Ian McEwan – Nussschale

Ein neuer Roman von Ian McEwan mit ungewöhnlichem Inhalt und einem großem Vorbild. Ganz kurz überlegte ich, ob Nussschale nicht auch im weiterem Sinne zum Shakespeare-Projekt zu zählen wäre. So bezieht sich Ian McEwan mit Titel und Zitat zu Beginn ganz unmittelbar auf William Shakespeares „Hamlet“:

„O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn mir meine bösen Träume nicht wären.“

Der Plot ist ebenfalls stark an das klassische Drama angelehnt. Die Protagonisten sind Claude, Trudy und ihr noch namenloser Sohn, die somit eine starke Namensähnlichkeit mit Königin Gertrude und ihrem Schwager Claudius haben. Dass der Junge vorerst namenlos bleibt ist ein charmanter Kniff. Ein kleiner Hamlet wäre wohl etwas plakativ gewesen. Und doch ist es nicht explizit als eine moderne Fassung von Hamlet markiert und nicht in dem offiziellen Projekt erschienen. Trotzdem würde es wohl gut passen. Vielleicht erweitern wir unseren Kanon um inoffizielle Titel?

Ian McEwan ist bekannt dafür, sich außergewöhnliche Erzählperspektiven zu suchen und seinen Stil an die jeweilige Figur anzupassen. Von jugendlich ausschweifend bis analytisch verkürzt: Ich habe schon vieles von ihm gelesen und wurde doch immer wieder überrascht. Bisher war meine Erfahrung bei Romanen von Ian McEwan so, dass ich das Buch sehr geliebt habe oder sehr, sehr enttäuscht war. So fand ich den sehr ausufernden Erzählstil von Abbitte fast unerträglich. Wohingegen ich Kindeswohl nicht nur in wenigen Stunden verschlungen hatte, es hat mich sogar einmal zu Tränen gerührt. Das passiert mir selten – eigentlich fast nie.

Dem neuen Roman stand ich eher skeptisch gegenüber, weil ich die Grundidee eher gewagt finde. Eine junge Frau und ihr Liebhaber planen den Mord an ihrem Mann und Vater ihres Kindes. Leider bekommt das ihr Sohn mit, ist geschockt und fantasiert von Rache. Soweit eine sehr simple, klassische Konstellation. Ungewöhnlich wird es dadurch, dass man die Geschichte aus der Perspektive des – Achtung – ungeborenen Kindes aus dem Mutterleib heraus erzählt bekommt. Ein altkluger und zum Philosophieren neigender Fötus führt den Leser durch die Handlung von Nussschale.

Trudy ist von ihrem Noch-Ehemann genervt und vergnügt sich lieber mit dessen Bruder Claude. In einer stetig aufeinander folgenden Kombination aus Alkoholrausch und wildem Liebesspiel verbinden die beiden ihre Tage. Dass Trudy nur noch wenige Wochen von ihrer Entbindung entfernt ist, hemmt die beiden keineswegs. Besonders der Alkoholkonsum wird zur Routine. Der ungeborene Erzähler entpuppt sich als regelrechter Kenner und genießt die Drinks, die seine Mutter mit ihm „teilt“. So mag es auf den Leser befremdlich wirken, wie sich die Schwangere verhält, sind die schädlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum während einer Schwangerschaft weitläufig bekannt. Doch dem Ungeborenen bereitet jeder Wein und jeder Gin unheimliche Freude. Deshalb sieht er das Verhalten seiner Mutter in diesem Fall vollkommen unkritisch. Erst als er von ihren Mordplänen hört, kommen ihm leise Zweifel an der Redlichkeit Trudys.

Ian McEwan hebt sein Spiel mit der Perspektive in diesem Roman auf eine völlig neue Ebene. Ein Ungeborenes ist einer der unzuverlässigsten Erzähler, die es wohl geben kann. Er kann nicht sehen, nur hören, ist an sehr vielen Stellen betrunken(!) und reimt sich vieles aus halb verschwommenen Gesprächen zusammen. Dadurch, dass er keinen der Beteiligten oder sonst etwas der Welt jemals gesehen hat, ist seine Welt eine rein geistige, eine stark von Fantasie und Glaube geprägte. Alles Wissen stammt von den Gesprächen der Mutter mit ihrem Liebhaber. So wird unser Bild des Vaters entsprechend vorurteilsvoll gezeichnet. Doch Blutsbande und moralische Einwände gegen den Mord lassen den ungeborenen Erzähler schnell sein durch die Mutter gezeichnetes Bild des Vaters anzweifeln und die Tat verurteilen. Aber welche Handlungsmöglichkeiten hat ein Kind im Bauch der Mutter? Er ist verdammt zum tatenlosen Zuhören. Wie der Leser selbst muss er mal fassungslos, mal gespannt oder auch wütend den Ereignissen folgen.

Fazit


Sicherlich nicht immer leicht zu ertragen sind die vielen Sex- und Alkoholszenen, die die Basis der Beziehung von Trudy und Claude zu sein scheinen. Besonders die doch sehr plastischen Beschreibungen aus der Sicht des Kindes sind eine eher unangenehme Erfahrung. Doch bilden sie ein wichtiges Gegengewicht zu dem altklugen Philosophieren, in das der Erzähler manchmal abgleitet. Daraus ergibt sich ein skurriler und ungewöhnlicher Mix, der sich spannend und unterhaltsam lesen lässt. Sicherlich ein Werk, das man mit Augenzwinkern verstehen sollte.

 

 

Eure Mareike


Ian McEwan – Nussschale
Verlag: Diogenes
Gebunden, 288 Seiten, 22 Euro

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2 Kommentare

  • Antworten trallafittibooks 10. Januar 2017 um 11:13

    Hallo!
    Das klingt… skurril. Aber irgendwie super interessant.
    Ich bin neugierig. Werde das Buch mal auf die WuLi setzen. :)

    Liebe Grüße,
    Nicci

  • Antworten Rezension – Nussschale – Celinas Bücherregal 25. Februar 2017 um 09:43

    […] Herzpotenzial (4/5 Herzen) […]

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