Jo Baker – Im Hause Longbourn

Meine Begeisterung für die Werke von Jane Austen und das viktorianische England habe ich bereits an einigen Stellen auf diesem Blog zum Ausdruck gebracht. Es scheint ein Trend der letzten 10 Jahre zu sein, dass die Fortsetzungen, Nebenerzählungen und Neuinterpretationen des Austen’schen Universums ein eigenes kleines Genre zu bilden scheinen. „Mord auf Pemberley“, „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ und jede Menge Bücher, die mit einem „Mr. Darcy“ im Titel für Aufmerksamkeit werben. Doch ich beobachte den Markt und warte auf die Juwelen unter diesen Büchern, denn es gibt sie. Entsprechend hatte ich die englische Ausgabe von „Longbourn“ schon eine Weile im Blick. Ich habe tatsächlich nicht damit gerechnet, dass davon eine deutsche Übersetzung erscheinen würde. Umso aufgeregter war ich, als ich sie im Herbstprogramm des Knaus Verlages entdeckt habe.

[lightgrey_box]Ein Millionenpublikum liebt Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, ihren berühmten Roman über die Sorgen der Familie Bennet, für die fünf Töchter geeignete Ehemänner zu finden. Doch niemand weiß, was sich in Küche und Stall des Hauses Longbourn abspielt: Hier müht sich die junge Sarah über Wäschebottichen und Töpfen ab. Aber sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Leben mehr für sie bereithält. Ist die Ankunft des neuen Hausdieners James ein Zeichen? Während Elizabeth Bennet und Mr Darcy von einem Missverständnis ins nächste stolpern, nimmt im Hause Longbourn noch ein ganz anderes Liebesdrama seinen Lauf – denn James hütet ein Geheimnis von großer Sprengkraft.[/lightgrey_box]

Im Hause Longbourn von Jo BakerDas Dienstmädchen Sarah arbeitet seit ihrer Kindheit für die Familie Bennet. Gemeinsam mit Mr. und Mrs. Hill und einer jungen Magd stellen sie das gesamte Hauspersonal der siebenköpfigen Herrschaft dar. Der mühselige Alltag wird jedoch bald erleichtert, als überraschend der junge Jacob als Diener eingestellt wird. Groß, verschlossen und eher einsilbig löst er zugleich Neugierde und Ärger in Sarah aus. Als dann auch noch der attraktive und exotische Diener der Bingleys mit ihr flirtet, beginnt Sarah über ihre Zukunft nachzudenken.
Zunächst orientiert sich das Buch an der Handlung von Stolz und Vorurteil. Die Kapitel beginnen jeweils mit einem Zitat daraus und stimmen jeweils auf das Folgende ein. Es gibt natürlich auch innerhalb der Kapitel immer wieder Überschneidungen mit dem viktorianischen Vorbild, doch die Handlung von Longbourn zeigt auch was abseits dessen passiert und man folgt Sarah noch über die Hochzeit der Darcys und der ersten Jahre nach Pemberley. Auch wenn man auf dem ersten Blick das Gefühl hat, dass hier die Handlung von Stolz und Vorurteil nur auf die Dienstbotenklasse gespiegelt wird, bietet dieses Buch weitaus mehr und eine deutlich komplexere Handlung.
Da Jo Baker eine in Oxford studierte Literaturwissenschaftlerin ist, habe ich natürlich große Erwartungen (Dickens-Wortspiel nicht beabsichtigt) an ihr Werk gehabt. Ich weiß, dass im englischsprachigem Raum die Literaturwissenschaft sehr eng mit den Kulturwissenschaften verbunden ist. Ein Werk wird dort viel stärker in den sozialhistorischen Kontext gesetzt. Man beschäftigt sich mit der Lebenswirklichkeit, in der die Werke eingebettet werden. Und genau dies hat die Autorin hier exzellent auf ihr eigenes Werk übertragen. Sie hat dabei die Perspektive der am wenigsten wichtigen Figuren von Jane Austens Werk gewählt und an ihnen den schmutzigen, damals nicht erwähnenswerten Alltag beschrieben. Dabei lässt sie auch die weniger schönen Seiten nicht außen vor. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass hier auch Themen wie versteckte bis unterdrückte Homosexualität, militärische Ungerechtigkeiten, Missbrauch an minderjährigen Dienstmädchen und sogar Sklaverei angesprochen werden. Sie sind hier alle Teil der Lebenswirklichkeit, doch es gibt natürlich auch schöne Momente: Die Freude über die abgelegten Kleider der Bennet-Mädchen, der freie Zugang zur umfangreichen Literatur Bibliothek von Mr. Bennet, Möglichkeiten des Aufstiegs und alternative Lebensentwürfe.

Die Faszination von diesem Buch ging für mich gerade von diesem unglamourösen Perspektivwechsel aus. Ein Beispiel: Elisabeth läuft ohne viele Gedanken über die schlammigen Feldwege. In Stolz und Vorurteil denkt man: Ach, sie ist so erfrischend uneitel. In Longbourn erfährt man über die stundenlange schweißtreibende Arbeit, die die Dienstmädchen mit der Reinigung und Bleiche solcher verschmutzten Unterröcke haben und ist ein wenig empört über die Gedankenlosigkeit der Bennets. Baker macht aber immer wieder deutlich, dass dies alles Teile eines in sich (mehr oder weniger) intakten Systems war und kein Ausdruck von moralischem Mangel.
Dies ist eindeutig kein Buch mit Fan-Service! Das sollte man sich vor der Lektüre bewusst machen. Es ist ein reifes, gut komponiertes Werk, der man zwar die Liebe für Jane Austens Werke in jeder Zeile anmerkt, doch die Autorin verliert dabei nicht ihre Professionalität als Wissenschaftlerin. Das Buch zeigt eine andere Seite der Zeit, der Lebenswirklichkeit der unteren Schichten. Ähnlich der neusten Trends aus der BBC-Welt, wählt man hier einen bewusst neutralen, nicht anklagenden Ton. Man zeigt die Mühen der Haushälter, ihre Themen, ihre Sorgen, doch verliert dabei nie den Blick für das Ganze. Es ist ein in sich schlüssiges und funktionierendes System. Es hat durchaus seine Mängel – dafür braucht es keine abgründig leidenden Figuren eines Charles Dickens, um das zu zeigen. Doch die Figuren in Jo Bakers Buch finden ihre eigenen Mittel und Wege, um mit den zugeschriebenen Rollen umzugehen. Man lernt Aufstieg und Fall kennen, alternative Lebensmodelle, verdeckte Homosexualität oder den bewussten Weg in die Ehelosigkeit, der dafür aber den sozialen Aufstieg mit sich bringt. In einem Haushalt eine feste Anstellung haben hat genauso seine Vor- und Nachteile, wie sein eigener Herr zu sein. All das wird von Sarah und den anderen Dienstboten durch gespielt. Selten habe ich einen so umfassenden Blick auf eine Gesellschaftsschicht bekommen, ohne ein Sachbuch zur Hand genommen zu haben.
Dabei bleibt die Handlung nicht hinten an, denn diese ist lebendig und ähnlich verstrickt wie das Austen’sche Vorbild. Auch hier haben wir einen großen dunklen, zurückhaltenden jungen Mann, der durch seine ruhige bis abweisende Art die schlaue und etwas forsche Heldin reizt, den hübschen, etwas zwielichtigen Flirt und eine Menge Vorurteile.

Fazit: Jo Baker erschafft in ihrem Buch eine völlig neue Facette am „Stolz und Vorurteil“-Sequell-Himmel: Ihr Werk ermöglicht einen tieferen und erhellenderen Blick in die Wirklichkeit der Bennet-Schwestern und die damalige Zeit. Charmant und gekonnt verwebt sie die bekannte Handlung von Elisabeth und Mr. Darcy mit den Schicksalen der treuen Dienstboten ohne in einem kitschigen Aufguss der Vorlage zu enden. Anspruchsvoll und unterhaltsam. Miss Austen hätte dieses Werk sicher mit Interesse gelesen.

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Eure Mareike

 

Jo Baker – Im Hause Longbourn
Verlag: Knaus
Gebunden, 448 Seiten, 19,99€
Leseprobe

Rezensionsexemplar, vielen Dank!
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11 Kommentare

  • Antworten ClauDia 20. Oktober 2014 um 20:45

    danke ♥ ich merke, ich muss dringend Stolz und Vorurteil nochmal lesen :D damit ich endlich auch dieses Buch lesen kann… es lauert schon auf dem Reader :D
    danke, für die tolle Rezi!
    Liebste Grüße
    ClauDia

    • Antworten Mareike 20. Oktober 2014 um 20:50

      Es lohnt sich IMMER Stolz und Vorurteil mal wieder zu lesen :)
      Viel Vergnügen dann mit Longbourn!
      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten ClauDia 22. Oktober 2014 um 17:58

        dankeschön <3

  • Antworten Alesha Linwell 22. Oktober 2014 um 11:56

    Hi Mareike,
    Ich war von dem Buch leider nicht ganz so begeistert wie du. Den ungeschönten Blick auf das Leben der Angestellten fand ich super und ich bin sehr froh, dass diese Seite der Austen-Romane mal in einem Spin-off in den Vordergrund rückt, aber einige der Charaktere aus Stolz und Vorurteil, allen voran Mr. Bennet, haben mich mit ihrem Verhalten den Dienern gegenüber schier wahnsinnig gemacht. In Stolz und Vorurteil mochte ich Mr. Bennet sehr gerne, er mag nicht der beste Vater sein, aber immerhin schien er Verstand zu haben. Die Art und Weise wie er in Jo Bakers Roman mit Mrs. HIll umgeht, hat mich maßlos enttäuscht. Das soll der sonst so gescheite Mr. Bennet sein? Sein Verhalten passt natürlich in die Zeit und ist demnach wahrscheinlich sehr gut getroffen, zumindest soweit ich das sagen kann, ich konnte es trotzdem nicht mit dem Mr. Bennet auf Stolz und Vorurteil vereinbaren.
    Sehr gut gefallen hat mir dann noch die Schilderung des Krieges in Spanien/Portugal und des Umgangs mit den Soldaten beim Militär, dass ist auch so ein Thema, was in Austens Romanen immer nur im Hintergrund spielt und hier sehr gut in den Vordergrund gerückt worden ist. Ich war aber insgesamt von dem letzten Teil des Buches nicht ganz so überzeugt wie von den ersten beiden, da er mir viel zu langatmig vorkam und dann am Ende alles viel zu schnell ging.
    Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen und werde es bestimmt irgendwann noch einmal lesen, für mich war es nur leider nicht das absolute Highlight, dass ich erhofft hatte.
    Deine Rezension gefällt mir aber sehr gut und hat mir nochmal Aspekte in Erinnerung gerufen, die ich fast schon wieder vergessen hatte, da ich das Buch bereits im Mai auf Englisch gelesen habe.
    lg
    Alesha

    • Antworten Mareike 22. Oktober 2014 um 12:16

      Liebe Alesha,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. :)
      Ich finde es interessant, dass gemeinhin Mr. Bennet so positiv aufgenommen wird. Auch in den mir bekannten Verfilmungen kommt er irgendwie immer am besten bei weg. Dabei ist es doch so, dass er sich komplett aus dem Familienleben zurückzieht. er findet seine Töchter allesamt verzogen (nur Lizzie findet er halbwegs klug), doch anstatt sie aus dem schädlichen Umfeld der Mutter zu entziehen oder gar mal ein Machtwort zu sprechen (Patriarchat, hallo!), sieht er dabei zu, wie sich seine Töchter (Lydia und Kitty benehmen sich durchgängig daneben, Mary spricht oft unpassend) und seine Frau ständig blamieren. Auch finanziell tut er nichts, um die unsichere Zukunft seiner Familie zu sichern. Es ist ja schließlich nicht so, dass ein Haus und ein wenig Land die einzige Möglichkeit zur Einkommenssicherung sind. Nein, er verzieht sich lieber in seine Bibliothek und lebt sein Einsiedlerleben. Er ist vielleicht nicht so laut wie Mrs. Bennet, doch seine Passivität und Zurückgezogenheit schaden der Familie fast genauso, finanziell gesehen wohl sogar noch mehr als es die sorglose Verschwendsucht seiner Frau.
      Somit finde ich die Wendungen, die seine Biographie bei Barker nehmen durchaus passend ;)
      Dass du es auf Englisch gelesen hast: Respekt!
      Liebste Grüße
      Mareike

      • Antworten Alesha Linwell 22. Oktober 2014 um 14:21

        Mr. Bennet hat auf mich immer überfordert gewirkt, als wüsste er nicht, wie er mit seiner Frau und seinen Töchtern reden soll, um diesem Verhalten entgegenzusteuern. Das ist nicht unbedingt ein guter Grund dafür, sich zurückzuziehen und nichts zu tun, aber ich hatte nie das Gefühl, dass er nichts tun will. Bei Im Hause Longbourn hatte ich im Bezug auf James aber sehr wohl das Gefühl als hätte er etwas tun können, wenn auch nicht viel, wollte es aber nicht.
        Vielleicht bin ich in meiner Sicht von Mr. Bennet aber auch zu stark von den Filmen beeinflusst. Es ist schon sehr lange her, dass ich das Buch gelesen habe, seitdem habe ich mehrmals die BBC-Verfilmung von 1995 gesehen, aber den Roman habe ich tatsächlich bisher nur einmal gelesen.
        lg
        Alesha

        • Antworten Mareike 22. Oktober 2014 um 15:16

          Vielleicht gehe ich mit dem guten Mann auch einfach zu hart ins Gericht ;)

  • Antworten Büchernische 22. Oktober 2014 um 17:45

    Ein Buch, das wohl doch einmal auf meine Wunschliste gesetzt wird, denn ich bin ein großer Fan von Downton Abbey. Das Buch, denke ich, würde ja ganz gut ins Schema passen, oder?

    Herzliche Grüße
    Sandra ♥

    • Antworten Mareike 22. Oktober 2014 um 22:40

      Absolut! Als Downton-Abbey-Fan erster Stunde: Lies es :)
      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Tintenelfe 22. Oktober 2014 um 22:35

    Eine sher schöne und fundierte Rezension. Mir hat das Buch auch ganz besonders gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Mona

    • Antworten Mareike 22. Oktober 2014 um 22:41

      Danke liebe Mona :) Durch deine Vorschau und dann die Rezension habe ich erst von der deutschen Übersetzung erfahren und wollte es unbedingt auch lesen :)
      Liebe Grüße
      Mareike

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