Kate Atkinson – Glorreiche Zeiten

Kate Atkinson hat mit ihrem Werk „Die Unvollendete“ vor einiger Zeit für Aufsehen gesorgt. In diesem Buch erlebt Ursula Todd ihr Leben immer und immer wieder. Sie durchläuft viele „Was-wäre-wenn“-Situationen und verändert ihr Leben immer wieder an entscheidenden Punkten. In ihrem neuen Roman wendet sich Kate Atkinson nun Ursulas Bruder Teddy zu und erzählt anhand seines Lebens die bewegte amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Atkinson_Glorreiche_Zeiten_Cover_DroemerIch muss gestehen, dass ich „Die Unvollendete“ damals nicht gelesen habe, aber durch die vielen positiven Stimmen zu diesem Buch auf die Autorin aufmerksam geworden bin. Deshalb habe ich mich dazu entschieden mich diesen thematisch sehr weit gefassten Buch zu widmen. Tatsächlich werden durch Verschachteln, Rückblenden und Perspektivwechsel fast 100 Jahre Geschichte anhand einer Familie erzählt. Ein gewagtes und nicht ganz einfaches Projekt. In diesem Roman geht es wieder um die Familie Todd – ich weiß nicht, inwiefern Teddy und seine restliche Verwandtschaft bereits in „Die Unvollendete“ vorgestellt wurden, doch Ursula spielt in diesem Roman nur eine kleine Nebenrolle. Ich meine auch einige Anspielungen ausgemacht zu haben und durch das, was ich über sie erfahren habe, bin ich davon überzeugt, dass sie eine sehr komplexe und starke Figur mit einem ungewöhnlichen Leben ist. Das Leben von Teddy ist eher durchschnittlich und klingt zuweilen etwas nach einem Klischee. Das liegt vermutlich daran, dass die Autorin am Beispiel seines Lebens für jedes Jahrzehnt Zeitgeisttypisches darstellen wollte. So ist er ein erfolgreicher, draufgängerische Soldat mit einer liebevollen Ehefrau, die er überstürzt in Kriegszeiten geheiratet hat. Zu seiner Tochter ist der Kontakt schwierig – schließlich zieht sie in eine künstlerische Hippiekommune. Hier spielen Drogen, alternative Erziehungsmethoden, Rebellion gegen die spießige Elterngeneration die zentralen Rollen. In der Gegenwart angekommen – Teddy inzwischen auf dem Weg ins Altersheim – scheinen alle Figuren auf Selbstfindungstrips zu sein und Teddys Enkel ohne Smartphone kaum vorstellbar.

Glorreiche_Zeiten_Insta_02Ich muss zugeben, dass mich die langgezogenen Erzählpassagen doch öfter langweilten, besonders die gegen Ende zunehmenden Rückblenden in Teddys Kriegserlebnisse bei einer Bomberstaffel. In diesen Abschnitten habe ich besonders die vielen, sehr kleinteiligen Details irgendwann übersprungen. Am Ende des Buches erklärt die Autorin, welche Quellen sie für ihre Recherchen zu Rate gezogen hat und ich glaube ihr sofort ihre Faszination für all die Flugberichte und technischen Daten. Leider teile ich diese nicht und der Kate Atkinson ist es auch nicht gelungen, diese in mir zu wecken.
Trotzdem bin ich froh, bis zum Schluss durchgehalten zu haben, denn das Buch wartet im letzten Abschnitt mit einigen erzählerischen und künstlerischen Highlights auf, die ich so selten in einem Buch gelesen habe. Sie beherrscht wirklich ihr Handwerk als Schriftstellerin und verwebt die verschiedenen Erzählsprünge zu einem  sehr überraschenden Kunstwerk, das mich an manchen Stellen an „Abbitte“ von Ian McEwan erinnert hat (an dem habe ich auch die Langatmigkeit bemängelt, doch das meine ich an dieser Stelle nicht!).

Fazit


Ich denke, dass die Autorin in diesem Buch etwas zu viel wollte und deshalb zeitweise ins Plakative abrutscht. Wenn sie sich mehr auf die Kernidee und weniger auf die Details konzentriert hätte, wäre dieses Buch sicherlich grandios gewesen. „Die Unvollendete“ werde ich sicherlich dieses Jahr noch lesen, denn eine große Erzählerin ist Kate Atkinson auf jeden Fall.

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Eure Mareike


Kate Atkinson – Glorreiche Zeiten
Verlag: Droemer
Gebunden, 512 Seiten, 19,99€

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1 Kommentar

  • Antworten nettebuecherkiste 7. Februar 2016 um 11:59

    Ich kann dir Kate Atkinsons Debüt „Familienalbum“ empfehlen. Ist bis heute eines meiner Lieblingsbücher :-)

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