[Lieblingsbuch-Challenge] Eduard von Keyserling – Schwüle Tage

100-004Nun folgt auch mein letzter Beitrag für die Lieblingsbuch-Challenge. Es ist viel passiert in den letzten 12 Monaten und deshalb war es doch immer schön, zu einem vertrauten und geliebten Buch greifen zu können. Das folgende Buch ist mir besonders wichtig, denn es war mein Zugang zu einer ganzen Epoche und der Beginn einer großen Liebe für die Literatur der Jahrhundertwende.

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Eduard von Keyserling ist vermutlich nicht jedem ein Begriff. Seine Werke sind alle um die Jahrhundertwende erschienen und spiegeln den Verfall der alten Gesellschaftsordnung und die ersten Triebe eines neuen Zeitalters wider. Er war selbst Teil des verarmten Adels, den er in seinen Werken als nahezu funktionslose und repräsentative Klasse darstellt, die dem Verfall entgegen sieht. Er selbst leidet fast sein ganzes Leben an körperlichem Gebrechen, erblindet und diktiert ab 1900 die meisten seiner Werke seiner ihn pflegenden Schwester. Keyserling gilt als ein impressionistischer Literat. Ich fand diesen Begriff immer unheimlich treffend, denn seine Werke sind wie wunderschöne, leicht melancholische Gemälde, die erst in ihrer Gesamtheit ihre volle Schönheit entfalten.

Graf Bill von Fernow ist beim Abitur durchgefallen und darf zur Strafe nicht seine Mutter und Geschwister ans Meer begleiten, sondern muss den Sommer mit dem Vater auf dem ländlichen Stammsitz verbringen. Der Junge ist erbost, trotzig und auch eingeschüchtert von der Erscheinung seines Vaters, der nie viel Aufmerksamkeit für ihn übrig hatte. Doch dieser Sommer entwickelt sich von einer Strafe zu einem Reifungsprozess, aus dem Jungen wird ein Mann. Bill lernt seine Cousinen kennen und verliebt sich zum ersten Mal, unternimmt heimliche Ausflüge in den lauen Sommernächten und erfährt mehr über seinen Vater, als ihm lieb ist – die Beziehung der beiden verändert sich für immer. Keyserling schafft es, den Prozess des Erwachsenwerdens in dieser Geschichte pointiert und sensibel auf den Punkt zu bringen. Ihm gelingt es mit wenigen Worten eine dichte Atmosphäre voller Sinnlichkeit zu schaffen, die Gedankenwelt des jungen Mannes einzufangen und zugleich auch noch das marode Adelssystem zu kritisieren. Ich bin immer wieder überrascht, wie diesem einzigartigen Autor das immer wieder gelungen ist.

Wer auf der Suche nach ästhetischer, melancholischer und ein wenig nostalgischer Literatur ist, sollte unbedingt einmal eine Novelle von Eduard von Keyserling in die Hand nehmen. Mir persönlich gefällt „Schwüle Tage“ auch nach so vielen Jahren immer noch am besten. Dieses 90-seitige Kleinod bleibt einem wie ein Van Gogh als ein Bild des Spätsommers mit satten Farben und leichten Schatten, die den kommenden Herbst ankündigen, lange präsent. Nicht ohne Grund einer meiner Lieblingsautoren.

Eure Mareike

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