Howard Jakobson – Shylock

Im Rahmen unseres Shakespeare-Projekts habe ich mich zuerst der Neuinterpretation von „Der Kaufmann von Venedig“ gewidmet: Shylock. Der Man Booker-Preisträger Howard Jacobson hat sich dem inzwischen als am kontroversesten angesehenen Stoff Shakespeares gewidmet. Das Stück gilt als ausgesprochen antisemitisch und wird in modernen Adaptionen sehr frei und teilweise entgegen der von Shakespeare intendierten Weise aufgeführt. Umso brisanter, dass sich ein jüdischer Autor diesem Thema nun genähert hat und ihn zum Sprachrohr des aktuellen Jüdisch-Diskurses macht.Aber bevor ich nun näher auf „Shylock“ eingehen möchte, findet ihr hier die wichtigsten Daten rund um das Ursprungsdrama:

Der Kaufmann von Venedig in Kürze:

Typus: Komödie
Erschienen: 1596/97
Inhalt: Der mittellose BASSANIO möchte um die reiche PORTIA werben, in die er sich verliebt hat. Sein Freund ANTONIO, der Kaufmann von Venedig, möchte ihn dabei finanziell unterstützen und macht dafür Schulden bei dem jüdischen Geldverleiher SHYLOCK. Da dieser alle Christen hasst und öffentlich von ANTONIO gedemütigt wurde, greift er zu einer List: Er verlangt zwar keine Zinsen, aber dafür als Sicherheit ein Pfund Fleisch von ANTONIO, sollte der nicht rechtzeitig die Schulden begleichen.
Gleichzeitig steht BASSANIO vor einer seltsamen Aufgabe: Er soll sich für eines von drei Kästchen entscheiden, dass ihm PORTIA zeigt. Entscheidet er sich falsch, soll er sein Leben lang ehelos bleiben – so verlangt es das Testament ihres Vaters.
Wie es so ist, gibt es noch weitere Bewerber um die junge Frau und ANTONIO gerät in Zahlungsnot…
Bekannte Zeile: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“
Wichtig zu wissen: Shylock fordert „ein Pfund Fleisch“, was im biblischen Kontext gern als Umschreibung für den Penis genommen wurde. Shakespeare lässt es offen, ob er damit auf ein Stück Rückenfleisch, eine Kastration oder gar auf den Beschneidungsritus der Juden hinausmöchte.
Seit einigen Jahrzehnten tun sich Schauspielhäuser sehr schwer mit dem Stoff, interpretieren die antisemitischen Elemente eher in ihr Gegenteil und lassen Shylock als das Opfer darstellen.

howard-jacobson-bk„Shylock“ ist nun eine Romanadaption des Stoffes, der in das heutige England übertragen wurde. Venedig spielt eher am Rande eine Rolle. Die Handlung verteilt sich auf das Villenviertel in Manchester, in der der reiche Kunstsammler Strulovich verzweifelt versucht, die Kontrolle über seine rebellierende Tochter zurückzuerlangen. Diese scheint einzig auf eins aus zu sein: Provokation und Verletzung des väterlichen Herzens. Am besten gelingt ihr dies, indem sie sich unpassende Verehrer aussucht. Sie freundet sich mit der leichtlebigen, etwas überdrehten Erbin Plurabelle an. Bei der sie den Fußballstar Gratan kennen- und lieben lernt, der erst kürzlich von sich reden machte, weil er auf dem Spielfeld den Hitlergruß präsentierte. Gratan ist nicht antisemitisch, aber vollkommen unreflektiert und ohne die historische Tragweite dieser Geste einschätzen zu können.

In Strulovich erwacht ein neuer tiefer Stolz auf seine jüdische Herkunft und Kultur und er wendet sich in seiner Verzweiflung an den wunderlichen Kaufmann Shylock. Diesen trifft er wirr vor sich hinredend am Grabe von dessen Frau. Shylock begibt sich in eine lange Reihe von philosophischen Gesprächen mit Strulovich über das Judentum, das Jüdisch-Sein in der heutigen Zeit, Vorurteile von und gegen Juden und – Achtung, das ist quasi Dauerthema – Vorhäute.
Der zweite Handlungsstrang dreht sich um Plurabelle, die reiche Erbin, die von einem jungen, mittellosen Mann erobert werden soll, der sie mit einem Gemälde aus Strudovichs Sammlung beeindrucken möchte.

Die Dramenstruktur bleibt in vielen Elementen enthalten: Die Aufteilung in fünf Akte gibt eine grobe Orientierungshilfe, der Stil ist stark dialog- und monologlastig und erinnert deshalb ebenfalls an die Dramenstruktur. An vielen Stellen sind originale Shakespeare-Zeilen in den Text eingewebt worden. Diese werden kursiv im Text hervorgehoben und zeigen immer wieder, wie nah oder weit sich „Shylock“ am Original befindet oder entfernt.
Die Übertragung vom „Pfund Fleisch“, was vermutlich eh eine Verklausulierung des männlichen Geschlechts durch Shakespeare sein sollte, wird dieser modernen Adaption endgültig in die Beschneidung, also zur Vorhaut als Symbol des Jüdischem umgedeutet. Es geht also um die Konvertierung zum Judentum, die der rasende Vater vom Fußballstar verlangt.  So, wie dieser es darstellt, eine enorme Stigmatisierung und eine fast unmenschliche Verstümmelung.

Das Problem, das sich mir während der Lektüre stellte, war, dass ich ohne Vorkenntnisse der Handlung nicht immer folgen konnte. Und so gab es tatsächlich immer wieder Gedankenspiele, Andeutungen, ganze Seiten, die auf Vorkommnisse aus „Der Kaufmann von Venedig“ Bezug nehmen, aber dabei diese nicht erklärt. Nun musste ich also meine Lektüre unterbrechen und mich zunächst durch das Original lesen, um den komplizierten Verpflechtungen und Gedankensprünge folgen zu können. Doch selbst dann war dieses Buch wirklich keine leichte Lektüre. Die zentralen Themen wurden in einer exponierten, an Ausführlichkeit kaum zu überbietenden Weise von … naja, eigentlich immer dem selben Blickwinkel auf die Juden und den Antisemitismus dargestellt. Außerdem wurde sehr, sehr viel über Vorhäute gesprochen – wirklich viel!
Die Rolle des titelgebenden Shylock fällt weitaus diffiziler aus als in dem Werk Shakespeares, was vermutlich nicht weiter verwunderlich ist. Ein so antisemitischer Tonfall, der noch zu Zeiten des großen Dramatikers für allgemeine Erheiterung gesorgt haben mag, kann heute nur noch peinlich berühren. Es ist Jakobson hoch anzurechnen, dass er Shylock aber nicht zu einem Opfer oder einer heroischen Figur gemacht hat. Die Figur bleibt undurchschaubar, düster und ein wenig sperrig. Doch verliert er auch seine zentrale Funktion als Wucherer, was ich ein wenig schade finde, denn somit bleibt im gesamten Roman nicht ganz klar, welche Funktion ihm überhaupt zukommt. Er ist Hausgast beim Kunstsammler Strulovich, bringt sich ungefragt in dessen Familiengespräche ein, fühlt sich aber eigentlich dort nicht richtig wohl. Er verlangt nicht mehr das Pfund Fleisch, verleiht kein Geld und scheint auch sonst keine treibende Figur zu sein. Shylock gibt sich selbst als das Gewissen des Kaufmanns aus, aber klaren Aussagen entzieht er sich.

Fazit


Definitiv kein leichter Einstieg in das Shakespeare-Projekt. Die Thematik ist sperrig und auch in ihrer modernen Adaption nicht immer ganz nachvollziehbar. Die kontroversen Stellen hat Howard Jacobson sehr intelligent eingebaut und modernisiert ohne sie abzuschwächen oder gar auszuklammern. Ein sehr anspruchsvoller Text für große Fans Shakespeares.

Eure Mareike


Howard Jacobson – Shylock
Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence
Verlag: Knaus
Gebunden, 285 Seiten, 19,99€

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6 Kommentare

  • Antworten [Wochenwürfel] Buchverrückte Wochennews – buchverrueck.de 12. Juni 2016 um 17:41

    […] teilzunehmen und die Werke abwechselnd vorzustellen.  Mareike hat nun die erste Rezension zum Buch Howard Jakobson – Shylock  veröffentlicht. Ich bin dem großen Dramatiker seit Schultagen verfallen und freue mich sehr, […]

  • Antworten Karin 12. Juni 2016 um 17:58

    Ich finde es ganz interessant, wie unterschiedlich Leser das Buch auffassen. Ich denke, du hast sicherlich in manchen Punkten recht. Gewisse Stellen wurden etwas häufiger wiederholt und das könnte etwas störend wirken. Ich persönlich fand Jacobsons Adaption aber wirklich gut! Vielleicht lag das daran, dass ich mich gar nicht so sehr auf den Originaltext fixiert hab und versucht habe das Werk an sich etwas alleinstehend zu interpretieren. Dabei finde ich, hat Jacobson, vor allem diese total absurde Fixierung auf die Beschneidung und dieses ganze „Theater“ um das “ wirklich jüdisch sein“ ziemlich gut herausgehoben. : ) Über die Figur Shylocks selbst habe ich mich zeitweise auch etwas unsicher gefühlt, fand aber am Ende auch, dass er durch diese Lenkung Strulovichs, einige Charakterzüge des Originals beibehalten hat.

    Liebe Grüße,
    Karin

  • Antworten [Die Sonntagsleserin] Juni 2016 | Phantásienreisen 3. Juli 2016 um 08:00

    […] von Herzpotenzial hat sich der Neuinterpretation von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ gewidmet. Doch obwohl „Shylock“ keine leichte Lektüre ist, ist es Mareike gelungen, […]

  • Antworten Schröersche 5. November 2016 um 11:33

    „… in dem Werk Shakespeares […] Ein so antisemitischer Tonfall, der noch zu Zeiten des großen Dramatikers für allgemeine Erheiterung gesorgt haben mag, kann heute nur noch peinlich berühren.“ –

    Noch bin ich nicht in das Shakespeare-Projekt eingestiegen, habe also auch nicht Jacobsons Buch gelesen und will darüber nichts sagen, sondern Shakespeare verteidigen.

    Nein, so einfach ist das nicht. Wir haben den „Kaufmann“ in der Runde gelesen und darüber diskutiert und kamen zu den Schluß, dass ganz im Gegenteil Shakespeare vermag, die vielen Schichten einer komplexen Person des Shylocks aufzurühren, was uns eher verstört hat, als erheitert. In der hämischen Abfertigung sahen wir eher eine schreiende Anklage an das herrschende System. Man ist am Ende der „Kommödie, in der alles gut ausgeht“ nicht mit dem Stoff fertig, sondern er bleibt ein Stachel im Fleisch. Uns war klar, dass Shakespeare das so wollte.

  • Antworten [Rezension] Howard Jacobson: Shylock – Kill Monotony 22. April 2017 um 16:43

    […] Little Words • Herzpotenzial […]

  • Antworten Rezension | Howard Jacobson: Shylock | Kill Monotony Buchblog 1. September 2017 um 11:21

    […] Little Words • Herzpotenzial […]

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