Das Buch Schnee auf dem Kilimandscharo am Strand hochgehalten

Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo

Ernest Hemingway. Dieser Name hat einen Klang. Dort schwingt etwas mit, eine gewisse Ehrfurcht. Ein Autor, der etwas geschaffen hat, das überdauern wird. Maike und ich sind bekanntlich beide sehr fasziniert von ihm und den anderen Autoren der Lost Generation. Doch scheint es, dass gerade Hemingway in den vergangenen Jahren eine Wiederentdeckung erfährt. Viele Autoren nehmen sich seiner Person und seinem bewegten Leben an. Seine vier Ehefrauen bieten vielfältige Möglichkeit sich ihm, dem Mann, dem Urtypus eines Mannes zu nähern: Charmant, Kriegsheld, wettergegerbter Jäger und Boxer, vereint Hemingway in sich viele Idealbilder eines kernigen Mannes. Und doch endete sein Leben verletzlich: Verbittert und frustriert, fast wahnsinnig vom Drang endlich seine Schreibblockade überwinden zu wollen, schießt er sich beim Reinigen seiner Waffe in den Kopf. So behauptet es zumindest seine letzte Frau Mary. Bis zuletzt beharrt sie darauf, dass es sich dabei um einen Unfall handelt.
Ein Unfall und eine Unachtsamkeit spielen auch in dieser Neuauflage der Kurzgeschichtensammlung »Schnee auf dem Kilimandscharo« eine nicht unbedeutende Rolle. So liegt Harry, ein Schriftsteller, nach einer nicht versorgen Schramme an Wundbrand im Sterben. Die titelgebende Erzählung erzählt in visionsartigen Rückblenden von Harry Leben in Paris, in den Alpen und seiner nordamerikanischen Heimat. Einbildung und Wirklichkeit verschwimmt immer mehr und Harry spürt den Tod herannahen.
Die Verbindungen zu Hemingways eigenen Lebensstationen sind hier deutlich zu sehen. Auch in den anderen Erzählungen verarbeitet er seine Kriegserfahrungen, berichtet von einer Kindheit in Nordamerika oder beschreibt in exzellenter Präzision einen Boxkampf. Überall spürt man sein Expertentum und vor allem seine Leidenschaft für die Sprachpräzision.

Diese Sammlung endet mit der Erzählung »Das kurze glückliche Leben des Francis Macober«, einer intensiven Beschreibung einer Safari, die dem reichen Macober prestigeträchtige Trophäen einbringen soll. Doch sein Verhältnis zu seiner Frau ist gespannt, Versagensangst, Selbstzweifel und die eigene Inkompetenz gipfeln schließlich in der Katastrophe: Ein Schuss in den Kopf.
Wer weiß schon so genau, was in der Hitze des Gefechts tatsächlich passierte. Ist es wirklich wichtig, dass hier etwas in Worte gefasst werden muss?

Einige der Erzählungen scheinen mir so voller Bedeutungen und Bilder, dass ich sie sicherlich wieder und wieder lesen muss, bis sie sich mir vollends erschließen werden. Hemingway macht es einem sicherlich nicht leicht mit seiner dichten, bedeutungsschwangeren Sprache. Doch muss man ihm zugute halten, dass diese Sprache immer schlicht ist, schnörkellos.
Hemingway ist der Meister des Ungesagten. Seine berühmte Eisbergtheorie besagt, dass zwei Drittel unter der Oberfläche liegen, also ungesagt bleiben. Und das spürt man in diesen Kurzgeschichten in jeder Zeile. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Man spürt die Intensität, die unter den Worten liegt, spürt die Spannungen zwischen den Figuren und fühlt sich wie kurz vor dem Ausbruch eines Gewitters: Das Grollen kündigt es an, die Luft flirrt vor Spannung – es ist nicht nötig, dass jemand das Offensichtliche ausspricht.
Wenn man mich fragt, warum ich Hemingway liebe, dann wegen dieser Perfektion der Beschreibung. Weil er erkannt hat, dass menschliche Beziehungen zu großen Teilen aus dem Unausgesprochenen bestehen und auch nur deshalb funktionieren. In seinen Geschichten fängt er unseren Instinkt ein.

Fazit


Die Erzählungen spiegeln perfekt die Genialität des Genies Hemingway wieder. Ihm gelingt es, in wenigen Sätzen jahrelange Beziehungen einzufangen. In diesen kurzen Geschichten sitzt jedes Wort und die neue Übersetzung überträgt das perfekt ins Deutsche. Ein Muss für jeden Fan von Präzision.

Eure Mareike


Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo
Neuübersetzung
Verlag: Rowohlt
Gebunden, S.225, ca. 18,95 €

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1 Kommentar

  • Antworten grinselamm 5. August 2017 um 10:07

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Genau deswegen lese ich auch immer wieder Hemingway. Auch, wenn ich nicht alles beim ersten oder zweiten Mal versteh, aber das macht nichts :).

    Liebe Lesegrüße

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