KINDERHERZPOTENZIAL | Pija Lindenbaum – Greta haut ab

Seien wir mal ganz ehrlich: Manchmal ist es ziemlich ätzend ein Kind zu sein. Man muss mit zu Geburtstagen von Verwandten, die man kaum kennt. Man darf nicht immer das anziehen, wonach einem gerade ist. Am schlimmsten: Man darf nie dann das essen, wonach einem gerade ist. Und dann haben die Erwachsenen nicht einmal Verständnis, wenn einem als Kind da ab und an der Geduldsfaden reißt.

Zum Glück gibt es Erwachsene, die sich sehr wohl in die Gefühlswelt von Kindern hineinversetzen können und diese in wundervollen Geschichten wiedergeben. Pisa Lindenbaum ist so jemand. Die schwedische Autorin und Illustratorin ist in Skandinavien enorm beliebt, weil sie seit vielen Jahren genau das perfekt beherrscht. Sie schreibt Geschichten über kleine Kinder aus deren Perspektive. Besonders bemerkenswert ist, dass ihre Figuren überwiegend Mädchen sind. Aber keine, die in die gängigen Schemata passen: Sie sind wild, sie werden auch mal wütend – und eigentlich haben sie immer Dreck an der Stirn und zottelige Haare. Es sind richtige kleine Mädchen und nicht die Idealvorstellungen, die von kleinen Prinzessinnen und hübschen Kleidern schwärmen. Ein Mädchenbild, das man in der Bilderbuchlandschaft leider oft vergebens sucht.

Nun handelt das neue Bilderbuch „Greta haut ab“ von genau so einem kleinen Wildfang. Gretas Tag läuft bisher ziemlich mies. Egon und sein Vater Jan wohnen jetzt bei ihnen und Egon fährt einfach mit ihrem Fahrrad. Er ist älter, also weiß sie, dass sie sich nicht wehren kann. Und dann kommt Mama, die natürlich auch größer ist und ihr sagt, dass Greta ein Kleid anziehen soll. Kleider mag Greta überhaupt nicht. Sie möchte an diesem Tag viel lieber ihren Matrosenanzug anziehen, der ist schick, findet sie. Doch leider ist dieser zu klein – Mama hat ihr extra ein neues Kleid gekauft. Doch Greta fühlt sich in dem vertrauten Anzug viel wohler – besonders, wenn sie zu Mamas lauten, doofen Freundinnen fahren muss.
Greta findet das nicht fair und natürlich will die Mutter, dass sich der Sohn ihres neuen Partners bei ihnen wohl fühlt – doch Gretas Welt ist nicht so komplex. Sie denkt in meins und deins – in versprochen und gebrochen. Wer etwas benutzt, muss es auch wegräumen. Doch Mama will, dass sie das Rad wegräumt. Da platzt Greta der Kragen. Keine Minute länger hält sie es in dieser Familie aus. Sie packt ihren Rucksack und geht.

Der Zeichenstil ist gewöhnungsbedürftig und keinesfalls gefällig. Doch so sind auch die Figuren, die in dieser bunten, nie perfekten Welt leben. Die Perspektive scheint stets etwas verzerrt, die Erwachsenen etwas zu groß. Manchmal vermischt sich Fantasie mit Wirklichkeit. Führt die Nachbarin im Trainingsanzug wirklich einen Eisbären an der Leine? Im nächsten Bild sieht man, dass es ein sehr kleiner Hund ist – doch im Prinzip ist es nicht wichtig. Für Kinder spielt das nicht immer eine Rolle. Und das ist schön.
Genauso verhält es sich mit der Sprache, die direkt von einem Kind kommen könnte. Wenn man nicht Teil dieser kleinen Welt von Greta ist, dann fehlen einem manchmal Informationen. Egon und Jan, dessen Vater, werden eingeführt ohne Erklärungen – ist sie ein Scheidungskind? Wieso nennt sie ihn nicht Papa, ist er ihr Stiefvater oder nur Mamas neuer Freund? Für ein Mädchen von 4-5 Jahren sind solche Labels nicht wichtig. Wichtig ist, dass Egon von ihrer Mutter mit viel mehr Sorgfalt und Höflichkeit behandelt wird.
Ein Bilderbuch, das ohne vor Pädagogik triefende Betulichkeit von Trennung und modernen Familienmodellen erzählt, ist so wohltuend. Es wird nicht als besonders oder erwähnenswert markiert, dass Mama jemand neuen hat – das Chaos, das es auslöst, ist aber trotzdem Thema. Man sieht Jan im Hintergrund bügeln, Brote schmieren und beim Anziehen helfen. Eine moderne Familie – so wie es ist und worin Kinder sich und ihren Alltag wiederfinden können.

Die Geschichte von Greta, die abhauen muss, weil die Welt zu ungerecht wird und sie nicht mehr weiß wohin mit ihrer Wut, trifft jedes Kind direkt in die Seele. Das Goldkind saß sehr lange vor dem Buch und sagte: „Ich weiß genau, wie sie sich fühlt.“ Ihre Augen glänzten ein wenig. Und ich verstehe gut, warum: Ich hatte auch Bilder im Kopf von endlosen Geburtstagen in kratzigen Spitzenkragen, die ich hasste. Jeder kennt solche Situationen aus seiner Kindheit, oder?
Und genau das macht für mich ein gutes Bilderbuch aus: Es trifft direkt ins Herz, beschreibt den Alltag und typische Konflikte, in denen sich jedes Kind wiederfinden kann. So gehen moderne Geschichten von starken Mädchen, Eltern, die nicht immer perfekt sind, aber Geborgenheit und Verständnis vermitteln.

Für mehr Rebellenmädchen in Bilderbüchern!!

 

Eure Mareike


Pija Lindenbaum – Greta haut ab
Verlag: Oetinger
Gebunden, 40 Seiten, ca. 14,99 €

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