Jérôme Ferrari – Das Prinzip

[lightgrey_box]Helgoland, frühe Zwanziger Jahre: Werner Heisenberg formuliert die Theorie der Unschärferelation und hebt damit die Gesetze der klassischen Physik ebenso aus den Angeln wie das über Jahrhunderte wissenschaftlich geschärfte Weltbild. Ausgehend von dieser Verunsicherung macht Jérôme Ferrari in seinem Roman Verbindungslinien sichtbar, die seitdem Physik und Wissenschaft, Sprache und Literatur, Kultur und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erschüttern. Er schildert, wie die Nationalsozialsten die Sprache vergiften und mit ihrem Terror das politische und kulturelle Leben bis in den tiefsten Kern zersetzen, wie Wissenschaftler eine Dekade später die erste Nuklearbombe in New Mexico testen und keine vier Wochen später der Tod sein neues Gesicht in Hiroshima zeigt, wo die Mächte aus dem Inneren des Atoms kaum einen Schatten von den Menschen übrig lassen, und wie im neuen Millennium Dubai zu einer im Rausch des Wachstums berstenden Stadt wird, ein kaltes, Energie verschlingendes Monstrum, das sich ganz der Ideologie der Machbarkeit hingibt, mit der etwas so schnell entsteht, wie es in der Krise vergeht. Mit der Kraft der Metapher und dem notwendigen Schweigen spannt Ferrari einen poetischen Bogen über die Auflösungsprozesse und Entgrenzungen der vergangenen hundert Jahre.[/lightgrey_box]

Die Geschichte des Autors ist in diesem Buch mit der Geschichte Heisenbergs verbunden worden. Denn vor vielen Jahren scheiterte er als Student der Physik im Examen an der Theorie genau dieses Mannes. Denn ausgerechnet da wurde er zur Unschärferelation befragt – und konnte nur mit allgemeinen Sätzen antworten. Jeder, der schon mal in einer Prüfung gesessen hat, weiß, was in der Regel die Folge ist: Man fällt durch und genau so erging es Ferrari. Doch interessanterweise nahm er das zum Anlass sich genauer mit Heisenberg auseinander zu setzen und vor allem dessen Leben zu betrachten.

Das PrinzipViele Jahre später legt er als Ergebnis seiner Bemühungen dieses Buch vor. Beim Lesen begegnen einem immer wieder große Namen, die man in der Regel aus der Schule kennt. So hat Heisenberg z.B. lange mit Niels Bohr zusammen gearbeitet und sich zwischendurch auch mal mit Einstein angelegt. Das war etwas, was ich beim Lesen immer etwas absurd fand, dass jemand Einstein und seine Ideen in Frage stellte. Heute gilt Einstein als derartig genial, dass er (außerhalb der Physik) fast nie in Frage gestellt wird. Aber in den 1920er Jahren waren die großen Physiker noch mitten in großen Diskussionen, das in Frage stellen der anderen war ein wichtiger Teil der Theorieentwicklung.

Ein wichtiger Teil des Buches ist die Zeit des Nationalsozialismus und Heisenbergs Part bei der Entwicklung einer „Deutschen Physik“.  Die Quantenphysik wird als „jüdisch“ abgetan und aus der akademischen Landschaft in Deutschland verbannt, jüdische Wissenschaftler werden entlassen und verlassen das Land, viele ihrer nicht-jüdischen Kollegen schließen sich an. Doch Heisenberg bleibt, er will mit seinem Institut eine „Insel“ sein. So wird er zum Leiter eines Uranprojekts, mit dem Hitler sich seinen Vorsprung beim Bau einer Atombombe sichern will. An anderer Stelle hat Heisenberg die Beweggründe seines Verhaltens im NS-Regime erläutert, doch Ferrari stellt sie um ein Vielfaches schonungsloser dar. Beim Lesen erahnt man die egoistischen Gründe seines Handelns, dass er sich über die frei gewordenen Posten und die sich ergebenden Möglichkeiten für sein berufliches Vorankommen vor allen Dingen freute. Er ist zu bequem, sein Leben aufzugeben und hofft scheinbar auf einfach zu gewinnende Lorbeeren. Doch nach Ende des Krieges merkt man ihm immerhin die Erleichterung an, dass ihm die Fertigstellung seines Projekts nicht gelungen ist. Denn es sind seine im Exil arbeitenden Kollege, denen der Bau einer Atombombe gelingt und die durch ihr Tun in Bereiche vordringen, die in ihren Auswirkungen nur schwer zu kontrollieren sind. Die Physik, die für Heisenberg immer etwas Schönes war, bekommt ein neues hässliches Gesicht.

So sehr mir das Buch auch aufgrund der sehr poetischen Sprache gefallen hat, leider habe ich nie einen richtigen Zugang dazu gefunden. Das ist wohl auch der Grund, warum ich für die 130 Seiten fast 6 Wochen gebraucht habe… und die letzte Hälfte habe ich nur aufgrund unserer Lesenacht bewältigt, sonst wäre das Buch wohl im Regal verstaubt. Hier schmälert fehlendes Verständnis einfach das Lesevergnügen und ich habe hier vielleicht einfach zu wenig Ahnung von Physik. Denn ich weiß auch nach dem Beenden des Buches nicht, was es mir eigentlich sagen wollte. Dennoch hat das Buch mein Interesse an der Person Heisenbergs geweckt – der immerhin im Alter von 31 Jahren den Nobelpreis für Physik erhielt und sicher zu Recht als einer der großen Physiker des 20. Jahrhunderts gilt.

Fazit


Das Leben eines der bedeutendsten Physiker in einem neuen Licht. Ferraris Sprache ist gleichzeitig lyrisch und schonungslos. Jedoch hatte ich das Bedürfnis, mein Physikbuch noch mal rauszukramen, um alle Zusammenhänge erfassen zu können.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Maike


Jérôme Ferrari – Das Prinzip
Verlag: Secession
133 Seiten, Gebunden, 19,99 €

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1 Kommentar

  • Antworten lottasbuecher 30. Mai 2015 um 09:34

    Hallöchen liebe Mareike,
    ich muss gestehen, dass ich Physik immer gehasst habe und dieses Buch deswegen wahrscheinlich mein schlimmster Albtraum wäre ^^, aber ich fand es sehr interessant deine Rezension dazu zulesen. Ich denke ich hätte mich mit dem Buch sehr schwer getan. Ich finds schön, dass du solche Bücher vorstellst.

    Liebst, Lotta

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