach Deutschland. Dort will sie zusammen mit Glauer eine Schauspieler-Gruppe gründen, die anspruchsvolle Unterhaltung bietet. Doch die Geschichte spielt in den 1930er Jahren – und das von rassehygienischen Vorstellungen getriebene Deutschland ist nicht das beste Pflaster für Personen, die anders sind und vom Idealbild abweichen. Schon bald spüren Glauer und Ka das, dennnoch versuchen sie ihre Truppe zusammenzustellen. Während Glauer Richtung Österreich aufbricht (sein Geburtsland), bleibt Ka in Berlin und sucht dort nach Liliputanern. Schon bald lernt sie Werner kennen, der sich als lebende Puppe verdingt, und Nelly, die kleinwüchsig, buckelig und farbig ist. Diese dreifache Entstellung macht ihr das Leben noch schwerer; sie arbeitet zwar in einem Blumenladen, versucht aber, sich so gut wie möglich zu verstecken. Und gemeinsam mit einigen Schaustellern, die Glauer aufgetrieben hat, brechen sie nach Schweden auf. Dort wartet aber auch wieder nur eine Anstellung in einem Vergnügungpark auf die Truppe. In einer extra errichteten Zwergenstadt sollen sie ein alltägliches Leben führen – und sich begaffen lassen. Unzufriedenheit macht sich breit, denn so hatten sich alle das Leben im humanistischen Schweden nicht vorgestellt.

Lotte Lundberg versucht, in ihrem Buch „Sternstunde“ ein Thema ins Licht zu rücken, das literarisch bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde und über das ich noch nie bewusst nachgedacht habe: Wie lebte es sich mit einer sichtbaren körperlichen Beeinträchtigung in den 1930er Jahren? Nun, sicher nicht viel anders als heute kann ich nach der Lektüre dieses Buches sagen. Die Menschen gafften schon immer gerne alles an, was jenseits der Norm lag. Kuriositätenkabinette mit Elefantenmenschen, siamesischen Zwillingen und anderen Gestalten zogen durchs Land und brachten den Besitzern gutes Geld, den zur Schau Gestellten in der Regel nur Erniedrigung. So ergeht es auch den Protagonisten dieses Buchs. Sie sind überall Objekt, niemand kümmert sich um ihre Gefühle, ihren Intellekt. Sie werden überall durch ihre körperliche Andersartigkeit stigmatisiert, man darf sie ungeniert anstarren. Doch das tun nicht nur die Menschen im Buch, sondern gewissermaßen auch der Leser. Klar, ein gewisse Form von Voyeurismus ist Lesen generell, dennoch hatte ich hier das Gefühl besonders stark. Es schien, als ob die Geschichte nur durch die Entstellungen ihrer Protagonisten erzählenswert wäre, als ob dies der Teil wäre, der den Leser bei der Stange halten soll. Dadurch wirken die Charaktere grotesk gezeichnet und werden genau so wahrgenommen, wie man es eigentlich nicht will: als absurde „Wesen“, die man ungeniert betrachten darf. Alles andere, was in diesem Roman passiert, wird dadurch aus dem Fokus gerückt, die Andersartigkeit überschattet alles. Sehr schade, denn sonst wäre das Buch ein wirklich gutes gewesen.

Fazit


Keine wirkliche Begeisterung für das Buch von mir. Das Thema interessierte mich, doch die Umsetzung konnte mich nicht überzeugen.

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Lotta Lundberg – Sternstunde
Verlag: Hoffmann & Campe
400 Seiten, gebunden, 23,00 €

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