[Lieblingsbücherchallenge] Jane Austen – Überredung

Im Rahmen der “Lieblingsbücher-Challenge” liest jede von uns noch einmal 12 ihrer Lieblingsbücher und präsentiert sie hier.

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Wer an Jane Austen denkt, der denkt fast zwangsläufig an „Stolz und Vorurteil“, an Mr. Darcy – natürlich. Vielleicht dann an „Emma“ oder „Verstand und Gefühl“. Nun, tatsächlich kommen mir auch diese Bücher (außer Emma, nein, Emma wirklich nicht!) in den Sinn. Ich liebe die als „P&P“ und „S&S“ in der Austen-Junkie-Szene genannten Prachtbücher wirklich. Doch seien wir mal ehrlich: Diese Austen-Werke berühren einen emotional tiefer als intellektuell. So war ich beim ersten Lesen von „Überredung“ überrascht, wie viel Emanzipation, wie viel Reife und Tiefe in diesem eher unbekannteren Austen-Werk stecken.

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Wem dieses Werk unbekannt ist, liest einmal kurz in den Wiki-Artikel rein.

Inzwischen bin ich einige Jahre älter – genauso alt wie die als „alte Jungfer“ geltende Anne und finde in dieser außergewöhnlich gewöhnlichen Figur sehr viel von mir selbst wieder. Der Wunsch nach einer beständigen, ruhigen und festen Liebe, die auf Gemeinsamkeit und konstanter Leidenschaft aufbaut, entspricht auch meinem Ideal von Partnerschaft. Ein Mann, der sich gegen die „heißblütige“ (meint für britische Verhältnisse heißblütig) 18 Jährige entscheidet, die sich ihm ihn in die Arme wirft. Sich stattdessen für die „alte Jungfer“ entscheidet, weil er ihr ihm Herzen immer treu geblieben ist. Er ihren Charakter und ihr ganzes Wesen liebt, abseits von vorherrschenden Schönheits- und Altersidealen. … Das ist doch eine ganz andere Art von Mann als ein Effi Briest’scher Baron Von Instetten, der einfach auf die 17 jährige Tochter umschwenkt, weil die Mutter nicht zu haben ist. Und „Überredung“ erschien fast 90 Jahre vor „Effi Briest“. Aber das ist wohl der Unterschied zwischen einer weiblichen und eines männlichen Autors. Das ist ein Diskurs, der allein für sich ganze Studiengänge beschäftigt, jedoch bringt es Jane Austen durch Anne jetzt gut auf den Punkt, als sie durch sie sinngemäß kritisiert, dass die Literatur (zu dem Zeitpunkt) eine rein männliche Sichtweise darstelle und es somit nicht verwunderlich wäre, dass sich der Mann als das emotional beständigere Wesen sähe, wenn man sich nur auf die männliche Poesie als Beweis beziehe. True. Insgesamt fand ich es unglaublich spannend, wie intensiv über männliche Gefühle, Liebeskummer, Sehnsucht nach der Familie und das gebrochene Herz eines Mannes gesprochen und wild diskutiert wird. Das Buch entstammt der Hochromantik, also einer Zeit, in der es durchaus ein elementarer Bestandteil des Männlichkeitsbildes war, empfindsam zu sein. Stellt man eine solche Diskussion in den Kontext der brandaktuellen Suche nach der „neuen Männlichkeit„, zeigt es doch deutlich, dass Kommunikation über Gefühle und Emotionalität an sich durchaus Teil der männlichen Natur sein können. Konstruktivismus rules!

Beim zweiten Lesen fiel mir außerdem erst richtig deutlich auf, wie enorm oberflächlich und dumm Vater und Schwestern sind, aber auch Annes mütterliche Freundin Lady Russell ist in ihrem Denken sehr oberflächlich und konservativ. Gerade sie hatte ich eigentlich eher als sympathische Figur im Hinterkopf behalten, fand sie bei dieser Lektüre jedoch einfach nur meh! Dass Attraktivität ein solch zentrales Motiv ist, war mir wirklich nicht mehr so präsent.

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Allein deshalb hat sich für mich die erneute Lektüre gelohnt. Es ist eindeutig das reifste von Austens Werken und enthält in seiner Unaufgeregtheit für mich meine allerliebste Liebeserklärung, die ich tatsächlich immer mal wieder zwischendurch lese. Wenn Anne mit einem Bekannten über die Beständigkeit des männlichen und weiblichen Herzens philosophiert begreift ihr Captain Wentworth, dass sie nie aufhörte ihn zu lieben und schreibt ihr in aller Hast und unter Zittern direkt neben den beiden stehend einen flammenden Brief, in der er ohne Umschweife seine Liebe gesteht. Völlig ohne Schnörkel, einfach sein ganzes Herz ihr anbietend und alles auf eine Karte setzend, ist er schon eine coole Sau, der Captain. Jaja, dagegen hat Darcy halt doch nen Stock im A— …ist halt ein eher stolzer Typ Mann.

Tatsächlich könnte ich noch Stunden über dieses geliebte Buch schreiben. Anne ist mir die liebste weibliche Protagonistin (gemeinsam mit Elisabeth, die etwas mehr Kickassin‘ in ihrem Wesen hat, aber weniger reif und fürsorglich ist) und allein wie sie mit ihrer hypochondrischen Schwester und deren wilden Kindern umgeht, ist wundervoll.

Dieses Buch ist und bleibt eine große Liebe für mich.

Eure Mareike

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6 Kommentare

  • Antworten Tobi 8. Januar 2015 um 13:57

    Interessanter Tipp, tatsächlich ist es so, das Stolz und Vorurteil und Emma die Titel sind, die man kennt. Aber bei beiden Bücher macht man auch nichts verkehrt, da kann man nichts sagen (Emma ist einfach klasse, auch wenn sie eine verwöhnte Göre ist ;). Ich liebe Geheimtipps dieser Art, danke!!

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Antworten Mareike 9. Januar 2015 um 14:57

      Ich muss gestehen, liebe Tobi, dass ich mich vor der verwöhnten Göre weiterhin erfolgreich drücke. Sonst habe ich jedes Austen-Buch gelesen und geliebt, doch Emma…. Eines Tages werde ich es lesen, doch Überredung und Northanger Abbey liebe ich sehr! Sinn und Verstand sowieso.
      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Katrin 8. März 2015 um 22:12

    Du spricht mir aus der Seele – schön zusammengefasst! Lustiger Weise hab ich zu dem Buch auch vor Kurzem erst auf inunabel.wordpress einen Tipp verfasst.
    Den Roman entdeckt man wirklich mit jedem Lesen wieder neu. Ebenfalls einer meiner Lieblinge.

    • Antworten Mareike 8. März 2015 um 22:15

      Liebe Katrin,
      schön, wenn man mit der Meinung nicht allein steht :)
      Ich habe schön wieder das Bedürfnis das Buch zu lesen. Aber erstmal schaue ich bei dir vorbei.
      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten Katrin 9. März 2015 um 08:40

        Danke. :) Übrigens gehört Emma wegen der Hauptfigur auch nicht zu meinen Favoriten. Sie nervt etwas, hat aber einen guten Kern, der erst heraus gekitzelt werden muss. Allerdings findest du dort einige sehr genial-lustige Passagen (Erdbeer-Ernte) und in jedem Fall hat Austen sich bei den Nebenfiguren so richtig ausgelassen. Von der Beobachtung und den Karikaturen her, ist es das Beste ihrer Bücher. Trotz einiger Längen am humorvollsten. Trau dich ruhig.

  • Antworten Colm Tóibín - Brooklyn - Herzpotenzial 13. Januar 2016 um 20:53

    […] Eilis ist eine junge, zurückhaltende Frau, die mit ihrer Mutter und älteren Schwester in ärmlichen Verhältnissen lebt. Sie möchte Buchhalterin werden, denn sie hat eine Affinität zu Zahlen und liebt sorgfältiges Arbeiten. Am wichtigsten ist es ihr aber, ihre Familie finanziell zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt leben die drei Frauen von dem Einkommen der forschen und selbstbewussten Schwester Rose. Doch diese hat andere Pläne für ihre kleine Schwester. Sie beschließt kurzerhand, dass die stille Eilis ihr Glück in Amerika versuchen soll und arrangiert mit einem irischen Pfarrer in Amerika eine Arbeit und eine Bleibe für Eilis in Brooklyn. Die jüngere wird überrumpelt, ahnt vermutlich kaum, was sie dort erwartet und vertraut den begeisterten Beschreibungen ihrer Schwester. Dies ist also keine Auswanderergeschichte, die von einer begeisterten Pionierin oder voller Sehnsüchten und Träumen steckenden jungen Frau erzählt. Nein, Eilis ist nicht forsch und hat auch eigentlich keine großen Pläne für ihr eigenes Leben. Doch vielleicht fügt sie sich gerade deshalb so schnell und sympathisch in ihr neues Leben ein. Sie ist fleißig und hilfsbereit, hilft in der Gemeinde und ihre Hauswirtin hält viel von ihr. Leise, Stück für Stück beginnt Eilis die Freiheiten und Möglichkeiten ihrer neuen Heimat zu entdecken und anzunehmen. Selbst der Leser ist überrascht, als sie nach einer Unglücksnachricht nach Irland zurückfährt und dort als völlig veränderte, vielleicht sogar ein wenig mondäne Frau an Land geht. Colm Tóibín ist wieder mal ein Autor, der mir bisher gar nichts sagte und auf den ich eher durch Zufall gestoßen bin. Jetzt bin ich aber regelrecht angefixt und möchte mich direkt in weitere seiner Werke stützen. Ihm ist etwas gelungen, was bisher noch keinem Autor vor ihm gelungen ist: Ich bin völlig hingerissen von einer schüchternen Protagonistin. Wie ihr vermutlich wisst, liebe ich starke und unabhängige Frauenfiguren. Von Jane Eyre bis Hermine Granger sind es immer die klugen, manchmal etwas vorlauten Frauen, denen ich gerne meine freien (Lese-)Stunden schenke. Kleine verhuschte, unsichere oder nach männlicher Aufmerksamkeit heischende Damen lösen bei mir hingegen sehr schnell Langeweile und Mitleid aus. Nicht so Eilis! Sie ist zwar eine ruhige Frau, auch fügt sie sich immer wieder in ihr Schicksal und lässt sich zu Dingen überreden, zu denen sie nicht vollkommen steht, doch Tóibín beschreibt all ihre Entscheidungen – oder auch die Reue darüber – mit einer solchen zarten und nachvollziehbaren Feinsinnigkeit, dass ich Eilis‘ Entscheidungen als plausibel und weitsichtig empfunden habe. Ja, vermutlich ist ihre Nachgiebigkeit gar nicht so weit entfernt von einer Anne Elliot. […]

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