Lisa Owens – Abwesenheitsnotiz

Als ich letzte Woche zu „Abwesenheitsnotiz“ von Lisa Owens, gegriffen habe, wollte ich eigentlich nur ein paar Seiten darin lesen. Doch dann zog mich die Geschichte von Claire in den Bann. Obwohl das Buch an sich keinen wirklichen Spannungsbogen hat, keine treibenden Kräfte oder ein konkretes Ziel, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich lese nicht oft Bücher in einem Rutsch durch. Dieses hier ist eins davon. 

Das Leben von Claire ist geprägt vom Sich-nicht-festlegen-können: Ihre Beziehung, ihre Jobsuche, selbst ihre Einstellung zu Alkohol schwankt von Situation zu Situation. Ihr langjähriger Partner liebt sie, doch auch seine Geduld für ihre Antriebslosigkeit hat Grenzen. Er ist Assistenzarzt in der Chirurgie, baut sich eine solide und klassische Karriere auf, während Claire nach einigen Jahren in einer Agentur den Sinn des gesamten Werbe- und PR-Sektors anzweifelt und nun nach einer für sie sinnvollen Tätigkeit sucht. Doch wo liegen ihre Stärken, wo kann sie wirklich anderen helfen?

LisaOwens_Abwesenheitsnotiz_Piper_InstagramAuf den ersten Blick sucht Claire tatsächlich nach einer besseren Tätigkeit, nach einer Berufung – wenn man mit einem lebensrettenden Arzt liiert ist, legt man seine Messelatte vermutlich recht hoch an. Doch aus der Jobkrise wird ziemlich schnell eine Sinnkrise im Allgemeinen und sie beginnt sich treiben zu lassen. Die Jobsuche gerät immer mehr in den Hintergrund und dafür ihre Beziehungen auf den Prüfstand: Hat ihre Beziehung eine Zukunft? Wieso hat sie keine bessere Verbindung zu ihrer Großmutter? Ihre Mutter spricht seit einem semi-ironischen Zwischenfall auf der Beerdigung ihres Großvaters nicht mehr mit ihr und ihr Vater steht eher hilflos daneben. Ihre Freundinnen verloben sich eine nach der anderen und begeben sich fast wettbewerbsartig in die Familienplanung. Und Claire sucht weiterhin nach Halt, nach dem Sinn. Ihr werden in diesem Buch viele Modelle präsentiert und doch möchte sie sich keins davon überstülpen lassen. Sie bleibt sie und – das ist wohl das Bemerkenswerte an diesem Buch – sie nimmt sich Zeit! Etwas, was uns vermutlich nicht im Traum einfallen würde: Sie lässt sich Zeit ihre Beziehungen zu kitten, sie hört auf wie wahnsinnig nach einem neuen Job zu suchen, sondern lässt sich auf ihren eigenen Rhythmus ein.

Die innere Zerrissenheit zeigt sich auch in der Form des Buchs. Aus der Ich-Perspektive erhält man in mal kürzeren, mal längeren Fragmenten Einblicke in Claires Alltag. Eine Beobachtung aus der U-Bahn mit gleichnamiger Überschrift, dann die Beschreibung eines Traums, ein Telefonat mit ihrer Mutter, eine zufällige Beobachtung auf der Straße. Doch all diese Fragmente formen ihre Welt, fügen sich nach und nach zu einer stimmigen Welt zusammen. Eine Welt, die nah an unserer täglichen Wahrnehmung sind: Wir sind Beobachter in der Bahn, dann vibriert das Handy, es ist eine SMS, danach surfen wir noch eben durch Twitter, Aussteigen, wieder eine zufällige Beobachtung. Die kurzen Häppchen, die auch Claires Aufmerksamkeitsspanne zu entsprechen scheinen, ihrer Sprunghaftigkeit und dem ziellosen Umherstreifen durch London.

Wenn man bei Piper auf der Titelseite von „Abwesenheitsnotiz“ schaut, dann werden einem ähnliche Titel empfohlen. Einer davon ist „Das Liebesleben des Nathaniel P.“, das ich letztes Jahr sehr genossen habe. Einen Moment lang irritierte mich diese Verbindung. Es geht bei diesem Roman von Adelle Waldman um einen egozentrischen Kerl, der nicht viel von der Frauenwelt hält, doch hier liegt nicht die Verbindung der beiden Titel. Es ist wohl die selbstzerstörerische Arroganz und Selbstmitleidigkeit, die sich entlarvend durch das ganze Buch zieht und einmal mehr zeigt, dass unsere Gesellschaft ein Problem hat: Wir suchen nach Identifikationsflächen und geraten ständig in elementare Sinnkrisen. Mein Job gefällt mir nicht: Gibt es überhaupt den richtigen Job für mich? Meine Beziehung läuft nicht gut: Können Beziehungen überhaupt funktionieren? Claire wie auch Nathaniel stellen das große Ganze in Frage, weil sie eigentlich an sich selbst zweifeln und verlieren sich in den eigenen Überlegungen. Etwas überspitzt, doch irgendwie auch sehr treffend für unsere Generation.

Fazit


Dieser Roman trifft bei mir einen Nerv: Ich finde nicht nur mich und eigene Gedankenspiele darin, sondern auch Freundschaften, Beziehungen und Modelle, die ich genauso beschreiben würde. Ich verstehe Claire, indem ich genauso wenig mein Leben verstehe und mich manchmal nach diesem Mut sehne, einfach alles hinzuschmeißen und nur noch zu sein, zu leben.
Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, und das bruchstückhafte Erzählen mag nicht jedem liegen, doch wer sich zwischen Twitter-, Instagram- und Blogeinträgen zurecht findet, wird auch mit diesen Ausschnitten aus verschiedenen Alltagsperspektiven klar kommen. Denn genauso leben wir: Wir lassen kurz unseren Alltag aufblitzen und andere daran teilhaben. Doch eigentlich sind diese Ausschnitte nur Symbolbilder für Identifikation: „Guten Morgen Twitter, ich bin müde.“ – ja, wir alle auch. Schön, dass man eine Gemeinsamkeit gefunden hat.  Dass Lisa Owens diesen gebrochenen Schreibstil gewählt hat, zeigt, dass wir uns zwar nach Ganzheitlichkeit sehnen, doch eigentlich nicht mehr als Häppchen ertragen.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike


Lisa Owens – Abwesenheitsnotiz
Verlag: Piper
Gebunden, 288 Seiten, 18,00€

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9 Kommentare

  • Antworten Gérard Otremba 16. April 2016 um 16:39

    Heja, die Autorin heißt Lisa Owens und hat mir gezeigt, dass ich definitiv einer anderen Generation entspringe. Witzige Ideen hat sie allemal. LG, Gérard
    http://www.soundsandbooks.com/2016/04/04/lisa-owens-abwesenheitsnotiz-roman/

    • Antworten Mareike 16. April 2016 um 16:48

      Ah, danke! Hab ich direkt geändert. Ja, ich denke auch, dass man schon etwa in dem Alter der Autorin sein muss, um sich vollständig in dieses Buch reinfinden zu können. Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten schonhalbelf 16. April 2016 um 18:09

    Hi Mareike, mir ging es genau wie dir, auch ich bin zu einem sehr positiven Urteil gekommen und hatte viel Spaß mit dem Roman. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Inga
    (http://schonhalbelf.de/lisa-owens-abwesenheitsnotiz-buch-rezension-piper/)

  • Antworten Buchstabenträumerin 16. April 2016 um 20:13

    Liebe Mareike,
    der Roman hat mich schon beim ersten Kennenlernen in der Verlagsvorschau sehr neugierig gemacht. Ich hatte im besten Fall das von dem Buch erwartet, was du hier schilderst – ein Volltreffer also, würde ich sagen, und nun muss ich es unbedingt lesen. Ich finde, das Thema passt sehr gut zu meiner Generation (also inzwischen Mitte 30). Man hat so viele Möglichkeiten, doch was ist das Richtige für einen selbst? Muss ich super erfolgreich sein und muss mein Leben einem klassischen Schema folgen? So wie du, finde ich mich schon jetzt in vielen Gedanken wieder. Danke für die schöne Rezension!
    Liebe Grüße,
    Anna

    • Antworten Mareike 16. April 2016 um 21:34

      Liebe Anna,

      dann geht es dir genau wie mir. Das sind eindeutig Fragen, die einen bewegen und selten ganz loslassen. Genauso geht es Claire und deshalb MUSSTE ich ihr auf ihrer Reise atemlos folgen.
      Ich wünsche dir viel Vergnügen mit dem Buch – du wirst ihn haben!
      Mareike

  • Antworten Laura 17. April 2016 um 11:18

    Hallo!
    Ich bin zum allerersten Mal hier auf deinem Blog und war überrascht, dieses Buch gleich hier aufgeführt zu finden, zumal ich es auch gerade zu Ende gelesen habe. Ich hatte ähnliche Eindrücke wie du und auch mich hat es sofort in den Bann gezogen, das ist wirklich ein Sog-Roman, den man sozusagen in einem Flutsch lesen kann. Mir kamen die Szenen ausserdem teilweise sehr filmisch vor, beinahe drehbuchtauglich. Und der Schluss…hat sich mir nicht vollständig erschlossen.
    Lg,
    Laura

  • Antworten Lotta 17. April 2016 um 12:46

    Hallöchen liebe Mareike,
    deine Rezensionen sind eine der wenigen, die ich wirklich immer komplett lese. Ich liebe einfach deine Art einem ein Buch näher zu bringen ohne es zu überanalysieren. Ich würde es auch gerne so schön machen wie du. o: Aber ich brauche meine Struktur und meinen Ablaufplan. Egal, ich schweife ab.
    Du hast mich wirklich neugierig gemacht mit dem Buch und ich denke auch, dass ich mit dem Stil absolut kein Problem hätte, aber ich glaube das Thema ist einfach nicht so besonders meins.

    Liebst, Lotta

  • Antworten El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur 26. Mai 2016 um 08:01

    […] Rezensionen: Bookaloo | Herzpotential | Papier und Tintenwelt | schon halb […]

  • Antworten Abwesenheitsnotiz von Lisa Owens - Rezension 30. Juni 2016 um 17:39

    […] Rezensionen auf anderen Blogs: Herzpotenzial Lovelymix […]

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