Lesung von Adelle Waldman

Im Zuge des Harbour Front Festivals besuche ich einige Lesungen. Wie vielfältig die Lesungen und die Veranstaltungsräume sind, haben wir euch bereits hier vorgestellt. Trotzdem war ich von der Lesung von Alex Capus völlig überrascht und begeistert von seiner Art auf einer Lesung eben NICHT zu lesen. Der Abend war feinste Unterhaltung und der Saal dankte es ihm mit einem begeisterten Jubel zum Abschluss. 
harbour_front_logo_2015Deshalb habe ich mich auch kürzlich mit viel Euphorie auf den Weg zum Museumsschiff Cap San Diego gemacht, um dort der Lesung von Adelle Waldman zu lauschen. Ihr Buch Das Liebesleben des Nathaniel P. habe ich bereits vor einigen Wochen gelesen und begeistert besprochen. Umso gespannter war ich, die Frau kennenzulernen, die sich über Jahre in einen regelrechten Ekel hineingedacht hat und diesen mit ihrem Buch zum Leben erweckt hat.
Nun, ich muss sagen, es war gar nicht so leicht im Dunkeln das Schiff zu finden und mit meinen hohen Schuhen über Bord zu stöckeln – nein, ich habe mir da wirklich selbst keinen Gefallen mit getan. Eine Ausschilderung zum Schiff und zur Lesung wäre trotzdem sehr hilfreich gewesen.
Moderiert und übersetzt wurde der Abend von Bernhard Robben. Eine sehr einnehmende Person, hinter der mir manchmal die zierliche, zurückhaltende Adelle Waldman zu verschwinden schien. Eine wesentlich bessere Wahl war da die Schauspielerin Laura de Weck, die mit ihrer samtigen Stimme unheimlich gut zum Buch gepasst hat. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können. Gemeinsam gestalteten sie einen unterhaltsamen, jedoch manchmal etwas langsamen Abend. Es gab ein langes Interview mit Adelle Waldman, das von Lesungsabschnitten aus Das Liebesleben des Nathaniel P., gelesen von Laura de Weck, abgewechselt wurden. Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht selten auf die Uhr geschaut habe, denn irgendwie konnte mich die Stimmung nicht richtig packen.

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(C) LOU ROUSE

Spannend fand ich auf jeden Fall die Antworten von Adelle Waldman, die sehr stringent ihr Konzept hinter dem Buch erklären konnte. Sie sieht ihr Buch in der Tradition der gesellschaftskritischen Ansätze in Jane Austens Werken (Besonders der unsympathischen Protagonistin in Emma). Sie sagt, dass Romantik und das Leiden durch Liebe weiblich konnotierte Themen seien. In Klassiskern sind es die Frauen, die leiden und die Männer, die Leid verursachen, bis der Richtige, glücklich-machende Mann auftaucht. Sie wollte nun die Geschichte des „Falschen“, also des Mannes erzählen, der typischerweise das Leid verursacht. Eine gewagte und zugleich wirklich ungewöhnliche Perspektive. Es ist ja nicht so, dass Nathaniel ein grundböser oder verdorbener Charakter wäre. Im Fokus stand für Adelle Waldman immer die realistische Gestaltung ihrer Figuren, somit ist sich Nathaniel gar nicht bewusst, dass er durch sein Verhalten den Frauen in seiner Umgebung Leid zufügt.

Das waren für mich einige sehr spannende neue Informationen, die mir durchaus geholfen haben, das Buch besser einzuordnen und zu verstehen. Ich hatte ja auch persönlich viele Probleme mit Nathaniel und seiner Art, die Frauen zu behandeln. Wenn man natürlich weiß, wie die Figur angelegt ist und in welcher erzählerischer Tradition sie gedacht ist, steigert das meine Hochachtung für Adelle Waldman und ihr Debüt noch um vieles mehr.

Auch wenn der Abend seine Längen hatte, hat mich die stille zurückhaltende Art der Autorin und ihre sehr differenzierten Gedanken zu ihrem Werk sehr beeindruckt.
Wer gern mehr über Adelle Waldman erfahren möchte, dem empfehle ich dieses Interview.

Eure Mareike

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1 Kommentar

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick September - Herzpotenzial 9. November 2015 um 18:39

    […] habe ich diesen Monat zweimal auf Lesungen vom Harbour Front Festival verbracht: Alex Capus und Adelle Waldman haben mich beide Male auf ganz fantastische Weise vom Selberlesen […]

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