Jamie Attenberg – Saint Mazie

Im vergangenen Jahr machte eine junge Debütautorin auf sich aufmerksam. Der Roman „Die Middlesteins“ löste große Begeisterung aus. Viele Blogger lobten das Werk über die ungewöhnliche jüdische Kleinstadtfamilie, die ihren massiv übergewichtigen Vater vom Essen abhalten wollen.
Ich war überrascht, wie breit die Begeisterung und Aufmerksamkeit für dieses Buch war. Für einen eher kleinen, unabhängigen Verlag erreichte es gute Sichtbarkeit. Meine Lieblingsbuchhandlung hatte es über Wochen als persönlichen Tipp auf einem Sonderplatz stehen.

Um es kurz zu machen: Ich habe das Buch bis heute nicht gelesen und ärgere mich darüber. Nun ist ein neuer Roman von Jamie Attenberg erschienen. Wieder steht eine jüdische Familie im Zentrum des Geschehens. Doch wirkt es auf mich, als hörten die Gemeinsamkeiten an dieser Stelle auf.

Die Geschichte von Mazie Philipps basiert auf einer historischen Person, die sich in der Weltwirtschaftskrise und in den Jahrzehnten danach für die Obdachlosen eingesetzt hat. Die Kinobesitzerin war aber alles andere als eine Heilige, wie der Titel vielleicht suggerieren mag. Sie führte ein ungewöhnlich offenes und selbstbestimmtes Leben, heiratete nie und ging auch ohne Anstandsdame in die schmutzigsten, finstersten Gossen New Yorks.
Mazie ist die mittlere von drei Schwestern, die nach einer schwierigen, lieblosen Kindheit nach New York ziehen. Die älteste Schwester holte sie und ihre jüngere Schwester direkt nach, als sie selbst eine stabile Beziehung gefunden hat. So wird sie zur Ersatzmutter für die beiden minderjährigen Schwestern und ihr Mann Louis Gordon zum Ziehvater. Eine ungewöhnliche Grundkonstellation, aus der viele für die Zeit unorthodoxe Lebensstile entstehen.
Mazie übernimmt – zunächst nur widerwillig und als Bestrafung für ihr ausschweifendes Nachtleben – die Stelle als Kassiererin im Kino ihres Schwagers. Doch nach einiger Zeit wird daraus ein dauerhaftes Arrangement und schließlich wird ihr das Kino übertragen. Was nicht zuletzt auch mit den zwielichtigen Geschäften ihres Schwagers zu tun hat.
Doch Mazie will es gar nicht so genau wissen. Ihr Fokus liegt auf den Armen und Gestrauchelten der Straße, für die sie immer ein gutes Wort und ein paar Pennys in der Tasche hat. Nacht für Nacht zieht sie durch die Straßen, genießt ihr Leben, kennt jede Bar – während der Prohibition auch die geheimen. Dabei lernt sie die unterschiedlichsten Menschen kennen und steht ihnen stets offen und vorurteilsfrei gegenüber. Sie weiß, was es bedeutet, sich hilflos zu fühlen und so hat sie stets ein paar Cents für die Ärmsten Manhattans in der Tasche.

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Kürzlich las ich einen Artikel darüber, dass es eine Zeit gab, in der den Männern die Straße gehörte. In der das Flanieren eine sehr männlich geprägte Tätigkeit wäre. Es werden einige bemerkenswerte Ausnahmen in diesem Artikel vom The Guardian beschrieben. Nicht zuletzt wegen Martha Gellhorn (einer ehemaligen Mrs. Hemmingway) ist das eine große Leseempfehlung. Die Verbindung zu Mazie Philips‘ ungewöhnlichem Lebensweg erzählt für mich auch von einer dieser wenigen Ausnahmen. War sie vielleicht eine der ersten großen Flaneurinnen ihrer Zeit?

Sie war definitiv in den düsteren Straßen New Yorks zuhause.  Sie wählt ein selbstbestimmtes Leben und in ihrer Entscheidung, den Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen, verwehrt sie sich selbst ebenfalls Aufstiegsmöglichkeiten. Doch sie scheint abseits der geltenden Regeln zu schweben und ihre eigenen Regeln zu entwickeln. Immer wieder zieht es sie nach draußen, in die Nacht und in Gegenden, in denen Frauen normalerweise nicht allein unterwegs waren. Sie war eine Frau, die sich die Straßen durch Stärke und selbstloses Handeln zu eigen machte. So wurde sie schließlich zur Legende.

Ein Interviewroman

Der Aufbau ist eigentlich das Spannendste an „Saint Mazie“. Konstruiert wie die erzählende Interviewreihe eines Kulturwissenschaftlerin oder einer investigativen Journalistin nähern wir uns über dritte und Umwegen der Protagonistin. Als Basisquelle dient das fiktive Tagebuch von Mazie, das mit den Erinnerungen von anderen Beteiligten und Zeitzeugen (Nachbarn, Augenzeugen und Historikern) untermauert oder in ein anderes Licht gerückt werden.
Hier hat die Autorin mit viel Feingefühl ein spannendes Netz aus Perspektiven geschaffen, die zum Einen Einblicke in Mazies Leben geben und zum Anderen auch indirekt etwas über die Interviewten selbst preisgeben. Nach und nach wird man neugierig auf die Interviewerin. Warum will sie all das über Mazie erfahren? Wieso befragt sie genau diese Menschen und warum äußert sich der Historikern so anzüglich?
Deshalb entwickelte das Buch gerade Richtung Ende einen  Sog in eine unerwartete Richtung.

Fazit


In Buch, wie ich es sicherlich nicht erwartet habe, doch das mich in den Bann ziehen konnte. Die spannende Mischung aus Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten gibt der – zugegeben – etwas unspektakulären Geschichte um die lebenslustige und selbstlose Mazie Philipps eine besondere Würze. Das Spiel mit den Perspektiven ist das Highlight.

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Eure Mareike


Jamie Attenberg – Saint Mazie
Verlag: Schöffling & Co.
Gebunden, 384 Seiten, 24,- €

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