Irène Némirovsky – Pariser Symphonie

Seit ich „Die Familie Hardelot“ von Irène Némirovsky gelesen habe, bin ich der Autorin verfallen. Und bei jedem Buch dieser fast vergessenen Frau, das neu aufgelegt wird, freue ich mich wieder. Denn auch wenn ich nie ein perfektes Leseerlebnis erwarte, werde ich doch jedes Mal wieder positiv vom facettenreichen Schreiben Némirovskys überrascht.

Eine geheimnisvolle Prophezeiung schickt den jungen Russen Sascha auf die lebenslange Suche nach seiner großen Liebe. Aline steht vor der gleichen folgenschweren Entscheidung, die ihre Mutter Jahre zuvor zu treffen hatte. Hélène wird von den Geistern der Vergangenheit verfolgt – und tut alles, um sie abzuschütteln … Auf kleinstem Raum entwirft Irène Némirovsky das präzise Porträt einer langen, in den Mühen des Alltags erstarrten Ehe, einer zerbrechlichen ersten Liebe oder einer tiefen Freundschaft, die das Leben prägt. Vielschichtig und unberechenbar sind die Charaktere, deren Sehnsüchte und Leidenschaften sie ausleuchtet. Némirovskys Erzählungen sind packende psychologische Studien und ein mitreißendes Leseerlebnis.

So sind es dieses Mal Erzählungen, die mich in ihren Bann ziehen wollen. Eine faszinierende Sammlung findet sich in diesem Buch. Einige Geschichten sind nur zwei oder drei Seiten lang (so richtig, was ich mir unter Kurzgeschichten vorstelle), andere sind viel länger. Eigentlich ist das ganz praktisch an solchen Büchern: Die Kapitel stehen in keinerlei Zusammenhang und rein theoretisch könnte man das Buch querbeet lesen, je nachdem, wie viel Zeit man gerade hat. Nun ja, ich habe mich aber trotzdem an die chronologische Reihenfolge gehalten. Irgendjemand hat sich schließlich darüber Gedanken gemacht, WIE die Geschichten im Buch angeordnet werden.

Alle Geschichten spielen im Paris nach dem ersten und vor dem zweiten Weltkrieg. Die Stadt ist immer präsent, auch wenn der Leser nicht viel von ihr zu sehen bekommt. Paris ist nur eine Kulisse für all die kleinen und großen Dramen, die sich zwischen diesen beiden Buchdeckeln abspielen. Némirovskys Erzählstil selbst erinnert dabei oft an einen Film. Bei so manchem Anfang einer Erzählung dachte ich eher an ein Drehbuch, so genau beschreibt Némirovsky das gesamte Setting und die Stimmung.

Pariser Symphonie von Irene Nemirovsky

Immer geht es um Liebe, immer geht es auch um verpasste Chancen. Diese beiden Themen tauchen in den unterschiedlichsten Variationen immer wieder in den einzelnen Erzählungen auf. Die Männer und Frauen, die von der Autorin zu den Hauptpersonen gemacht wurden, denken mal traurig, mal melancholisch, mal gelassen oder dankbar über die Entscheidungen nach, die sie in ihrem Leben getroffen haben. Sie resümieren, was ihnen ihre Entscheidung gebracht hat und auf welchen Weg sie sie geführt hat. Und natürlich ist ein großes Thema, welche anderen Möglichkeiten sie gehabt hätten. Die „Was wäre gewesen, wenn…“-Frage wird immer wieder gestellt. Wie die Mutter, die nach der Hochzeit ihrer Tochter überlegt, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn ihr erster Mann nicht im Krieg umgekommen wäre. Welche Gefühle hätten sie heute noch füreinander? Hätten sie vielleicht noch mehr Kinder bekommen? Oder hätte der Krieg sie beide so sehr verändert, dass sie sich voneinander abgewendet hätten? Diese Fragen tragen sie und beflügeln ihre Fantasie. Einerseits trauert sie dem Toten hinterher, andererseits ist sie dankbar für den Mann an ihrer Seite, der ihr und ihrer Tochter viele Jahre der Sicherheit gegeben hat und auch noch weiter geben wird. Und dennoch ist da dieses Gefühl, das es hätte anders sein können – anders sein müssen. Und als wäre ihr toter Mann immer noch in ihrer Nähe. Die Tragik des Verlusts und die Zerrissenheit der Protagonistin kann man beim Lesen spüren. Auch das ist etwas, dass der Autorin fast spielerisch in jeder Geschichte gelingt.

Fazit


Das Buch ist, was es im Titel verspricht: eine Symphonie. Die vielen kleinen Geschichten mögen alleine stehen, doch Paris ist das Motiv, dass sie zu einer großen zusammenschweißt. Sie zeigen, wie Némirovsky die Stadt und seine Bewohner zu Beginn des zweiten Weltkriegs sah. Ein kleines Stück Zeitgeschichte, dass man hier in den Händen halten kann.

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Eure Maike


Irène Némirovsky – Pariser Symphonie
Verlag: Manesse
240 Seiten, gebunden, 24,95 €

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5 Kommentare

  • Antworten Tobi 23. Mai 2016 um 23:00

    Liebe Maike,

    das Buch hab ich schon bei einer eurer Übersichten entdeckt und nachdem ich Paris als Kulisse einfach liebe, hab ich es mir näher angesehen. Aber so richtig überzeugen konnte es mich bisher nicht. Aber nach deiner Rezension hört sich das echt nicht schlecht an.

    Du schreibst, dass die Geschichten oft melancholisch sind. Würdest du sagen dass das Buch auch schwermütig ist und den Leser eher mit gedrückter Stimmung zurück lässt, oder schlägt es eher einen versöhnlichen Ton an? Ich kann mich an die Kurzgeschichten von Munro erinnern und die waren so gar nicht mein Fall. Da hatten die Geschichten irgendwie eine eigenartige Stimmung und mir war schon klar, was die Autorin heraufbeschwören wollte, aber die Szenen sind auch eine Welt, in der ich nicht unbedingt abtauchen möchte. Ist das bei diesem Buch auch der Fall?

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Antworten Maike 24. Mai 2016 um 19:47

      Lieber Tobi,

      ich mochte die Stimmung in den Geschichten sehr, auch wenn ich sie nicht so recht in Worte fassen kann. Dein „Versöhnlich“ trifft es aber ganz gut – Némirovsky hat mich nicht deprimiert zurück gelassen. Ein klassisches Happy End erwartet man bei Kurzgeschichten ja eher selten und das ist auch hier der Fall. Dennoch schafft die Autorin es, diesen Hoffnungsschimmer aufs Papier zu bringen, der einen eher optimistisch zur nächsten Geschichte wandern lässt.

      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten Eva 24. Mai 2016 um 11:44

    Hallo Maike,

    das klingt wirklich lesenswert. Ich finde Kurzgeschichten sowieso toll und von Némirovsky habe ich bisher auch noch nichts gelesen. Danke für den Tipp :)

    Liebe Grüße,
    Eva

  • Antworten Irène Némirovsky: „Pariser Symphonie“ | leseschatz 13. Juni 2016 um 17:35

    […] Siehe auch Maikes Besprechung in Herzpotenzial […]

  • Antworten Pariser Symphonie von Irène Némirovsky 17. Juli 2016 um 12:28

    […] wieder auf und aus einer anfänglichen Unentschlossenheit wurde dann nach den Rezensionen von Maike und Petra die Entscheidung für diese kleine Sammlung an Erzählungen. Die Autorin war mir […]

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