Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

Heute stelle ich euch im Rahmen unseres Shakespeare-Projektes Jeanette Wintersons „Der weite Raum der Zeit“ vor. Die britische Autorin hat sich dem Stoff des „Wintermärchens“ angenommen und ihn in einer modernen Form völlig neu interpretiert. Unter Kritikern ist das Stück als eines der „Problem-Dramen“ bekannt, da es trotz aller Krisen und psychologischer Fallstricke ein Happy End hat. Ich fand das jetzt nicht so schlimm, es war mal eine nette Abwechslung ein Stück von Shakespeare zu lesen, bei dem am Ende nicht alle Protagonisten tot sind.

Zuerst aber mal ein paar Fakten zum Original:

Das Wintermärchen

Typus: Komödie
Erschienen: 1610/1611
Inhalt: Der sizilianische König LEONTES bezichtigt seine schwangere Frau HERMIONE der Untreue. Er ist der festen Überzeugung, dass sie ein Kind von seinem besten Freund POLIXENES erwartet, auch wenn beide das abstreiten. Er beauftragt Lord CAMILLO damit, den Freund zu vergiften und wirft seine Frau ins Gefängnis, wo diese ein Mädchen zur Welt bringt. Während CAMILLO und POLIXENES gemeinsam fliehen können, lässt LEONTES das Kind von Lord ANTIGONUS entführen und verurteilt seine Frau zum Tode. In diesem Moment trifft jedoch ein Orakelspruch ein, der ihre Unschuld belegt und LEONTES als eifersüchtigen Herrscher bezeichnet, der ohne Erbe sein wird. Kurz darauf erfährt der Hof vom Tod des einzigen Sohn des Königs; die Königin bricht zusammen.
ANTIGONUS setzt das Kind derweil an der böhmischen Küste aus, wo sie von einem Schafhirten und seinem Sohn gefunden und auf den Namen PERDITA getauft wird. Als sie sich Jahre später in POLIXENES‘ Sohn FLORIZEL verliebt, setzen die beiden ein ungemeines Chaos in Gang.
Bekannte Zeile: Exit, pursued by a bear. Die wohl berühmteste Regie-Anweisung, die sich bei Shakespeare finden lässt.
Gut zu wissen: Raum und Zeit sind in diesem Buch mehr oder weniger außer Kraft gesetzt. So hat Böhmen zum Beispiel gar keine Küste, an der Perdita hätte ausgesetzt werden können. Kritiker haben dies gerne bemängelt, aber mal ehrlich: in der Kunst ist das erlaubt.

 

Winterson_weiteRaumderZeit_Knaus_CoverDas ist nun die Geschichte, der Jeanette Winterson sich annimmt und zu einer neuen Geschichte wachsen lässt. Die Handlung wird in die heutige Zeit verlegt, zum Teil nach London und zum Teil in die USA. Der Investmentbanker Leo ist mit der französischen Sängerin MiMi verheiratet, glaubt aber, dass sie ihn mit seinem Jugendfreund Xeno, einem schwulen Entwickler für Computer-Spiele, betrügt und von ihm ein Kind erwartet. Seine Eifersucht macht ihn rasend: Nicht nur der Betrug an sich, sondern auch die Angst, nicht zu genügen oder von seiner über alles geliebten Frau verlassen zu werden, machen ihn blind für die Realität und lassen ihn ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Seine Auseinandersetzung damit prägt den ersten Teil des Buches. Leo gibt sich seinen Gefühlen und Trieben vollkommen hin, verliert die Wirklichkeit und seine „guten“ Gefühle völlig aus den Augen. Sein Drang, den Betrug zu beweisen, grenzt an Besessenheit und jagt einem beim Lesen kalte Schauer über den Rücken. Als Perdita geboren wird, weigert er sich, sie als seine Tochter anzuerkennen. Stattdessen lässt er sie von seinem Gärtner nach Amerika entführen, wo dieser sie in Xenos Obhut geben soll. Doch der Plan geht schief und Perdita wird vom Barpianisten Shep und dessen Sohn gefunden und adoptiert.

Das Setting mag modern sein, aber die Grundidee der Handlung ist geblieben: Neid und Missgunst können so viel zerstören und egal wie sehr sich die Menschen bemühen, es ungeschehen zu machen, es wird ihnen nie gelingen. Auch Winterson lässt ihre Protagonisten immer wieder in die Vergangenheit blicken und wehmütig in ihren Erinnerungen an bessere Zeiten schwelgen. Sie überlegen was sie wann hätten anders machen können oder müssen, um der Zeit einen anderen Verlauf zu geben und stehen ihr doch machtlos in der Gegenwart gegenüber. Winterson zeigt, dass die großen Gefahren unserer Zeit nicht nur von außerhalb kommen, sondern oftmals „hausgemacht“ sind und von innen kommen. Eifersucht, Wut und Neid können ebenso erfolgreich zerstören wie Bomben. Genau wie beim späten Shakespeare heißt hier das Mittel zur Heilung nicht Rache, sondern Vergebung.
Trotz der vielen Parallelen hat die Autorin eine ganz eigene Geschichte vorgelegt, eben ein neues Buch. Sie spielt mit den Figuren und der Handlung, passt sie an neue Gegebenheiten an und zieht so die großen Themen des Werkes in die Gegenwart. Wenig überraschend, dass sie immer noch aktuell sind und uns auch heute noch bewegen. Shakespeare ist halt zeitlos und dieses Buch ist der Beweis.

Der Aufbau des Buches ist dabei auch für Nicht-Kenner des originalen Shakespeare-Werkes hervorragend geeignet: Es beginnt nämlich mit einer launigen Zusammenfassung des Wintermärchens. Schon da habe ich beim Lesen Tränen gelacht, die Autorin macht keinen Hehl aus den Absonderlichkeiten des Originals. Doch gleichzeitig merkt man, dass sie ihren Stoff kennt. Nicht umsonst hat sie dieses Werk auch als ihr liebstes Stück des Meisters bezeichnet. Die einzelnen Teile des Buches werden mit „Pausen“ voneinander abgesetzt, ebenfalls eine Reminiszenz an das Original.
Ich habe das Buch in einem unglaublichen Tempo beendet, Wintersons Geschichte hat eine unglaubliche Geschwindigkeit, die einen kaum zur Ruhe kommen lässt. Da nehme ich es der Autorin auch nicht übel, dass es im ersten Teil einige recht explizite Szenen gibt, bei denen mir etwas übel wurde…

Fazit


Jeanette Winterson hat „Das Wintermärchen“ auf unglaublich gelungene Art und Weise vom 17. ins 21. Jahrhundert katapultiert. Die Story ist ganz anders, als ich es erwartet hätte, aber Shakespeare ist überall zu erkennen. Mal spannend, mal komisch, mal traurig – die Themen des großen Meisters können auch heute noch problemlos Leser begeistern.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit
Verlag: Knaus
288 Seiten, Hardcover, 19,99 €

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10 Kommentare

  • Antworten Buchstabenträumerin 27. Juni 2016 um 19:56

    Liebe Maike,

    das klingt unglaublich spannend. Ich liebe die Werke von Shakespeare (okay, alle habe ich nicht gelesen) und bin immer offen für neue Interpretationen. „Der weite Raum der Zeit“ hat mich schon beim ersten Blick auf den Klappentext gereizt, nun ist es ruckzuck zu einem meiner Top-Kandidaten auf der Wunschliste geworden :-)

    Liebe Grüße,
    Anna

  • Antworten Marion 28. Juni 2016 um 07:29

    Das Buch ist vor ein paar Tagen bei mir eingezogen und ich freue mich sehr drauf. Erstmal muss ich aber nochmal das Wintermärchen lesen. Ich hatte es bei twitter ja schon gesagt – ich finde das gesamte Projekt großartig. Zumindest für die ersten beiden Bände häufen sich die Anzeichen, dass die Vorfreude durchaus berechtigt ist.

  • Antworten Hauke 28. Juni 2016 um 09:11

    Liebe Maike,
    ich freue mich, daß Dir dieser „Leseschatz“ auch so gut gefallen hat.
    Liebe Grüße, Hauke

  • Antworten Laura 29. Juni 2016 um 13:13

    Hallo Maike,

    ich finde dieses ganze Shakespeare-Projekt super und verfolge schon fleißig die verschiedensten Eindrücke zu den ersten beiden Büchern, die auf Deutsch erschienen sind. Deine Rezension ist super und macht wirklich Lust auf das Buch. Ich bin sehr gespannt, was da noch kommt und überlege auch eine der englischen Ausgaben zu lesen, da muss man nicht so lange warten ;)
    Liebe Grüße
    Laura

  • Antworten Die Vorleser 11. November 2016 um 09:21

    Liebe Maike,
    tolles Projekt! Nach deiner Besprechung werde ich mir das Buch jetzt bestimmt kaufen! bin schon auf die weiteren Besprechungen gespannt.
    Liebe Grüße von Gisela von die Vorleser

  • Antworten Rezension | Jeanette Winterson: Der weite Raum der Zeit - El Tragalibros 2. März 2017 um 20:06

    […] Rezensionen zu „Der weite Raum der Zeit“: Herzpotenzial | Ricas fantastische Bücherwelt | Eulenmatz […]

  • Antworten Fräulein Julia 31. März 2017 um 08:03

    Habe das gerade erst gesehen – was für eine großartige Sache! Neu-Interpretationen von Klassikern sind ja immer interessant, auch wenn sie natürlich total in die Hose gehen können…

  • Antworten Momkki 9. April 2017 um 22:15

    Hallo liebe Namespatin!!

    Ich finde es richtig cool mal jemanden zu finden, der die Bücher aus dem
    Shakespeare Projekt auch liest Ich werde definitiv deine Beiträge dazu weiter verfolgen. Hast du das Neuste „Die störrische Braut“ schon gelesen?!

    Chapeau auch an diese Buchbesprechung!

    Lg Meike

  • Antworten [Rezension] Jeanette Winterson: Der weite Raum der Zeit – Kill Monotony 24. April 2017 um 19:30

    […] Herzpotenzial • Paper and Poetry Blog […]

  • Antworten El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur 24. Mai 2017 um 13:02

    […] Rezensionen zu „Der weite Raum der Zeit“: Herzpotenzial | Ricas fantastische Bücherwelt | Eulenmatz […]

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