Lee Miller – Krieg

Wenn ich an die Berichterstattung aus dem zweiten Weltkrieg denke, dann denke ich an vieles, aber nicht an die Vogue. Bis ich in der Verlagsvorschau von btb Lee Millers „Krieg“ entdeckt habe. Sie war in den vierziger Jahren bei der Zeitschrift als Kriegsreporterin akkreditiert und hat einige beeindruckende Reportagen, Berichte und vor allen Dingen Fotos hinterlassen.

[lightgrey_box]Sie war eine der wenigen Frauen, die in den Vierzigerjahren als Kriegskorrespondentinnen akkreditiert waren, und eine der neuen Stars des Journalismus, die plötzlich am Himmel aufgingen. Ihre Berichte und Fotos erschienen in der Vogue, denn selbst die Leser des Mode-Magazins wollten wissen, was es mit den Krauts auf sich hatte. Ihre Reportagen aus der Hölle, aus der unbekannten und fremden Welt mit dem Namen »Drittes Reich« gehören auch im Nachhinein zum Erhellendsten, was über Deutschland und seine Bewohner geschrieben wurde. Dieser Band enthält zum ersten Mal alle ihre Kriegsreportagen und zahlreiche ihrer berühmten Fotos, außerdem Briefe und Artikel über das befreite Paris und ihre Gespräche mit Picasso, Cocteau, Aragon, Eluard und Colette.[/lightgrey_box]

Lee Miller landete durch einen Zufall bei der Vogue. Als Studentin entgeht sie 1926 nur knapp einem Autounfall, weil ein Passant sie von der Straße zieht. Der Passant ist der legendäre Verleger Condè Nast – er erkennt das Potenzial der jungen Frau und nimmt sie als Model unter Vertrag. Auf ihren Reisen lernt sie unter anderem Man Ray kennen (mit dem sie auch kurz liiert war) und wird eine immer bessere Fotografin. So kommt es, dass sie in den 1940er Jahren als eine der wenigen Frauen als Kriegskorrespondentin akkreditiert wird.

KriegSie ist immer mitten im Geschehen und berichtet live von der Front, aus Lazaretten, Konzentrationslagern oder Hitlers „Adlerhorst“. Genau das scheint es zu sein, was die amerikanische Leserin interessiert: ein bunter Mix aus Prominentenklatsch (Miller traf auf Cocteau, Colette oder Marlene Dietrich) und Berichten aus Schützengräben, alles auch auf beeindruckenden Bildern festgehalten. Ich muss zugeben, dass ich anfangs dachte, die Autorin würde einfach alles für eine gute Story tun und das beinhaltet natürlich vor allen Dingen auch die schockierenden Folgen der Nazi-Herrschaft. Doch je weiter ich las, desto bewusster wurde mir, dass ihr eigentliches Anliegen ein anderes war. Miller war begeisterte und begnadete Fotografin, aber ihre Bilder schienen ihr manchmal nicht auszureichen, um das Gesehene auch wirklich wiederzugeben. Durch diese Kombination werden das Ausmaß von Zerstörung und Leid in Europa besonders verdeutlicht.  Miller „dokumentiert“ im wahrsten Sinne des Wortes. Und das bedeutet, dass sie ihre Leserinnen nicht schont. Ihre Texte geben wieder, was gerade geschieht und transportieren dabei auch die Gefühle Millers und der GIs. Mal ist es Euphorie, aber auch Ohnmacht und Entsetzen kommen nicht zu kurz. Und so berichtet sie auch vom Sterben der Soldaten im Kampf und von den Leichenbergen bei der Befreiung Dachaus. Ihre Sprache wird hier bei aller Sachlichkeit härter – man merkt ihr an, dass sie im Angesicht dieses Grauens nach Worten ringt. Und entsprechend fällt ihre Wortwahl auch aus, wenn sie über die „Krauts“ spricht, ein nur verständliches Handeln. Zum Glück für den Leser berichtet sie aber auch immer wieder von fröhlicheren Episoden. Dadurch wird der Text zugänglicher und manchmal auch – in Ermangelung eines anderen Wortes – erträglicher. Gerade an diesen Stellen hätte ich mir etwas mehr „Moderation“ ihrer Texte von Außen gewünscht, ich fühlte mich manchmal etwas allein gelassen.

Fazit


Lee Millers Artikel und Fotos zeichnen ein spannendes Bild von Europa am Ende des zweiten Weltkriegs. Sie blickt hellwach in eine zerstörte Welt und findet mit scharfem Blick grausames wie schönes und präsentiert es in einer sehr klaren Version dem Leser.

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Lee Miller – Krieg
Verlag: btb
272 Seiten, Taschenbuch, 11,99 €

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1 Kommentar

  • Antworten sabine 11. November 2015 um 18:54

    zack – das Buch landet doch gleich mal auf meinem Wunschzettel, klingt großartig :)

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