Lesley M. M. Blume – Und alle benehmen sich daneben

Ein neues Buch über Hemingway? Klar, dass wir da begeistert sind, denn auch Biografien gegenüber sind wir ja nicht abgeneigt. Lesley M. M. Blume widmet sich dabei nicht einfach nur dem Leben Hemingways, sondern schreibt darüber, wie er seine eigene Legende erschuf. Dabei verlässt sie sich nicht auf Hörensagen, sondern nur auf die Fakten – mit denen das Buch bis zum Rand gefüllt ist. Der Untertitel „Wie Hemingway seine Legende erschuf“ verspricht jedenfalls einiges.

Selbstverständlich spielt ein Großteil dieser Geschichte im Paris der 1920er Jahre. Die Stadt, die nicht nur Hemingway half, in den Olymp der Schreibenden aufzusteigen, sondern auch viele andere nach oben brachte. Und da sind wir schon direkt bei einer Besonderheit dieses Buches: Hemingway steht zwar im Mittelpunkt, doch der Weg zu ihm führt an vielen seiner Weggefährten vorbei. Beispielhaft ist hier etwa der Schriftsteller Sherwood Anderson zu nennen. Heute fast vergessen, war er in den 1920er Jahren unter Amerikanern ein schreibender Superstar. Und er war es, der die Hemingways davon überzeugte, nach Paris zu gehen – eigentlich wollten die beiden nach Neapel. Um seinen Rat zu unterstreichen, gab er Hemingway einen Stapel Empfehlungsschreiben mit. Eintrittskarten in die literarischen Kreise, die Amerikaner in Paris geformt hatten. Mit diesen Schreiben machte sich Hemingway an etwas, das Blume „die Erstürmung des Olymp“ nennt. Er spricht bei allen möglichen wichtigen Leuten vor und knüpft Kontakte zu nahezu allen emigrierten amerikanischen Schriftstellern in dieser Stadt. Ezra Pound, Sylvia Beach und Gertrude Stein stehen auf seiner Liste. Seine journalistische Tätigkeit ist ihm dabei immer mehr im Weg, da sie ihn vom Schreiben abhält. Immer besessener arbeitet er an Kurzgeschichten und Stoffen für einen Roman , um endlich der Schriftsteller zu werden, zu dem er sich berufen fühlt. Und so beginnt Hemingway zu seiner eigenen Legende zu werden. Man begleitet diesen Weg beim Lesen, sei es nun die fatale Fiesta, die den Stoff für seinen ersten Roman lieferte und bei der alles seinen Anfang nahm, die Verhandlungen in Verlagen oder die Niederlagen und Selbstzweifel, mit denen Hemingway eigentlich immer zu kämpfen hatte.

Tiefer und tiefer gräbt sich die Autorin durch das, was heute als Hemingways Paris bekannt ist und bringt dabei eine Vielzahl von Informationen zum Vorschein. Sie wertet Bekanntes und Neues aus und lässt eine Vielzahl von Zeitzeugen und Wegefährten zu Wort kommen. Es ist faszinierend, wieviel verbrannte Erde Hemingway hinterließ, um seinem Ziel näher zu kommen. Er will ein berühmter Schriftsteller werden und ist wie besessen von diesem Ziel. Er will dieses Ziel nach Möglichkeit alleine erreichen, andere Schriftsteller betrachtet er nicht als Freunde, sondern als Konkurrenz. Sein Neid und sein Ehrgeiz trieben ihn zu Höchstleistungen an und halten ihn dauerhaft unter Strom. Ständig scheint er mit irgendwem im Streit zu liegen oder eine Allianz gegen irgendjemanden zu schmieden. Es zeigt sich, dass er ein Meister der Intrigen ist, der Missgunst auf die unterschiedlichsten Arten säen kann, nicht nur durch Gerüchte, sondern im Notfall auch durch eine wohlplatzierte Affäre. Dabei trifft er nicht nur auf Bewunderung, sondern auch auf Ratlosigkeit, Unverständnis oder Zorn. Zum Beispiel Harold Loeb, der sich lange als guter Freund Hemingways sah, sich dann aber auf der Fiesta mit ihm überwarf und sich von ihm entfernte. Die beiden gingen nicht im Streit auseinander, standen aber auch nicht mehr in Kontakt miteinander – jedenfalls nicht direkt. Denn Loeb ist eine der dramatischen Hauptfiguren in Hemingways erstem Roman und somit für immer mit dem Schriftsteller verbunden – er verhalf ihm quasi zu Weltruhm. Wie ihm geht es zahlreichen „Freunden“ Hemingways, einige ruiniert er damit, alle macht er unvergesslich. Denn in die Geschichte eingegangen ist die „Fiesta“ auf jeden Fall.

Fazit

Lesley M. M. Blume beleuchtet alle Facetten Hemingways und seines Paris‘. Sie gräbt fast vergessene Skandale aus, findet die kleinen und großen Konflikte der Exil-Gemeinde und zeigt, wie rücksichtslos Hemingway sein Ziel verfolgte. Das liest sich unterhaltsam, komisch und traurig zugleich. Eine echte Empfehlung für alle, die schon immer etwas mehr über Hemingway wissen wollten – unabhängig von seinem literarischen Schaffen.

Eure Maike


Lesley M. M. Blume – Und alle benehmen sich daneben
Verlag: dtv
528 Seiten, Hardcover, 24 €

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1 Kommentar

  • Antworten leipziglauscht 4. Juni 2017 um 19:05

    Das klingt ja wirklich gut … am besten allerdings gefällt uns ja sowieso der Titel … wenn der nicht zum lesen animiert ;)

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