Kinderherzpotenzial: Jonathan Bentley – „Wo ist Bär?“

Die Zeit, die man mit dem Suchen von verloren geglaubtem Spielzeug verbringt, steht im starken Kontrast zu der Zeit, die ein Kind tatsächlich damit spielt. Sprich: Ich habe schon Stunden mit der Suche eines speziellen Kuscheltiers verbracht, nur um dann mit ansehen zu müssen, wie es zwischen den anderen Tieren platziert und dann vergessen wird. Gerade in der Zubettgehzeit verschwinden auffällig viele Dinge. Ja, ich würde fast behaupten, dass sobald ich „Schlafenszeit“ rufe, irgendwas Essenzielles verschwindet. Etwas, das so lebensnotwendig ist, dass sich die Schlafenszeit unweigerlich nach hinten verschiebt.
Als geübte Mutter fange ich also frühzeitig an, gebetsmühlenartig die wichtigsten Gegenstände abzufragen: „Hast du deine Taschenlampe?“ „Hast du ein Bilderbuch?“ „Hast du Kuscheltier 1 – 27?“ usw usw.
Dass nun mein Elterntrauma in einem Bilderbuch aufgearbeitet wurde, fühlt sich irgendwie richtig an. Vermutlich geht es nämlich noch vielen anderen Eltern ähnlich.

woistbaer_carlsen13

Der kleine Junge in dieser Geschichte ist auf der Suche nach seinem Lieblingskuscheltier. Er ist bereits im Schlafanzug, es ist dunkel und eigentlich ist es Zeit fürs Bett. Das alles erfahren wir über die ausdrucksstarken Bilder, denn der Text auf jeder Seite ist quasi gleich: „Wo ist Bär?“. Und eigentlich ist damit auch alles gesagt. Der Junge sucht im Bett, auf den Regalen und in den Schubladen in seinem Kinderzimmer, in der Küche, im Wohnzimmer. Ja, sogar draußen im Auto schaut er mit seiner Taschenlampe nach. Schließlich wendet er sich direkt an den (Vor-)Leser und fragt: „Hast du Bär gesehen?“. Und genau ab dieser Stelle wird das Buch zu etwas Besonderem, denn auf jeder Seite war bisher ein riesiger Grizzly zu sehen. Immer außerhalb des Blickfelds des kleinen Jungen. Mal ist er hinter, im, mal unter dem Bett, mal hinter dem Sofa.

woistbaer_carlsen1Kein Wunder also, dass das Goldkind sofort bei der Frage „Hast du Bär gesehen?“ lachend auf den großen Bären gezeigt hat und sagte „Ja, hinter dir!“.
Auf der nächsten Seite schaut nun der Junge hinter sich und fragt: „Was? Wo?“, der Bär ist verschwunden.
Ich möchte nicht die Auflösung dieses kleinen Bilderbuchschatzes verraten, doch es wird mit der Erwartung des Kindes gespielt und es endet überraschend. Besonders schön finde ich, dass hier die Bilder weitaus wichtiger als der Text sind. Sie erzählen die Geschichte, der sich wiederholende Text liefert zwar etwas mehr Kontext, doch die Bilder könnten auch völlig für sich allein stehen. Das finde ich einen enormen Mehrwert, denn Bilderbücher sollen auch ohne Erwachsene funktionieren, die vorlesen. Das ist in diesem Fall vollkommen gelungen. Allein, dass man auf jeder Seite nach dem Versteck des Bären suchen kann, macht viel Freude.
Das Buch funktioniert also genauso gut als stille Beschäftigung wie auch als schöne, stimmungsvolle Gute-Nacht-Geschichte, schließlich geht es ums Zubettgehen.

Der Zeichenstil von Jonathan Bentley ist zart und doch niemals süßlich, sondern voller Struktur und schwungvoller Linien. Die Bilder sind voller Details und abwechslungsreich und benötigen kaum der Worte. So ist es schlussendlich gar nicht schlimm, dass man den Namen des Jungen nicht erfährt oder seine Eltern nicht sieht. Vielleicht wohnt er gar mit dem großen Bären allein? Hier ist viel Raum für Fantasie.

Und mein Suchtrauma wurde auch so ganz nebenbei etwas gebessert, denn der Junge sucht schließlich selbstständig. Er brüllt nicht nach Mama, nein – er sucht einfach! Deshalb finde ich Jonathans Bentleys Buch so wundervoll. Vielleicht lernt das Goldkind ja noch daraus. Ich lege das Buch schon einmal vorsorglich auf ihr Kopfkissen.
Eure Mareike


Jonathan Bentley – Wo ist Bär?
Verlag: Carlsen
Gebunden, 32 Seiten, 12,99€

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

Keine Kommentare

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: