Irène Némirovsky – Das Mißverständnis

Nachdem ich „Die Familie Hardelot“ gelesen hatte, stand fest, dass ich definitiv noch weitere Bücher von Irène Némirovsky lesen muss. Die Wahl fiel auf „Das Mißverständnis“ – hauptsächlich weil es mir im Buchladen zufällig begegnete – doch irgendwie landete es nur auf meinem SUB. Immer kamen andere Bücher, die ich aus welchen Gründen auch immer zuerst in die Hand genommen habe. Während der Kehrwoche fiel mir das Buch dann wieder in die Hand und zur Lesenacht habe ich es endlich angefangen zu lesen.

[lightgrey_box]Als der von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs traumatisierte Yves in das Seebad zurückkehrt, wo früher seine Familie zusammen mit anderen reichen Pariser Müßiggängern die Sommer verbrachte, begegnet er der verwöhnten Denise, die ihm zum Spaß den Kopf verdreht. Aus dem Zeitvertreib wird schnell eine leidenschaftliche Liebesaffäre, die jedoch an den Klippen des Alltags zerschellt.[/lightgrey_box]

Der Angestellte Yves Harteloup lernt in den Ferien im spanischen Hendaye die reiche Denise Jessaint kennen. Das Leben der beiden könnte nicht unterschiedlicher sein. Denise ist verheiratet und hat ein Kind, langweilt sich aber in ihrer Ehe. Sie geht keiner Beschäftigung nach, sondern lebt unbeschwert den Luxus, den ihr Mann und dessen Vermögen ihr bieten. Im Gegensatz dazu hat Yves die größten Teile seines Vermögens  nach dem 1. Weltkrieg verloren und kämpft ständig mit Existenzängsten. Seine Arbeit als Angestellter in einem Büro macht ihm keinen rechten Spaß und beansprucht den größten Teil seiner Zeit. Von seiner Zeit im 1. Weltkrieg ist eine Art Kriegstraumata zurück geblieben, dass ihm alle Freude am Leben nimmt.
Das MißverständnisDennoch beginnt sich zwischen den beiden am Strand von Hendaye eine Liebesaffäre, die sich anschließend in Paris fortsetzt. Doch schon bald zeigt sich, dass diese den Gegebenheiten des Alltags nicht standhält. Denise steigert sich immer mehr in die Affäre und ihre Gefühle für Yves hinein, schon bald glaubt sie, er sei der einzige Sinn ihres Lebens. All ihre Gedanken kreisen um ihn und die Zeit mit ihm. Sie wartet den ganzen Tag neben dem Telefon auf seinen Anruf, sagt Verabredungen ab, um auf ihn zu warten und bereitet sich akribisch auf die wenigen Stunden vor, die sie mit ihm verbringen kann. Nach und nach entwickelt sie eine Abhängigkeit, die sich sogar in eine Besessenheit steigert.
Ganz anders nimmt Yves die Affäre wahr. Der Urlaub in Hendaye überstieg seine finanziellen Möglichkeiten um ein Vielfaches und schon bald plagen ihn schlimme finanzielle Sorgen. Gleichzeitig muss er in einen geregelten Alltag zurückkehren und seinen Verpflichtungen als Angestellter nachkommen. Denise‘ ständige Liebesschwüre und stummen Zweifel, dass sie ihm nicht genug sei und er die Beziehung gar nicht wolle, sind für ihn eine weitere Belastung, der er sich nicht recht entziehen kann. Nach und nach werden die unterschiedlichen Erwartungen der beiden an ihr Verhältnis immer deutlicher. Dabei werden auch immer mehr die gesellschaftlichen Unterschiede deutlich, die die beiden mehr trennen als einen. Der Lebenswandel des jeweils anderen ist ihnen vollkommen fremd und unverständlich und sorgt immer nur für noch mehr Konflikte. Nach und nach zeigt sich, dass ihre Liebe vor allem eins zu sein scheint: ein Mißverständnis.

Irène Némirovsky ist es gelungen, auf 170 Seiten die Entstehung und den Zerfall einer Liebesaffäre zu schildern, alles im leichten Plauderton, der für die Autorin so typisch zu sein scheint. Sie springt dabei immer wieder zwischen den beiden Protagonisten hin und her und schafft es, ihre Gefühle und Verhaltensweisen einzufangen, indem sie diese präzise schildert. Von Beginn der Liebesbeziehung bis zu den Versuchen, das anfängliche Glück zu verlängern, die Autorin lässt nichts aus und beschönigt nie. Vielleicht ist letzteres der Grund, warum ich mit den beiden Protagonisten einfach nicht zurecht gekommen bin. Besonders Denise hat mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Unselbstständigkeit wirkt wie Schwäche, ihre Sehnsucht wie kindisches Gewimmer. Mit ziemlicher Sicherheit hat Némirovsky die Figur gewollt so dargestellt, aber eine Sympathieträgerin ist sie für mich nicht. Gleiches gilt übrigens auch für ihren Gegenpart Yves und sämtliche (!) Nebenfiguren. Und doch haben mich die Charaktere fasziniert, in ihrer Bitterkeit und der Verzweiflung, ihre Idee vom Glück aufrecht zu erhalten. Damit sind sie so sehr beschäftigt, dass sie quasi gar nicht bemerken, wie ihnen das Glück zwischen den Fingern zerrinnt.

Fazit


Irène Némirovsky hat eine feinsinnige Gesellschaftsstudie abgeliefert,  der voll von psychologischem Feingefühl ist. Er ist natürlich einerseits ein Zeugnis ihrer Zeit, aber die Einblicke, die die Autorin gewährt, faszinieren auch heute noch. Mit Sicherheit ist dieses hier nicht Némirovskys stärkstes Buch, doch wer schon andere Bücher der Autorin gelesen hat, sollte sich ihr Debüt auf keinen Fall entgehen lassen.

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Eure Maike


Irène Némirovsky – Das Mißverständnis
Verlag: btb
170 Seiten, Taschenbuch, 9,99 €

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2 Kommentare

  • Antworten Tintenelfe 20. Januar 2016 um 16:59

    Mir haben „Suite francaise“ und „Der Ball“ gut gefallen, zu mehr bin ich noch nicht gekommen, obwohl ich es immer vorhatte. :-D

    LG
    Mona

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick Januar - Herzpotenzial 1. Februar 2016 um 17:07

    […] irgendwie Hemingway! Im Rahmen unserer Lesenacht habe ich endlich auch Irène Némirovskys „Das Mißverständnis“ gelesen. Das Buch lag völlig unverdient monatelang auf meinem SUB. Neu gekauft und direkt gelesen […]

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