Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

An einem bestimmten Punkt in meinem Studium, ungefähr zum Beginn meines Master-Studiums, stellte sich mir die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Keine richtige Lebenskrise, aber eine kleine Quarterlife-Crisis. Ich war zum Glück relativ schnell damit durch, denn sonst hätte mir vielleicht das gleiche Schicksal gedroht wie Kristina Pfisters Protagonistin in ihrem Debüt „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten“.

Annika driftet nach ihrem Bachelor in Kulturwissenschaften von einem Praktikum zum nächsten. Drei Monate ist sie hier und dann geht es in die nächste Stadt, ins nächste öde Praktikum. Sie kommt nicht voran und wandert ziellos im Nirgendwo in der Hoffnung, irgendwann zu wissen, was sie eigentlich aus ihrem Leben machen will. Ganz anders stellt sie sich das Leben ihrer aktuellen Nachbarin vor. Wenn es abends dunkel wird, kann sie direkt in deren Wohnung blicken und sieht die Dinge, nach denen sie sich sehnt. Die junge Frau dort ist nie alleine, jeden Abend hat sie Besuch, es wird gelacht, gegessen und geraucht. Eines Abends steht genau diese Nachbarin vor Annikas Tür. Sie stellt sich als Marie-Louise vor und lädt Annika in ihre Wohnung ein. Schnell stellen die beiden Frauen fest, dass sie aus dem gleichen Ort stammen.
Als Annika kurz darauf wieder zu ihrer Mutter zieht, trifft sie auch Marie-Louise wieder. Das ist der Beginn von etwas, das man als Freundschaft bezeichnen könnte. Beide treiben durch einen einzigartigen Sommer, in dem sie nur das tun, wonach ihnen der Sinn steht. Sie stellen sich und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt und versuchen – mal mehr und mal weniger verzweifelt – das eigene Ich und das Ziel ihres Lebens zu entdecken.

Vor allem Annika, aus deren Ich-Perspektive die Autorin die Geschichte erzählt, durchlebt eine Quarterlife-Crisis wie aus dem Bilderbuch. Sie hat Kulturwissenschaften studiert und weiß nun nichts damit anzufangen. Sie verliert sich in sinnlosen Praktika und schon auf den ersten Seiten ist ihre Verzweiflung greifbar. Ganz besonders, da sie sich mit ihrer Nachbarin vergleicht. Sie wird immer antriebs- und kraftloser und der Schritt, zurück zu ihrer Mutter zu ziehen, ist nur logisch. Annika wirkt wie ein Teenager, der nicht weiß, wie das mit dem Erwachsen-Sein funktioniert. Ihre neue Freundin scheint ihr in dieser Hinsicht in nichts nachzustehen. Das gesamte Buch über bleibt sie geheimnisvoll, wir erfahren nie, was sie macht oder wo sie hinwill. Annika scheint das nicht weiter zu interessieren. Sie bewundert Marie-Louise für ihre Spontanität und Sorglosigkeit, die sie selbst gerne hätte. Stattdessen geht sie voll und ganz in ihrer Lethargie auf. Der Job, den eine alte Freundin ihr besorgt hat, gibt ihr keine Struktur, sondern langweilt sie. Immer wieder zieht es sie an die Seite ihrer Freundin, das ist ihre einzige Motivation. Erst nach und nach lernt sie, wieder ihren eigenen Wünschen und Gefühlen nachzugehen. Das ist eine Lektion, die sie ganz sicher von Marie-Louise gelernt hat.

Und auch wenn das Buch sich relativ ereignislos liest, kann es Leser auf eine subtile und schöne Art fesseln. Man fragt sich, wie und ob es Annika gelingt, ihre Lethargie zu durchbrechen und in ein selbstständigeres Leben durchzustarten. Kristina Pfister nutzt eine ruhige Schreibweise, um die seelische Situation ihrer Protagonistin darzustellen. Sie ermöglicht dem Leser, sich in Annika einzufühlen und sie durch diesen einen Sommer zu begleiten. Nebencharaktere rücken in diesem Buch in den Hintergrund, der Fokus liegt auf Annika, die wiederum Marie-Louise voll und ganz in den Mittelpunkt rückt. Handlungen oder Ereignisse sind ebenfalls zweitrangig, stattdessen sind die Befindlichkeiten von Annika wichtig für die Erzählung. Die schleichende Veränderung in Annikas Gefühlswelt bringt die Handlung voran.

Fazit

Kristina Pfisters „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten“ ist ein leichtes und ruhiges Buch, das man an einem entspannten Nachmittag lesen sollte. Annikas Lethargie schlägt sich in keinster Weise auf das eigene Leseverhalten nieder, sondern lädt zum Runterfahren mit einer Tasse Tee ein.

Eure Maike


Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten
Verlag: Klett-Cotta
253 Seiten, gebunden, 20 €

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3 Kommentare

  • Antworten Fräulein Julia 31. März 2017 um 08:02

    Auf mich hat diese Lethargie einen großen Einfluss ausgeübt – aber in positiver Weise: Das Runterfahren bei einer Tasse Tee, wie du es so schön beschreibst. Aber ehrlich gesagt war auch ich froh, dass ich nach dem Studium nicht in dieser Situation gelandet bin… Ein angenehm ruhiger Roman.

  • Antworten Buchgefieder 8. April 2017 um 11:18

    Hallo liebe Maike,

    eine sehr schöne Rezension zu einem Buch, welches einen sehr außergewöhnlichen Titel trägt. Ich hatte bis eben von diesem Buch noch gar nichts gehört. Danke für diesen Tipp, den ich gleich sofort auf meine Bücherliste gesetzt habe.

    Ganz liebe Grüße
    Karin

  • Antworten franzischoenbach 10. April 2017 um 21:45

    Das klingt ja wirklich sehr interessant. Ich mag solche Bücher irgendwie und ich kann, zumindest anhand deiner Rezension, sehr gut nachvollziehen, wie sich Annika fühlen muss. So ne mini Quaterlife-Krise hatte ich auch schon oder habe ich immer mal wieder. Der Titel hat mich ja schon so neugierig gemacht, da musste ich mir direkt durchlesen, um was es geht ach und schwupps ist die Wunschliste wieder ein Stück größer.

    Danke für diesen Tipp!
    glg Franzi

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